Obwohl der Begriff des »kollektiven Gedächtnisses« schon Mitte der 1920er-Jahre von dem französischen Soziologen Maurice Halbwachs in die sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung eingeführt worden ist, fällt die Hochkonjunktur seiner Verwendung in eine weit spätere Phase. Im Grunde setzte der rasante Aufschwung, ja, die geradezu »unheimliche« Konjunktur der Gedächtnisforschung erst im Laufe der 1970er-Jahre ein und begründete damit international ein neues Paradigma nicht nur in den Sozial- und Geisteswissenschaften, sondern auch in den Kognitions- und Naturwissenschaften. Wie man der knappen, aber konzisen Einleitung der beiden Herausgeberinnen des vorliegenden Bandes, der Soziologin Sarah Gensburger und der Politikwissenschaftlerin Sandrine Lefranc, entnehmen kann, ist die Rede vom kollektiven Gedächtnis mittlerweile auch außerhalb des wissenschaftlichen Raumes derart populär geworden, dass er in Politik und Gesellschaft zu einem Schlüsselbegriff bei der Aushandlung von Erinnerungskulturen aufgestiegen ist. Dass das Interesse daran in Frankreich besonders groß ausfällt, geht auf die große Aufmerksamkeit zurück, die man hier schon lange der symbolischen Politik geschenkt hat. In Deutschland stellte sich die Lage zunächst ganz anders dar.

Alle damit verbundenen Debatten und Konflikte sind inzwischen zum Gegenstand eines eigenständigen Forschungszweigs aufgestiegen, der am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) namentlich unter der Leitung der international renommierten Sozialwissenschaftlerin Marie-Claire Lavabre zahlreiche Untersuchungen zu epistemischen, methodischen und inhaltlichen Fragen angestoßen hat. Bei der vorliegenden Sammelschrift handelt es sich letztlich – ohne dass diese Gattung hier ausdrücklich so genannt wird – um eine Festschrift für Lavabre aus der Feder ihrer Kolleg:innen und Schüler:innen. In insgesamt fünfzig kurzen Essays thematisieren Expert:innen aus den Sozial-, Geschichts- und Politikwissenschaften sowie aus Anthropologie, Archäologie und den vergleichenden Literaturwissenschaften eine Fülle von Grundsatzfragen oder sie gehen näher auf ausgewählte inhaltliche Aspekte, Räume und Akteure der Gedächtnisforschung ein.

Ausgehend von Überlegungen, ob es überhaupt so etwas wie ein kollektives Gedächtnis gebe (Paolo Jedloswki) oder ob es der Erinnerung an die Kolonien bedürfe (Irene Dos Santos), die (öffentliche) Erinnerung vielleicht besser europäisch eingefärbt sein sollte (Valérie Rosoux), fragen die folgenden Beiträge nach »Gedächtnisunternehmern« wie beispielsweise der katholischen Kirche (Patrick Michel) oder den Städten (Patrick Le Galès), nach Internationalisierungsprozessen der lokalen Erinnerung oder etwa nach der Rolle spezifischer Akteure, darunter die der Historiker:innen (Peter Schöttler). Eher provokativ wirkt im Vergleich dazu die Frage von Julie Lavielle, ob man die musées‑mémoriaux nicht besser schließen solle, während Henry Rousso darüber informiert, welche Erinnerung wie in die Museen gelangt sei. Carol Gluck fügt dem Ganzen Überlegungen zu der Frage hinzu, ob der transnationale Erinnerungs-Aktivismus nicht auch seine problematischen Seiten aufweise.

Die wenigen hier angeführten Aufsatztitel können nur in Umrissen eine Vorstellung von den Themenschwerpunkten des Bandes vermitteln, die jeweils in knappen, aber gut lesbaren Essays, ergänzt um bibliografische Hinweise für eine weiterführende Lektüre, ergründet werden. Zu den Vorzügen dieser Anlage gehört es, dass den Leser:innen ein gut informierter Querschnitt über die mittlerweile sehr breit ausufernde Forschungslandschaft geboten wird. Darüber hinaus werden gerade auch methodische Grundsatzfragen etwa zum Verhältnis konkurrierender Gedächtnisgruppen untereinander und den Ansprüchen auf Anerkennung in einer nationalen Erinnerungskultur (Sylvain Antichan), zu den Beziehungen zwischen Gedächtnis und Gefühlen (Jean-Philippe Heurtin) oder zur Erinnerung ohne souvenirs abgehandelt (Thibaut Ducloux). Zu den Nachteilen gehört es, dass dem vorliegenden Band die unmittelbar einsichtige Systematik eines Handbuchs fehlt, außerdem die Beiträge eher wie kurze Flashlights wirken, die den Vordergrund ausleuchten, ohne in der vorgegebenen Länge die Hintergründe eines oft komplexen Zusammenhangs hinreichend ergründen zu können. Es verwundert außerdem, dass die internationale Forschung zum Gedächtnis oft nur am Rande berücksichtigt wird, obwohl die mit diesem Band geehrte Kollegin an bekannten ausländischen Wissenschaftsinstitutionen geforscht und gelehrt hat. Gewiss, der Beitrag von Florent Brayard zur Übersetzung von Mein Kampf oder von Michel Werner zur Versöhnungspolitik von Franzosen und Deutschen gehen in diese Richtung, doch in der Summe wird die weite Welt und auch die internationale Forschung im vorliegenden Band zu wenig berücksichtigt.

Umso eindrücklicher aber machen die hier abgedruckten Beiträge darauf aufmerksam, dass es der Gedächtnisforschung in der Gegenwart nicht primär darum geht, sich mit dieser oder jener Geschichte zu befassen, sondern vor allem darum, sich auf übergreifende Weise mit den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Mechanismen auseinanderzusetzen, die hinter dem Erinnern – wie auch hinter dem Vergessen oder hinter der öffentlichen Wahrnehmung – der Vergangenheit stehen. In dieser Weise analytisch gefasst, bietet der Band anregende Aufrisse zu einem Paradigma, das es verdient, auch in Zukunft aufmerksam fortentwickelt zu werden. Wer, wie heute oft zu lesen ist, vom Überdruss an einem überlebten Konzept redet, der vergisst darüber, dass demokratische Ordnungen auf historisch‑wissenschaftlich gut begründeten und politisch ausgehandelten Gedächtniskulturen ruhen, in die auch die »unangenehmen« Seiten (Nicola Tranfaglia) der jeweils eigenen Geschichte Eingang finden müssen. Dass inzwischen überall die Gegner der Demokratie genau dagegen ankämpfen, sollte aufhorchen lassen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Christoph Cornelißen, Rezension von/compte rendu de: Sarah Gensburger, Sandrine Lefranc, La mémoire collective en question(s), Paris (Presses universitaires de France) 2023, 304 p. (Sociologie et Sciences de l’éducation), ISBN 978-2-13-083599-8, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116029