Gedanken zu den kaiserzeitlichen Grabhügeln der Nordwestprovinzen

Sabine Hornung

Abstract


Die Grabhügelsitte der späten Eisen- und der Römerzeit in Nordostgallien und Britannien ist ein Phänomen, welches Einblicke in die Mechanismen sowie den Verlauf eines kulturellen Wandels bietet, den wir unter dem Begriff Romanisierung oder besser Romanisation zusammenfassen. Hierbei charakterisiert das Auftreten von Hügelgräbern in dieser Epoche stets Phasen höchster sozio-ökonomischer Dynamik und lässt sich in Gesellschaften beobachten, deren Kultur bzw. Struktur sich unter mediterranem Einfluss graduell und von innen heraus wandeln. Daher ist es sicher kein Zufall, dass das Vorkommen von Grabhügeln in seinem Rhythmus anderen, direkt oder indirekt durch Südkontakte bedingten Veränderungen, wie z. B. der Entstehung proto-urbaner und urbaner Zentren oder neuer, auf Fernkontakte und verstärkt auch Überschussproduktion ausgerichteter, wirtschaftlicher Organisationsformen, recht gut entspricht. Bereits in der späten Eisenzeit ist das Wiederaufleben der Hügelgräber eng an das Phänomen der Elitenbestattungen, also an die jeweilige Stammeselite, gebunden. Wie die Elitengrabsitte selbst, bleiben die Hügel in ihrer Verbreitung auf die Peripherie der mediterranen Einflusssphäre begrenzt. Chronologisch lässt sich ihr erstmaliges Auftreten etwa parallel oder mit nur geringem zeitlichem Versatz zur Aufnahme von Südimporten in die einheimische Prestigesymbolik beobachten, ein potentielles Zeichen für die direkte oder indirekte Verknüpfung beider Phänomene. Grabsitte und Totenbrauchtum bleiben von diesen Einflüssen jedoch zunächst weitgehend unberührt, und Kulturkontakte werden zu Beginn ausschließlich anhand der Übernahme einzelner Elemente fremder Sachkultur und deren Integration in einheimische Sitten und Gebräuche fassbar. Der Hügel als eine im kulturellen Gedächtnis fest verankerte Form der Statusrepräsentation ist vor diesem Hintergrund eine traditionsorientierte Form des Grabmonuments, ohne dass seine Renaissance zugleich auch direkte Kontinuitätslinien seit der älteren Eisenzeit implizieren muss. Erst sekundär berührt der Prozess der Akkulturation dann auch die immaterielle Kultur und löst einen graduellen Wandel von Repräsentationsgewohnheiten und Glaubensvorstellungen aus, der sich anhand von Grabfunden gut nachzeichnen lässt und im Falle der Bestattungen unter Hügeln etwa seit augusteischer Zeit in immer stärkerem Masse fassbar wird. Auch in der Kaiserzeit bleibt die Grabhügelsitte weiterhin ein Peripheriephänomen und ist in ihrem Vorkommen auf die jeweiligen kulturellen Grenzregionen beschränkt sowie in indigenem Milieu weiterhin an eine grundbesitzende Oberschicht gebunden. Das römische Militär scheint als kultureller, aber auch sozio-ökonomischer Impulsgeber ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle in Hinblick auf Form und Verbreitung der Hügelgräber gespielt zu haben. Weit darüber hinaus jedoch bestimmen die Enge des Kontaktes der einzelnen Bestattungsgemeinschaften mit Rom und deren wirtschaftliche Prosperität zugleich sehr konsequent die Art der funerären Statusrepräsentation und vor allem ihren Romanisierungsgrad. Entsprechend steigt im Laufe der Zeit der prozentuale Anteil an Hügeln mit Ringmauer und Grabkammer römischen Stils allmählich an und ist in seiner Verbreitung an das Umfeld der städtischen Zentren gebunden. Da sich der Verlauf des Romanisierungsprozesses chronologisch wie strukturell in den verschiedenen Provinzen und Regionen unterscheidet, spiegelt auch die Verbreitung der Hügel einheimischen sowie der tumuli und Rundbauten römischen Typs diese variierenden sozio-ökonomischen Gegebenheiten unmittelbar wider. Das Auslaufen der Grabhügelsitte im 2. bzw. 3. Jahrhundert n. Chr. ist durchweg in dem Moment kulturellen Wandels zu beobachten, in dem die einheimische in der provinzialrömischen Kultur aufgeht und somit neue Formen funerärer Statusrepräsentation für die indigene Bevölkerung an Bedeutung gewinnen. Alternativ hierzu lässt es sich mit Krisensituationen, so speziell einem wirtschaftlichen Niedergang, in Verbindung bringen. Über die gesamte, betrachtete Epoche hinweg besitzt der Hügel eine in einheimischen Traditionen verwurzelte Funktion als Symbol der Identität und Prosperität, welche er erst unter immer stärkerem römischem Einfluss und mit Entstehen neuer semiotischer Codes verliert und daher außer Mode gerät.

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DOI: https://doi.org/10.11588/berrgk.2017.0.44430

URN (PDF): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-berrgk-444300

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