Warum weint die Königin?
Die Tränen der Isabeau de Bavière (1431) als narratives Strukturelement in der spätmittelalterlichen Historiographie
Identifier (Artikel)
Abstract
Die Schilderung der Entrée Heinrichs VI. in Paris am 2.12.1431 im Journal d’un bourgeois de Paris beinhaltet ein bemerkenswertes Detail: Beim Anblick ihres Enkels sei die Königinwitwe, Isabeau de Bavière, in Tränen ausgebrochen und habe sich abgewandt. Durch die Anwendung moderner emotionsgeschichtlicher Methoden wird versucht, diesen Ausschnitt zu deuten. Auf eine Untersuchung der Skripte und mentalen Konzepte der Zeitgenossen in Bezug auf Tränen von Fürstinnen folgt eine genaue Kontextualisierung des Ereignisses. Hier wird der Quellenwert des Journal deutlich, das ganz offensichtlich für einen breiten Rezipientenkreis ausgelegt ist. Isabeaus Tränen werden als narratives Strukturelement des Journal interpretiert, das sich in die Darstellungsabsicht des Autors einfügt. Die expressive Funktion ergibt sich aus geschlechtsspezifischen Mustern, die in der spätmittelalterlichen Historiographie an vielen Stellen bezeugt sind. Durch die Tränen der Königin werden Zerrüttung und Spaltung der königlichen Dynastie symbolisiert und beklagt.
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