Was passierte mit den Mietwohnungen der als jüdisch verfolgten Pariserinnen und Pariser, die mit Beginn der deutschen Besatzung flohen, in die Klandestinität gingen oder verhaftet und deportiert wurden? Dieser Frage geht die Publikation Appartements témoins nach und trägt durch den Blick auf das Mietrecht zu einer relevanten Vertiefung der Kenntnisse um Raub und Entzug während der deutschen Besatzung bei. Durch bisher unberücksichtigte Primärquellen und ein interdisziplinäres Verbinden verschiedener Forschungsbereiche zeichnen Isabelle Backouche, Sarah Gensburger und Eric Le Bourhis nach, wie sich eine Umverteilung von Wohnraum ergab, die nach Ende der Besatzung durch französische Verordnungen sogar rechtlich zementiert wurden – daher die gewählte Zeitspanne vom Beginn der Besatzung bis einschließlich 1946.

»Se sentir chez soi sans être propriétaire« (7), dieses Recht steht im Mittelpunkt dieser Publikation, die sich in die bestehende Forschung zum Entzug von Wohnungseinrichtungen und zum Konzept von Nachbarschaft einbettet (Shannon Lee Fogg, Margaux Dumas). Die grob chronologisch geordneten 26 Kapitel sind jeweils spezifischen Vorgängen gewidmet. Die Pariser Wohnungspolitik seit der Zwischenkriegszeit mit seinem auch für Jüdinnen und Juden nie aufgehobenen Mieterschutz wird ebenso nachgezeichnet wie die antisemitischen Ausgrenzungsmechanismen und das Zusammenwirken deutscher und französischer Behörden in der Wohnungspolitik ab Sommer 1940. Die verlassenen Wohnungen jüdischer Pariser:innen gerieten mit Beginn der Besatzung zunehmend ins Visier deutscher Dienststellen, französischer Kollaborateure, aber auch ihrer Nachbarschaft, von Hausverwaltern und Besitzer:innen.

Deutlich wird, durch welche Akteure und Motivationen dieser Entzug erfolgen konnte, obwohl kein Gesetzestext das Vorgehen legitimierte. Die Zusammenarbeit der Préfecture de la Seine, des Commissariat général aux questions juives (CGQJ) und der Dienststelle Westen des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete wird ebenso nachgezeichnet wie eine Institutionengeschichte des seit Sommer 1943 für die Verteilung dieses Wohnraums zuständigen Service préfectoral du Logement in der 2 rue Pernelle (4e).

Eine Verschärfung und Beschleunigung erfolgte mit der rafle du Vél’ d’Hiv’ am 16. und 17. Juli 1942. Entgegen dem noch immer verbreiteten Narrativ, diese Verhaftungen seien in der Pariser Bevölkerung auf Ablehnung gestoßen, zeigen die Quellen, dass sich in der Folge viele an das CGQJ wandten, um Zugriff auf die Wohnungen der Verhafteten zu erhalten. Die nun als freistehend definierten Wohnungen wurden zunächst den Ausgebombten der Stadt zugeteilt und kompensierten so, propagandistisch begleitet, den kriegsbedingten Bedarf an Wohnraum. Durch diese erstmalige, detaillierte Untersuchung des für diese Neuverteilung zuständigen Service préfectoral du Logement wird der Blick darauf gelenkt, welche vielfältigen Personengruppen – auch durch Klientelismus – von diesen Wohnungen profitierten.

Jedes Kapitel öffnet mit einem Fallbeispiel, einer konkreten Adresse und einem Namen, was die Erzählung nicht nur in der Realität von Individuen und der Stadt Paris verankert. Die Summe dieser Fälle dient auch der Dekonstruktion, »que l’occupation de leur logement n’était que le fruit d’actes isolés« (9).

Außerdem ist das Konzept des »antisémitisme en acte« (293) zentral. Zwar wird der teils radikale Antisemitismus der Pariser Bevölkerung durch zahlreiche Zitate klar benannt, dennoch erlauben die Quellen nicht in jedem Fall, die individuellen ideologischen Motivationen zu bestimmen. Doch das ist nicht ausschlaggebend für den Untersuchungsgegenstand: Zahlreiche Personen partizipierten bereitwillig durch Denunziation oder Einfordern einer Wohnungszuteilung an diesem Entzug. All dem lag die gewaltvolle Annahme zugrunde, »que les juifs ne reviendront pas« (166).

Die Widerstandsversuche und die Wut der als jüdisch verfolgten Pariser:innen, die in vielen Fällen sogar aus der Flucht heraus weiterhin für ihre Mietzahlungen Sorge trugen, werden von den Autor:innen sichtbar gemacht (Kapitel 20, 23 und 25). Doch alle Anstrengungen waren vergeblich: Drei Verordnungen und Gesetze der französischen Übergangsregierung im Herbst 1944, im Jahr 1945 und im Mai 1946 erschwerten den zurückgekehrten Jüdinnen und Juden zunächst die Rückforderung ihres Wohnraums und machten sie dann rechtlich unmöglich. Das während des Krieges begonnene Ausspielen verschiedener Gruppen gegeneinander setzte sich nach der Libération fort und blanker Antisemitismus trat zu Tage: die von Wohnungsnot und Bombardierungen geplagte Stadtbevölkerung gegen die erst als jüdisch verfolgten und nun als Fremde markierten Überlebenden der Shoah.

Die Autor:innen fordern zu Recht ein, dass der historische Blick auf die vielfältigen Verfolgungsmechanismen der Shoah erweitert werden muss, und kritisieren, wie sehr auch Historiker:innen bis dato den Entzug des Mietrechts vernachlässigt haben. Die Entscheidung gegen Fußnoten und Verweise auf Sekundärliteratur – bis auf wenige Ausnahmen – zugunsten der Leserbarkeit schwächt jedoch stellenweise diese Argumentation. Beispielsweise waren dem Entzug der Wohnungen Georges Mandels und Paul Rosenbergs (43–48) durch den faschistischen Mouvement social révolutionnaire beziehungsweise die deutsche Propagandastaffel im Frühjahr 1941 bereits mehrere Beschlagnahmungen ihres beweglichen Eigentums vorausgegangen, erstmals im Sommer 1940 durch die Deutsche Botschaft. Das Benennen dieser Mehrfachentzüge durch Quellenverweise hätte die Position der notwendigen, interdisziplinären Betrachtung der Entzugsdynamiken während der Besatzung gestärkt.

Eine tiefergehende Erläuterung wertvoller Konzepte weicht häufig der Darstellung von Einzelfällen und detaillierten Zitaten. Insbesondere im Spiel mit dem französischen Titel Appartements témoins wird das deutlich: Die angeschnittene Mehrdeutigkeit – Musterwohnungen oder Wohnungen als Zeuginnen –, die Ankündigung, dass »cet ouvrage prend les appartements à témoins« (28), und der Epilogtitel »Ce que visiter les appartements nous a appris« (381) bleiben leider metaphorisch. Eine Ausformulierung des Bezugs auf ein Konzept von Zeug:innenschaft wäre wünschenswert gewesen.

Dennoch gelingt es Bakouche, Gensburger und Le Bourhis sehr überzeugend, durch eine mikrohistorische Betrachtung einzelner Häuser, Straßen und Viertel eine makrohistorische Analyse einer kollaborierenden Stadt unter nationalsozialistischer Besatzung zu schreiben. Die Publikation ist in ihrer Strukturierung und sprachlichen Zugänglichkeit an ein breites Publikum gerichtet. Das spiegelt den Inhalt wider, da diese Entzugsgeschichte(n) schließlich auch die Breite der historischen wie gegenwärtigen Gesellschaft betrifft. Durch das enge Arbeiten an den Primärquellen wird en passant die Funktionsweise der Forschung erläutert. Nicht zuletzt dadurch ist die Publikation wissenschaftlich wertvoll und ermutigt dazu, die eigenen Forschungsergebnisse in zugänglicher Weise zu vermitteln.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Anna-Jo Weier, Rezension von/compte rendu de: Isabelle Backouche, Sarah Gensburger, Eric Le Bourhis, Appartements témoins. La spoliation des locataires juifs à Paris, 1940–1946, Paris (La Découverte) 2025, 448 p., ISBN 978-2-348-08652-6, EUR 24,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116023