Wer sich mit Adoptionen beschäftigt, nähert sich dem Themenkomplex in der Zeitgeschichte meist über sozialgeschichtliche Fragestellungen: Wer darf wen wann adoptieren? In der jüngsten Forschung wird dies oftmals durch kindheits- und globalgeschichtliche Fragen ergänzt.1 Eine andere gängige historische Assoziation zum Thema führt zu den antiken Kaiseradoptionen im Römischen Reich. Catherine Canel‑Dol wählt in ihrer innovativen Monografie, die auf ihrer 2021 eingereichten Dissertation beruht, einen ganz anderen Zugriff und Untersuchungszeitraum. Sie widmet sich der politischen Dimension von Adoptionen in Frankreich seit der Französischen Revolution bis zur Einführung von Gesetzen zur Kindsadoption im Jahre 1923.

Die Studie untersucht dabei sowohl die klassische Adoption durch Familienmitglieder und Fremde als auch solche durch eine militärische Einheit oder „die Nation“. Mit dieser politischen Adoption bot der französische Code civil im postrevolutionären Frankreich eine außergewöhnliche Sonderform an, deren Entwicklung und Umsetzung Canel-Dol über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg im Spannungsfeld mit klassischen Adoptionen in eine Familie betrachtet. Dafür zieht sie neben archivischen Quellen immer wieder die Erörterung und Darstellung von Adoptionen in der zeitgenössischen Literatur heran. Auf die Einleitung folgen zwei große Abschnitte, »L’adoption: Un rêve qui a fait peur« und »De la transgression à l’intégration«, die jeweils drei Kapitel sowie eine eigene rahmende Einleitung und ein Zwischenfazit beinhalten und lose chronologisch aufgebaut sind; ein Fazit schließt den Band ab.

Das erste Kapitel untersucht den Stellenwert der Adoption als Machtinstrument im Zeitalter der Französischen Revolution (25). Dabei geht die Autorin zunächst auf die unterschiedlichen Wurzeln des Adoptionsverständnisses dieser Jahre ein. Anschließend wird die zentrale Rolle der Adoption als Mittel sozialer Neugestaltung betrachtet. Canel-Dol stellt hier die These auf, dass sich in der zeitgenössischen Beliebtheit von Adoptionen der Wille widerspiegele, aufklärerische Bestrebungen und revolutionäre Ideologien weiterzutragen und somit die alte (gesellschaftliche) Ordnung in Frage zu stellen (56). Diese These belegt sie unter anderem mit Blick auf das veränderte Verständnis von Elternschaft, das sich bei Familienadoptionen im Untersuchungszeitraum zeige (39). Mit der Adoption von (Waisen-)Kindern durch militärische Einheiten verweist die Autorin schließlich auf eine besondere Form der politischen Adoption im postrevolutionären Frankreich (44–45).

Im zweiten Kapitel der Monografie wird deutlich, wie Adoptionen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts als ein Mittel der gesellschaftlichen Kontrolle genutzt wurden, indem strenge Regulierungen – insbesondere bei Familienadoptionen – eingeführt wurden. Napoleon selbst nutzte dagegen die Adoption zur Sicherung seiner Dynastie und ließ die Gesetzgebung über die Thronfolge anpassen, um bei Ausbleiben eigener männlicher Nachkommen jene seiner Brüder adoptieren zu können (73). Er praktizierte ebenfalls die im vorangegangenen Kapitel bereits thematisierte Adoption von Kindern gefallener Soldaten, zum Beispiel nach der Schlacht von Austerlitz, um für deren Unterstützung zu sorgen. Diese Kriegswaisen durften zusätzlich den Nachnamen »Napoléon« führen (78).

Die Namensgebung nach Adoptionen spielt eine zentrale Rolle im dritten Kapitel (insbesondere 103–104), in dem Canel-Dol unter anderem der adeligen Adoptionspraxis nachgeht (105). Insgesamt konstatiert sie einen Rückgang der Adoptionen zum Ende des 19. Jahrhunderts, für den sie mannigfaltige Ängste verantwortlich macht, insbesondere vor der Vererbung schlechter Charaktereigenschaften der leiblichen Eltern sowie vor negativen Auswirkungen der Adoption auf die spätere Entwicklung und Identität der Kinder. Das sind typische Themen des Diskurses rund um Adoptionen, die bis heute verhandelt werden.

Im vierten Kapitel, das zugleich das erste Kapitel des zweiten Teils der Studie darstellt, widmet sich die Autorin »transgressiven Adoptionspraktiken« im 19. Jahrhundert anhand verschiedener Fallstudien: von einer Frau, die insgesamt fünf Kinder adoptierte, bis hin zu Adoptionen, die heute als transracial bezeichnet würden. Während die letztgenannten Adoptionen seit 1805 in den französischen Kolonien gesetzlich verboten waren, waren sie in Frankreich selbst möglich. Das zeigt das Beispiel eines unehelich geborenen jungen Mixed-race-Mannes, der von seinem leiblichen Vater adoptiert wurde (130). Nach dem Tod des Vaters nur wenige Jahre später gingen die ehelichen Nachkommen jedoch gerichtlich gegen das Adoptionsurteil vor und erreichten, dass ihr Halbbruder aus der Erbfolge ausgeschlossen wurde. Adoptionen unehelicher Kinder durch ihren Vater tauchen in den Statistiken des französischen Justizsystems des frühen 20. Jahrhunderts dann nur noch selten auf. Dafür nahmen andere innerfamiliäre sowie Adoptionen durch Fremde zu – und damit auch die Zahl der »geheimen« Adoptionen, bei denen keine Informationen über die leiblichen Eltern weitergegeben wurden (159).

Die Autorin attestiert dem Phänomen Adoptionen eine neue Bedeutung in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die sie im sechsten Kapitel behandelt. Als Ursachen für diesen Wandel identifiziert sie einerseits die Folgen des Ersten Weltkriegs, aber auch eine veränderte Vorstellung von Kindheit (199). Im Zuge des Kriegs wurde die politische Adoption von Kriegswaisen (pupille de la nation) wieder aufgegriffen und mit dem 1917 verabschiedeten und in den darauffolgenden Jahren immer wieder überarbeiteten Gesetz zur »Adoption durch die Nation« neu geregelt (193–194).

Catherine Canel-Dol legt mit dieser Arbeit eine umfassende und quellenreiche Studie zur Adoption im Frankreich des langen 19. Jahrhunderts vor, die einen guten Überblick über die rechtliche Entwicklung, aber auch über die sozialen Implikationen von Adoptionen bietet. Die Rezensentin liest aus der Aufteilung des Buches in zwei Teile eine Unterscheidung der politischen und der Familienadoption heraus. Dies hätte expliziter in der Einleitung dargelegt werden können, um die Lektüre zu erleichtern. Canel-Dols Beitrag zur Adoptionsgeschichte schmälert dies aber nicht. Besonders verdienstvoll ist die Untersuchung der politischen Adoption und der bislang selten behandelten (Kriegs-)Waisenadoption, bei der es der Autorin gelingt, neue Dimensionen des Themas herauszuarbeiten. Gerade mit Blick auf die Kriegswaisen wäre es sicherlich spannend gewesen, diese in einen Zusammenhang mit kindheitsgeschichtlichen Überlegungen – wie beispielsweise über die Vorstellung von jungen Menschen als formbar und zugleich zukunftsträchtig – zu stellen. Hier regt die Lektüre zu weiteren Studien an.

1 Für einen Überblick zu aktuellen Forschungsdebatten in der Adoptionsgeschichte siehe Bettina Hitzer, Benedikt Stuchtey, Brennglas Adoption. Zugänge, Fragen und Erkenntnisse der Adoptionsgeschichte, in: Bettina Hitzer, Benedikt Stuchtey (Hg.), In unsere Mitte genommen. Adoption im 20. Jahrhundert, Göttingen 2022, 9–28.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Lena Jur, Rezension von/compte rendu de: Catherine Canel-Dol, L’adoption: rêves et pouvoirs. France, 1789–1923, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 258 p., ISBN 978-2-7535-9628-3, EUR 23,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116027