Das vorliegende Buch mit seinem auf den ersten Blick sehr speziellen Thema behandelt ausführlich und quellengesättigt einen Aspekt der deutsch-französischen Beziehungen, der das Leben (und zu einem wesentlich geringeren Teil das Sterben) von Zehntausenden von jungen Deutschen betraf und in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre bundesweit für viel Aufsehen sorgte und das Verhältnis der beiden Länder zueinander überschattete. Die südpfälzische Kleinstadt Landau war vom Sommer 1945 bis zum Mai 1955, als die Bundesrepublik souverän wurde, durchgängig der Hauptanwerbeort für die Fremdenlegion in der französischen Besatzungszone. Andere Rekrutierungsbüros existierten zeitweilig in Freiburg im Breisgau, Kehl, Koblenz, Offenburg und Villingen. Diese Söldnertruppe benötigte vor allem wegen des Kolonialkrieges in Indochina so viele neue Soldaten wie nie zuvor. Das Buch befasst sich vor allem mit den Jahren 1952 bis 1955, als die Landauer Anwerbungen wie auch der für Frankreich immer verlustreicher werdende Krieg in Südostasien wiederholt die Landes- und Bundespolitik beschäftigten. Während der Schlacht von Diên Biên Phu im Frühjahr 1954 hielt der Krieg wegen der unterstellten großen Zahl deutscher Legionäre in Indochina und des vermeintlich unersättlichen Hungers der Söldnertruppe nach jungen Bundesbürgern die westdeutsche Öffentlichkeit regelrecht in Atem. Entsprechend dicht ist die Quellenlage für diesen Zeitraum auf deutscher Seite. Der Autor geht davon aus, dass in diesen Jahren monatlich 500 bis 600 junge Deutsche, die Hälfte davon weniger als 21 Jahre alt und damit nach damaligem deutschem wie französischem Recht minderjährig, nach einer Voruntersuchung im Anwerbungsbüro in Landau mit Militärtransporten nach Frankreich überstellt wurden. Dort fand eine weitere Überprüfung zur Eignung der Freiwilligen statt, an deren Ende eventuell die Verpflichtung für den fünfjährigen Dienst in Nordafrika oder Indochina erfolgte.
Die groben Züge der Werbeaktivitäten der Fremdenlegion im besetzten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, deren negative Rückwirkungen auf das Frankreichbild in der jungen Bundesrepublik sowie die Bonner Demarchen in Paris, um diesem bilateralen Streitpunkt die Schärfe zu nehmen, sind zwar erforscht.1 Doch dank akribischer und umfangreicher Forschungen vor allem in den rheinland-pfälzischen Regional- und Lokalarchiven kann der Autor dem Thema manche Facette hinzufügen, das Geschehen durch das Einflechten einzelner Biografien von potenziellen Legionären konkretisieren und einige Detailfehler, die zum Beispiel dem Rezensenten bei seinen eigenen Recherchen vor drei Jahrzehnten unterlaufen sind, korrigieren.
So befasst sich Heinz ausführlich mit der »Abwehrarbeit« der staatlichen Behörden in Rheinland-Pfalz und den Aktivitäten der in dieser Frage besonders engagierten SPD, ihrer Jungsozialisten sowie des Evangelischen Hilfswerks der Pfalz. Diese Bemühungen dienten ab 1952 dem Versuch, die aus dem ganzen Bundesgebiet nach Landau reisenden jungen Männer abzufangen, bevor sie die dortige französische Kaserne erreichten und damit dem Zugriff von deutscher Seite entzogen waren. Man bemühte sich, die Legionskandidaten davon zu überzeugen, dass eine Verpflichtung in der Söldnertruppe fatale Konsequenzen haben könne. Man schickte sie entweder, sofern minderjährig, zu ihren Eltern zurück oder versuchte ihnen eine – allerdings zumeist wenig attraktive – berufliche Alternative zu bieten, etwa eine Ausbildung zum Waldarbeiter. Die Fremdenlegion und die ihr assistierende französische Gendarmerie torpedierten die deutschen Initiativen, indem man den Interessenten für die Legion riet, nicht mit der Bahn bis Landau zu fahren, wo deutsche Polizisten und Sozialarbeiter sie abfangen könnten, sondern bereits einige Stationen zuvor auszusteigen und sich dann zu Fuß oder per Anhalter zur Anwerbestelle durchzuschlagen.
Die französischen Aktionen und Perspektiven bleiben im Buch etwas unterbelichtet. Das mag zum Teil der Nicht-Existenz oder mangelnden Zugänglichkeit entsprechender Primärquellen geschuldet sein. Allerdings erstaunt es, dass der Autor, der ansonsten keine Mühen gescheut hat, die einschlägigen deutschen wie französischen Archive zu konsultieren, die früher in Colmar und heute in den Archives diplomatiques in La Courneuve befindliche Überlieferung der französischen Besatzungsbehörden nicht berücksichtigt hat. Er deutet immerhin an, dass die Kreisdelegierten der zivilen Besatzungsverwaltung in Landau wegen der negativen Rückwirkungen auf das deutsch-französische Verhältnis und aus Verständnis für Sorgen und Ängste, die eine Verpflichtung in der Fremdenlegion bei den Eltern der jungen Männer hervorrief, die Werbeaktivitäten der Fremdenlegion ablehnten. Die Kreisdelegierten, gelegentlich mit verzweifelten Eltern konfrontiert, waren jedoch gegenüber den eigenen Militärbehörden machtlos.
Der Lektüregenuss wird durch sehr lange Sätze geschmälert, in die ein Maximum an Informationen und inhaltlichen Bezügen gepresst wird. Ohnehin tendiert das Buch, auch wenn es sich als Mikrohistorie mit dezidiert regionaler und lokaler Perspektive versteht, dazu, sich in zu vielen Details oder einigen für das Thema wenig ergiebigen Exkursen zu verlieren. Zu letzteren zählen die Passagen um die Diskussionen in Landau, ob die Stadt eine Garnisonsstadt für die sich im Aufbau befindlichen westdeutschen Streitkräfte werden könne, oder jene über die DDR-Aktivitäten in Bezug auf die Fremdenlegion. Gleichwohl wird die gelegentlich ein wenig strapazierte Geduld des Lesers am Ende mit einer souveränen thematischen Zusammenfassung, einer umfassenden Bibliografie auf neuestem Forschungstand und einer reichhaltigen Bebilderung belohnt.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Eckard Michels, Rezension von/compte rendu de: Falko Heinz, Landau in der Pfalz und die französische Fremdenlegion 1945–1955, Ubstadt-Weiher (Verlag Regionalkultur) 2023, 278 S., ISBN 978-3-95505-391-8, EUR 29,80., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116031





