Francia https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr <p><a href="https://www.dhi-paris.fr/publikationen/francia.html" target="_blank" rel="noopener"><em>Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte</em></a> ist die einzige deutsche historische Fachzeitschrift, die sich der Geschichte Frankreichs und Westeuropas widmet. Sie wird seit 1973 vom Deutschen Historischen Institut Paris herausgegeben und erscheint einmal jährlich in einem Band von ca. 500 Seiten in gedruckter und elektronischer Form. Ab Band 52 (2025) erscheinen die Beiträge im sofortigen Open Access unter einer Creative Commons-Lizenz (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de" target="_blank" rel="noopener">CC-BY-SA</a>). Die Beiträge früherer Ausgaben stehen hier und auf <a href="http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-retro?set_language=en" target="_blank" rel="noopener">perspectivia.net</a> zur Verfügung.</p> <p>Francia enthält Beiträge in deutscher, französischer oder englischer Sprache; alle Beiträge haben dreisprachige Resümees. Herausgeber und Redaktion entscheiden über die Annahme der Beiträge nach einem Peer-Review-Verfahren. Die für die Epochen zuständigen Fachredakteur:innen unterstützen die Autor:innen bei der Vorbereitung der Publikation. Weitere Informationen finden Sie im Menü unter "Über uns".</p> <p>Die Rezensionen werden seit Band 35 (2008) in vier Ausgaben pro Jahr online im Rezensionsjournal <em><a href="https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/frrec/index" target="_blank" rel="noopener">Francia-Recensio</a></em> veröffentlicht. Sie stehen ebenfalls auf der Rezensionsplattform <a href="http://www.recensio.net/rezensionen/zeitschriften/francia-recensio?set_language=en" target="_blank" rel="noopener"><em>recensio.net</em></a> zur Verfügung.</p> Deutsches Historisches Institut Paris de-DE Francia 0937-7743 <p>Das Digitalisat wird Ihnen von perspectivia.net, der Online-Publikationsplattform der Max Weber Stiftung - Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, und der Universitätsbibliothek Heidelberg zur Verfügung gestellt. Bitte beachten Sie, dass das Digitalisat urheberrechtlich geschützt ist. Erlaubt ist aber das Lesen, das Ausdrucken des Textes, das Herunterladen, das Speichern der Daten auf einem eigenen Datenträger soweit die vorgenannten Handlungen ausschließlich zu privaten und nicht-kommerziellen Zwecken erfolgen. Eine darüber hinausgehende unerlaubte Verwendung, Reproduktion oder Weitergabe einzelner Inhalte oder Bilder können sowohl zivil- als auch strafrechtlich verfolgt werden.</p> Rapprochement et réconciliation en Europe https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115608 <p>Seit den 1960er Jahren haben deutsche und französische Regierungen und die beiden Gesellschaften die Erzählung von der deutsch-französischen Versöhnung entwickelt: Die »Erbfeinde« seien zu »Erbfreunden« geworden, und diese Aussöhnung sei das wertvollste Erbe der deutsch-französischen Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Begriff ist inzwischen allgegenwärtig, so dass manche den »Versöhnungskitsch« anprangern. Die Begriffe und Ideen der Annäherung und Versöhnung haben jedoch eine Geschichte. Auch wenn sie beide auf die wiederhergestellte Koexistenz zwischen ehemaligen »Feinden« verweisen, unterscheidet sie ihr Verhältnis zur Zeit. Während die Annäherung zukunftsorientiert ist, muss die Versöhnung erst die in der Vergangenheit verwickelten Fäden entwirren. Die Erinnerung und die Anerkennung der Opfer stehen heute im Mittelpunkt dieses Prozesses, und das Vergessen wird als moralisches Vergehen verurteilt. Das war nicht immer so. Der Artikel analysiert die Narrative der bilateralen Annäherung und Versöhnung, um die Beziehung der beiden Gesellschaften zur Vergangenheit zu verstehen, zwischen dem vom Westfälischen Frieden inspirierten Modell des Vergessens und dem aktuellen, von Hypermnesie charakterisierten Modell. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte bedeutet, ihre Herausforderungen zu verstehen: die bilaterale, europäische und globale Ebene in einer bipolaren Welt, die den deutsch-französischen Beziehungen (BRD, DDR) eine doppelte Ausrichtung gab; das Zusammenspiel und die Komplementarität offizieller und gesellschaftlicher Akteure; die verschiedenen Zeitlichkeiten mit Blick auf die Komplexität der kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit.</p> Corine Defrance Copyright (c) 2025 Corine Defrance https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 5 31 10.11588/fr.2025.1.115608 Inhaltsverzeichnis https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115664 Francia Redaktion Copyright (c) 2025 Deutsches Historisches Institut Paris https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de 2026-08-31 2026-08-31 52 V VII 10.11588/fr.2025.1.115664 Titelei https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115663 Francia Redaktion Copyright (c) 2025 Deutsches Historisches Institut Paris https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de 2026-08-31 2026-08-31 52 I IV 10.11588/fr.2025.1.115663 Im Jahr 2024 eingegangene Rezensionsexemplare https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115662 Francia Redaktion Copyright (c) 2025 Deutsches Historisches Institut Paris https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de 2026-08-31 2026-08-31 52 517 517 10.11588/fr.2025.1.115662 Elizabeth A. R. Brown (1932-2024) https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115660 Rolf Große Copyright (c) 2025 Rolf Große https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 507 510 10.11588/fr.2025.1.115660 Jean-Pierre Azéma (1937-2025) https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115661 Stefan Martens Copyright (c) 2025 Stefan Martens https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de 2026-08-31 2026-08-31 52 511 515 10.11588/fr.2025.1.115661 La charte féodale comme opérateur temporel https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115657 Joseph Morsel Copyright (c) 2025 Joseph Morsel https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 439 475 10.11588/fr.2025.1.115657 Pas de révolution - ou bien si? https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115658 <p>Der Beitrag analysiert drei wichtige Neuerscheinungen zum 500. Jubiläum des Bauernkriegs, der in Frankreich als »vergessene Revolution« gilt, in Deutschland dagegen als Teil der nationalen Erinnerungskultur gefeiert wird. 1975 wurde er in der Deutschen Demokratischen Republik marxistisch-leninistisch zur »frühbürgerlichen Revolution« nobilitiert, in der Bundesrepublik als reformatorisch inspirierte »Revolution des gemeinen Mannes« gepriesen. Diesen heroisierenden Gesamtdeutungen stehen die aktuellen Interpretationen skeptisch gegenüber. Gerd Schwerhoff synthetisiert in seiner handbuchartigen Gesamtdarstellung zuverlässig den Forschungsstand zu einer dichten »Geschichte einer wilden Handlung« und betont den unberechenbaren Eigenwert des Ereignisses. Thomas Kaufmann affichiert den Aufstand als Medienereignis, dem er allerdings eine auf Druckmedien verengte Definition zugrunde legt; daher stehen bei ihm dann Luther und die Flugschriften im Zentrum, während die nicht-gedruckten Medien und die Kommunikation der Akteure im Feld unterbelichtet bleiben. Lyndal Roper schliesslich legt den Fokus auf Emotionen, Erfahrungen und Freiheitshoffnungen der Bauern; sie betont die soziale Dynamik sowie die Rolle der brüderlichen Gemeinschaft und der Geschlechterverhältnisse. Während Schwerhoff den Revolutionsbegriff für 1525 ablehnt und Kaufmann Sinnzuschreibungen für historische Ereignisse für unzulässig hält, sieht Roper im Bauernkrieg einen revolutionären Wendepunkt, der die Legitimität von Herrschaft dauerhaft in Frage stellte.</p> Andreas Würgler Copyright (c) 2025 Andreas Würgler https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 477 489 10.11588/fr.2025.1.115658 Écrire l’histoire des crimes nazis https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115659 <p>Der Literaturbericht von Florent Brayard analysiert zwei jüngst erschienene wichtige Werke: <em>Empire of Destruction</em> von Alex J. Kay und <em>Nationalsozialistische Verbrechen</em> von Dieter Pohl. Die vergleichende Analyse ist in zweierlei Hinsicht gerechtfertigt: Beide Autoren beschäftigen sich mehr oder weniger mit demselben Thema, nämlich der verbrecherischen Politik des »Dritten Reiches«, und beide streben danach, eine integrierte Geschichte dieses Gegenstandes zu bieten. Dies bietet Gelegenheit, über die Mittel nachzudenken, mit denen die beiden Historiker ihr Thema erfassen und darüber schreiben. Welche Quellen werden verwendet, um welche Wirkungen zu erzielen? Wie soll man periodisieren? Wie viel Autonomie soll man den verschiedenen Akteuren zugestehen? Wie kann man deren Motive rekonstruieren? Dies sind einige der Fragen, die sich aufgrund der außergewöhnlichen Grausamkeit der geschilderten Ereignisse mit besonderer Dringlichkeit stellen.</p> Florent Brayard Copyright (c) 2025 Florent Brayard https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 491 506 10.11588/fr.2025.1.115659 Vorwort des Herausgebers https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115603 Klaus Oschema Copyright (c) 2025 Klaus Oschema https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 1 4 10.11588/fr.2025.1.115603 A New Witness of the So-Called Chronicon Moissiacense from Narbonne and Its Importance for the Use of Carolingian Historiography https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115609 <p>Die Entdeckung eines bislang übersehenen Exzerpts aus dem sogenannten <em>Chronicon Moissiacense</em>, einer karolingischen Weltchronik des frühen 9. Jahrhunderts, das am Ende eines spätkarolingischen Codex der <em>Collectio Dionysio-Hadriana</em> aus Narbonne kopiert ist, bietet die Möglichkeit, diese Handschrift umfassend zu kontextualisieren. Zunächst analysieren wir die ebenfalls dem Codex hinzugefügten Papstbriefe aus dem 11. bis frühen 12. Jahrhundert, die allesamt Rechtsstreitigkeiten und Privilegien des Erzbischofs von Narbonne zum Gegenstand haben. Anschließend präsentieren wir eine Abschrift des <em>Chronicon</em>-Auszugs und werfen einen detaillierten Blick auf dessen Inhalt, der sich ausschließlich mit der Verurteilung des Adoptianismus (befürwortet von Erzbischof Elipandus von Toledo und Bischof Felix von Urgell) auf dem Konzil von Frankfurt im Jahr 794 beschäftigt. Indem die Studie dieses Textstück in einen Dialog mit den späteren Konflikten und Rechtsansprüchen der Kirche von Narbonne bringt, argumentiert sie, dass Narbonnes rückblickendes Interesse an diesem zentralen karolingischen Ereignis wahrscheinlich durch zeitgenössische Sorgen motiviert war. Insbesondere im Zusammenhang der Wiederherstellung der Kirchenprovinz Tarragona im späten 11. Jahrhundert, die Narbonnes frühere Rechte an den katalanischen Diözesen südlich der Pyrenäen bedrohte, versuchte das Erzbistum Narbonne seine Position zu stärken, indem es sich auf historisch begründete Rechtsansprüche berief.</p> Patrick S. Marschner Matthias M. Tischler Copyright (c) 2025 Matthias M. Tischler; Patrick S. Marschner https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 33 56 10.11588/fr.2025.1.115609 Un puzzle biface https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115610 <p>Von einer Papyrusurkunde (JL 3858, J<sup>3</sup> 8245) sind drei Fragmente erhalten – eines in Paris und die beiden anderen in Dijon. Das Privileg wurde am 26. Mai 995 von Papst Johannes XV. zugunsten der monastischen Reform erlassen, die um 990 in den Abteien Saint-Bénigne in Dijon und Saint-Pierre in Bèze von Brunon von Roucy (Bischof von Langres 980–1016, auch: Brun) initiiert und danach von dem Cluniazenser Wilhelm von Volpiano (ca. 962–1031), dem Abt dieser beiden Klöster, umgesetzt wurde. Im 11. Jahrhundert wurden diese Fragmente wiederverwendet, um auf der Rückseite zwei gefälschte Bullen zugunsten von Saint-Bénigne zu vermerken. Sie werden hier transkribiert und ediert, wobei alte Abschriften (aus dem 17. Jahrhundert) herangezogen werden. Dadurch verbessert sich unsere Kenntnis des Texts erheblich, insbesondere durch die gesicherte Identifizierung der Präambel. Der Beitrag berücksichtigt die bewegte Geschichte dieser Puzzleteile, rekonstruiert ihre Anordnung, bewertet alte Lesarten und schlägt neue vor. Grundsätzlich scheint die Urkunde weniger auf die reformatorische Tätigkeit des Wilhelm von Volpiano als das Handeln des Bischofs Brun abzuzielen und sich vor allem mit der Zukunft des Klosters in Bèze zu beschäftigen. Die Anomalien des Eingangsprotokolls (hochtrabende päpstliche Intitulatio im Kontrast zur fehlenden Inscriptio) könnten auf eine Unsicherheit der päpstlichen Kanzlei hinsichtlich des anzu gebenden Empfängers (Brunon oder Wilhelm) hindeuten. Einige abschließende Bemerkungen betreffen die Wiederverwendung des Papyrus durch die Fälschermönche.</p> Laurent Morelle Copyright (c) 2025 Laurent Morelle https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 57 92 10.11588/fr.2025.1.115610 Bishops, Canons, Counts, and the Writing of History in Angoulême, Part 2: 1130 to 1159 https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115612 <p>Die <em>Historia pontificum et comitum Engolismensium</em> (HPCE) berichtet über die Bischöfe und Grafen von Angoulême vor 1159. Als Panegyrikus darf man ihre Schilderungen nicht zu wörtlich nehmen. Für die Zeit nach 1130 erwähnt<br />die Chronik Bischof Gerard von Angoulême, einen ehemaligen päpstlichen Legaten, und dessen Unterstützung des Gegenpapstes Anaklet vor 1136 nur am Rande – wahrscheinlich, um die Erinnerung an diese Episode des Schismas auszulöschen. Nach 1135/1136 waren die Bischöfe und Grafen gezwungen, sich an eine neue kirchliche Herrschaft anzupassen, nachdem Innozenz II. in der Provinz von Bordeaux als Papst anerkannt worden war. Graf Vulgrin ahmte die Bußgesten von Herzog Wilhelm X. gegenüber dem heiligen Bernard von Clairvaux nach. Lambert von La Couronne, der 1136 nach Gerards Tod zum Bischof ernannt wurde, spielte eine zentrale Rolle in der neuen, integristischen Führung, die vom Klerus geleitet wurde, der Innozenz II. treu ergeben war. Eine neue Situation entstand, als der Kapetinger Ludwig VII. 1137 Herzog von Aquitanien wurde. Daraufhin versuchte die HPCE, historische Verbindungen zwischen der Kirche von Angoulême und den karolingischen sowie kapetingischen Herrschern herzustellen, indem sie auf Privilegien verwies, die jedoch gefälscht waren.<br />Berichte über die militärischen Siege der Grafen über die Herzöge und Herren der Region – mal Feinde, mal Verbündete – deuten darauf hin, dass Krieg eher als anerkanntes Mittel zur Konfliktlösung zu verstehen ist, denn als Versuch, die politischen Grenzen der Region strategisch neu zu gestalten. Letztendlich dienten diese Berichte dazu, die Vergangenheit von Angoulême zu verherrlichen, zu einer Zeit, als seine Zukunft durch die Macht der Plantagenets zunehmend gefährdet erschien.</p> Rowan Watson Copyright (c) 2025 Rowan Watson https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 93 127 10.11588/fr.2025.1.115612 Les conseillers politiques et la croisade https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115613 <p>Der Beitrag beleuchtet am Beispiel der Eroberung von Rhodos durch den Johanniterorden zwischen 1306 und 1310 die Anfänge, Regeln und Abläufe informationsorientierter Beratung an spätmittelalterlichen Herrscherhöfen. Der Rhodos-Feldzug des Ordens war Teil der Bemühungen westlicher Herrscher, durch einen Kreuzzug das Heilige Land zurückzuerobern, das 1291 an den ägyptischen Sultan verloren gegangen war. Mit den Niederlagen der Kreuzfahrer im 13. Jahrhundert hatten die Herrschenden begonnen, bestehendes Wissen infrage zu stellen und gezielt nach neuen Wegen zu suchen, um die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Dazu versammelten sie an ihren Höfen eine Vielzahl an Beratern, die mit ihrer Expertise einen neuen Kreuzzug planen sollten. Diese Experten konkurrierten nicht nur untereinander um die Gunst ihrer Patrone, sondern wurden von den Herrschenden auch eingesetzt, um deren Kreuzzugsvorhaben gegenüber denen anderer Machthaber zu profilieren. Im Beitrag werden die Wissensbestände und die funktionale Binnendifferenzierung dieser neuen Expertenkultur mit den Mitteln der quantitativen Inhaltsanalyse herausgearbeitet. Dabei werden auch die Eigendynamiken erläutert, welche diese Expertenkultur beförderten und aufrechterhielten.</p> Gion Wallmeyer Copyright (c) 2025 Gion Wallmeyer https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 129 161 10.11588/fr.2025.1.115613 »In hys Ryght hande the Septer and in hys left hande the rownde ball of god«. https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115614 <p>Der Tod Heinrichs V. im Jahr 1422 hinterließ ein Machtvakuum im Hundertjährigen Krieg, da durch den Vertrag von Troyes die Installation einer Doppelmonarchie nach dem Tod Karls VI. ausgehandelt worden war, der jedoch den Erben nur um wenige Wochen überlebte. Für die Engländer galt es nun, diesen Vertrag zu sichern, anzumahnen und auch öffentlich anzuzeigen. Eine Möglichkeit dafür bot sich innerhalb der Trauerfeierlichkeiten für Heinrich V. während dessen Überführung von Vincennes nach London, und zwar anhand seines Leichnams und seiner Funeraleffigies. Die politische Inszenierung sowohl seines Körpers als auch die Ikonographie seiner Stellvertreterfigur, wie sie von Zeitzeugen beschrieben wurde, deuten auf eine bewusste Veränderung in der Zurschaustellung des jungen Königs von England und Regenten von Frankreich hin. Dieser wurde in Frankreich als König Frankreichs, in England hingegen als gekrönter König und nicht als verstorbener König präsentiert, wie die Seitenanordnungen der Insignien sowohl an Heinrichs Leichnam als auch an seiner Effigies zeigen.</p> Monja Katja Schünemann Copyright (c) 2025 Monja K. Schünemann https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 163 186 10.11588/fr.2025.1.115614 Warum weint die Königin? https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115615 <p>Die Schilderung der Entrée Heinrichs VI. in Paris am 2.12.1431 im <em>Journal d’un bourgeois de Paris</em> beinhaltet ein bemerkenswertes Detail: Beim Anblick ihres Enkels sei die Königinwitwe, Isabeau de Bavière, in Tränen ausgebrochen und habe sich abgewandt. Durch die Anwendung moderner emotionsgeschichtlicher Methoden wird versucht, diesen Ausschnitt zu deuten. Auf eine Untersuchung der Skripte und mentalen Konzepte der Zeitgenossen in Bezug auf Tränen von Fürstinnen folgt eine genaue Kontextualisierung des Ereignisses. Hier wird der Quellenwert des <em>Journal</em> deutlich, das ganz offensichtlich für einen breiten Rezipientenkreis ausgelegt ist. Isabeaus Tränen werden als narratives Strukturelement des <em>Journal</em> interpretiert, das sich in die Darstellungsabsicht des Autors einfügt. Die expressive Funktion ergibt sich aus geschlechtsspezifischen Mustern, die in der spätmittelalterlichen Historiographie an vielen Stellen bezeugt sind. Durch die Tränen der Königin werden Zerrüttung und Spaltung der königlichen Dynastie symbolisiert und beklagt.</p> Felix Schulz Copyright (c) 2025 Felix Schulz https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 187 216 10.11588/fr.2025.1.115615 Souveraineté, régime et gouvernement dans le Saint-Empire romain germanique https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115616 <p>Der prominente französische Rechtsgelehrte Jean Bodin spielte eine bedeutende Rolle in der deutschen Rechtswissenschaft an der Schwelle zum Grand Siècle. Er war in intellektuellen und universitären Kreisen in ganz Europa bekannt und seine Thesen wurden insbesondere in Deutschland rezipiert. Als das Reich eine beispiellose konfessionelle und konstitutionelle Krise erlebte, nutzten deutsche Juristen die von Bodin entwickelten theoretischen Werkzeuge, um die Reichsgrundgesetze zu gestalten. Zwar wurde die Souveränitätsthese in der deutschen Doktrin sehr gut aufgenommen, ihre Anwendung auf das Statut des Reichs war jedoch umstritten. Der Hauptstreitpunkt, die Identifizierung des Souveräns des Reichs, hatte die Entstehung von zwei gegensätzlichen doktrinären Tendenzen ausgelöst. Die eine behauptete, die größte Befehlsmacht würde dem gesamten Staatenbund gehören, die andere, dass nur der Kaiser als echter Souverän betrachtet werden könne. Diese Studie stützt sich auf die Werke der beiden Juristen Johannes Limnaeus und Henning Arnisaeus. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie die theoretischen Werkzeuge von Bodin verwenden, um beide Tendenzen zu stützen.</p> Édouard Decauchy Copyright (c) 2025 Édouard Decauchy https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 217 247 10.11588/fr.2025.1.115616 Heurts et malheurs du coq gaulois en terre allemande à l'époque du Roi-Soleil https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115617 <p>In den in den deutschen Territorien publizierten anti-französischen Schriften im Zeitalter Ludwigs XIV. spielte das Bild des gallischen Hahns eine bedeutende Rolle. Deutsche Publizisten setzten dieses Bild systematisch und kritisch ein, um Frankreich und seinem König negative Charakteristika wie Hochmut, Aggressivität oder Wollust zuzusprechen. Das Krähen des gallischen Hahnes wurde als Einschüchterungsversuch im Rahmen einer bellizistischen Politik oder auch als Verführung interpretiert, die die Deutschen in das profranzösische Lager locken sollte. Der Hahn wurde oft im Rahmen seiner Beziehungen zu anderen heraldischen Vertretern des europäischen politischen Bestiariums, vor allem dem Löwen und dem Adler, inszeniert. Der Löwe repräsentierte dabei vor allem die Vereinigten Provinzen der Niederlande. Die Diskussion der Beziehungen zwischen dem Löwen und dem Hahn stand weitgehend unter dem Einfluss einer Legende, die wir von antiken Autoren kennen und die behauptete, der Hahn würde dem Löwen Furcht einflößen. Der Adler verwies dagegen auf Kaiser und Reich. Die Diskussion der Beziehungen zwischen Hahn und Adler ermöglichte es, brisante politische Fragen bildhaft zu erörtern. Schließlich erlaubte es das Bild des Hahns, beim deutschen Publikum nicht nur die Hoffnung eines Sieges über Frankreich (der Adler war stärker als der Hahn), sondern auch einer exemplarischen und demütigenden Bestrafung des hochmütigen und räuberischen Vogels wachzuhalten. Sehr oft wurden die geschriebenen Texte von Bildern begleitet, die den Kampf zwischen Adler und Hahn sowie die Bestrafung desselben drastisch veranschaulichen.</p> Jean Schillinger Copyright (c) 2025 Jean Schillinger https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de 2026-08-31 2026-08-31 52 249 278 10.11588/fr.2025.1.115617 La formation manquée d'un héritier Habsbourg https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115618 <p>Der Beitrag präsentiert eine neue Analyse der letzten Regierungsjahre des deutschen Kaisers Karl VI. (1711–1740) aus der Perspektive seines Schwiegersohns, Franz Stephan von Lothringen, der 1736 die Erzherzogin Maria Theresia heiratete. Anhand von Quellen des Wiener Hofs und des französischen diplomatischen Briefwechsels wird untersucht, inwiefern Franz Stephan, der auf sein Lothringer Erbe verzichten musste, daran scheiterte, sich als Habsburger Erbe zu etablieren.<br />Das Beispiel von Franz Stephan ermöglicht es, die Fähigkeit eines Prinzen des 18. Jahrhunderts zu analysieren, sein eigenes Bild zu formen. Zudem wird die Bedeutung der Hierarchien zwischen den Fürstenhäusern deutlich, die seine Unterwerfung unter eine Dynastie bestimmten, der er offiziell nicht angehörte, die er jedoch bei der nächsten Thronfolge im Heiligen Römischen Reich vertreten würde.<br />Der Aufsatz hebt die Bemühungen Karls VI. hervor, die Position des Herzogs von Lothringen als designierten Erben des kaiserlichen Throns zu festigen – trotz dessen Schwäche, insbesondere im militärischen Bereich. Gleichzeitig werden die Versuche Franz Stephans beleuchtet, sich bei seinen Briefpartnern als Mitglied des Hauses Habsburg zu präsentieren.</p> Noé Vagner-Clévenot Copyright (c) 2025 Noé Vagner-Clévenot https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 279 310 10.11588/fr.2025.1.115618 Écrit du pouvoir, pouvoir de l'écrit https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115619 <p>Der Aufsatz befasst sich mit einem außergewöhnlichen Dokument: die Diarien von Gerlach Adolph von Münch hausen, die er während des Wahlreichstags von 1741–1742 in Frankfurt führte, wo er seinen Fürsten, den Grafen von Braunschweig-Lüneburg und König von England Georg II., vertrat. Neben der großen Vielfalt an Themen, die durch dieses Dokument behandelt werden können – wie die kaiserlichen Kapitulationsverhandlungen, die informellen Begegnungen zwischen Ministern und Gesandten aus ganz Europa, die Probleme des Zeremoniells und des Vorrangs, die diese Begegnungen auslösten, usw. – sollen die Existenz eines solchen Dokuments sowie seine Verwendung reflektiert werden. Dabei wird erörtert, welche Erkenntnisse sich aus der Verschriftlichung und Bewahrung des Dokuments bezüglich der Praktiken der Macht gewinnen lassen.<br />Die »Informationsfunktion« allein reicht nicht aus, um die Redaktion des Texts durch den hannoverschen Minister zu erklären. Es zeigt sich eine doppelte Natur des Dokuments: Einerseits ist es ein konkretes Machtinstrument, das die zukünftige Entscheidungsfindung erleichtern soll, indem es Präzedenzfälle dokumentiert und die akuten Herausforderungen der in Frankfurt geführten Debatten beschreibt. Andererseits ist es als direkt operatives Archiv, als <em>Schrift der Macht (écrit du pouvoir</em>) gedacht. Doch dieser Text, den Münchhausen vor den anderen Delegationsmitgliedern aus Hannover geheim hielt, diente auch den Interessen des damals aufstrebenden Ministers: einer idealisierten Selbstinszenierung als gebildeter, charismatischer und sozial prominenter Minister und Berater der Aufklärung. Durch das Prisma dieser Selbstdarstellung lassen sich nicht zuletzt auch verschiedene Aspekte der <em>Macht der Schrift (pouvoir de l’écrit)</em> erfassen.</p> Sébastien Schick Copyright (c) 2025 Sébastien Schick https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 311 341 10.11588/fr.2025.1.115619 Les Leyen à l'épreuve de la géographie et du chiffre https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115620 <p>Ziel des Artikels ist eine Neuperspektivierung der von Frankreich veranlassten Gebietstausche am Vorabend der Revolution, in die auch kleine Reichsstände, wie das reichsgräfliche Haus von der Leyen mit seinem Kleinstaat Blieskastel an der Saar, involviert waren. Hergang, Motive sowie Wahrnehmung und lokale Auswirkungen dieser Vorgänge, in denen Untertanen, Flächen und Einkünfte gegeneinander aufgewogen wurden, liegen in Ermangelung lokal zentrierter Studien noch weitestgehend im Dunkeln. Ausgehend vom »Grenz- und Tauschvertrag« von 1781 zwischen Frankreich und dem Haus von der Leyen bzw. dessen Regentin, werden Verwaltungspraktiken, insbesondere die quantitative Erhebung und Präsentation geographischer und fiskalischer Herrschaftsdaten, sowie die Kommunikation zwischen den Vertragsparteien und deren Beamten untersucht. Da die Auseinandersetzung in der französischen Geschichtsschreibung (D. Nordman) eine Überfokussierung der (zweifelsfrei dominanten) französischen Überlieferung (<em>fonds des Limites</em>) erkennen lässt, wird im Artikel eine beidseitige Analyse verfolgt, die die Bedingungen der Ko-Produktion und entsprechend auch das bislang kaum erschlossene Verwaltungsschriftgut des u.a. in Koblenz und Saarbrücken verwahrten Familienarchivs der von der Leyen berücksichtigt. Im Mittelpunkt stehen die Handlungsspielräume dieses Reichstands in den Absprachen mit Frankreich, die Praktiken des zahlenmäßigen Ausgleichens sowie das damit verbundene Problem divergierender Hoheitsrechte und schwer quantifizierbarer natürlicher Ressourcen (wie der Saar). Der Aufsatz zeigt, auf welchen kommunikativen und verwaltungspraktischen Wegen die territoriale Umordnung von Herrschaft vollzogen wurde und welche Mittel zur Verfügung standen, um rechtliche Komplexität und Asymmetrie zu bewältigen. Dass die aufwendig verhandelte Raumordnung aufgrund der Besetzung der Gebiete durch Revolutionstruppen gerade einmal zehn Jahre bestehen<br />würde, hatte keiner der Beteiligten vorausgesehen.</p> Maike Schmidt Copyright (c) 2025 Maike Schmidt https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 343 376 10.11588/fr.2025.1.115620 Die Vermählung Erzherzogin Marie Louisens mit Kaiser Napoléon Bonaparte https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115621 <p>Die Hochzeit der Erzherzogin Marie Louise mit Napoleon Bonaparte, dem Kaiser der Franzosen, im Jahr 1810 bedeutete ein wichtiges politisches wie gesellschaftliches Ereignis der napoleonischen Ära. Die hierbei angewendeten zeremoniellen Abläufe und begleitenden Festivitäten fußten auf älteren Vorbildern, konkret der Vermählung der Erzherzogin Marie Antoinette mit dem späteren französischen König Ludwig XVI. im Jahr 1770. In diesem Zusammenhang nahm insbesondere der Akt der Brautübergabe an der Landesgrenze einen besonderen Stellenwert ein. Im Vergleich mit der vierten Eheschließung Kaiser Franz II./I. mit Caroline Auguste v. Bayern können diese zeremoniellen Gepflogenheiten über einen relativ langen Zeitraum in nahezu unveränderter Form beobachtet werden. Es lässt sich feststellen, dass trotz der durch die Französische Revolution verursachten großen Veränderungen auf politischer und dynastischer Ebene in Fragen des Zeremoniells ältere Traditionen mit gewisser Selbstverständlichkeit aufgegriffen und weitergeführt wurden.</p> Markus Jeitler Copyright (c) 2025 Markus Jeitler https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 377 409 10.11588/fr.2025.1.115621 Fabrique et usage des réputations politiques au milieu du XIXe siècle https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fr/article/view/115656 <p>Dieser Artikel wählt den »Toast Blanqui« als Ausgangspunkt, um die Herstellung und Nutzung politischer Reputation im 19. Jahrhundert zu untersuchen. Am Anfang dieser Affäre stand die Verbreitung eines Textes des Sozialisten Auguste Blanqui in der Presse im Januar 1851. Ursprünglich handelte es sich um ein privates Dokument, das an den Blanquisten Emmanuel Barthélémy in London gerichtet war. Es handelt sich um eine scharfe Anklage gegen mehrere in London exilierte französische Sozialisten, insbesondere Louis Blanc. Dabei wurde ein Widerspruch sichtbar und publik gemacht: Die Personen, mit denen die Blanquisten in London zusammenarbeiteten, waren das Ziel scharfer Kritik ihres eigenen Anführers. Die Versuche der Londoner Blanquisten, die Affäre zu unterdrücken, scheiterten sowohl am Kommunikationsdefizit innerhalb des blanquistischen Archipels als auch am Aktivismus konservativer französischer Journalisten und deutscher Kommunisten in London. Die Affäre um den »Toast Blanqui« offenbart inter- und transnationale Austausch- und Beziehungsnetzwerke zwischen Aktivisten aller politischen Schattierungen. Die geografische Streuung der an der Affäre beteiligten Personen und Gemeinschaften verlieh ihr eine multisituierte Dimension, die die politischen und strategischen Divergenzen der Akteure verdeutlicht. Die Affäre erlaubt es zudem, die Art und Weise zu untersuchen, wie Individuen von Signifikanten durchdrungen werden, so dass mythische Figuren entstehen. Der Artikel zeigt, dass und wie diese Figuren dann dazu herangezogen werden können, politische Agenden zu rechtfertigen, zu bekräftigen oder zu widerlegen.</p> Quentin Duguet Copyright (c) 2025 Quentin Duguet https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ 2026-08-31 2026-08-31 52 411 437 10.11588/fr.2025.1.115656