Wilfried Loth ist zweifellos einer der prägenden Historiker der europäischen Integration. Sein Augenmerk gilt dabei seit jeher der Haltung der Deutschen zum Projekt der europäischen Einigung, ihren Motiven für Mitwirkung und Opposition, ihren Vorstellungen von einem geeinten Europa und der Rolle, die sie selbst beim Erreichen dieses Ziels spielen wollten. Seit 1977 hat er über dreißig einschlägige Aufsätze, Monografien und Überblicksdarstellungen publiziert, darunter das mehrfach aktualisierte Standardwerk über die noch immer unvollendete Geschichte der Einigung Europas. Einige der erwähnten Aufsätze sind, teilweise in erweiterter und aktualisierter Fassung, in dem vorliegenden Sammelband enthalten. In einer Zeit, in der die Europäische Union durch den russischen Überfall auf die Ukraine, disruptive Attacken aus den USA und europafeindliche Pläne und Aktivitäten populistischer Parteien massiv unter Druck geraten ist, kann ein solcher Rückblick Orientierungshilfe bieten, Kontinuitäten und Brüche erkennen lassen sowie Lehren vermitteln.

Loth hat die vierzehn ausgewählten Beiträge nach chronologischen und thematischen Gesichtspunkten geordnet. Am Anfang steht – gewissermaßen eine Zusammenfassung der Befunde der einzelnen Beiträge zu speziellen Themen – eine kompakte Langzeitstudie über die Deutschen und das Projekt der europäischen Einigung vom späten Kaiserreich bis in die Gegenwart. Loth verweist darauf, dass die »deutschen Bemühungen um eine Einigung Europas« über »weite Strecken von den gleichen Impulsen getragen« wurden, die »auch bei den übrigen Europäern« ausschlaggebend waren: dem Streben nach der »Schaffung größerer Wirtschaftsräume«, nach »effektiven Friedenssicherungs-Institutionen« und nach Schutz vor dem »weltrevolutionären Anspruch der Sowjetunion« auf der einen und der wirtschaftlichen Hegemonie der USA auf anderen Seite (11).

Deutsche Interessen zielten allerdings in stärkerem Maße als die der anderen Länder auf den Aufbau von Strukturen in Europa, in denen »Deutschland seine wirtschaftliche Potenz voll ausspielen konnte« (13). Hegemoniale Absichten lagen insbesondere den Europakonzepten der Nationalsozialisten zugrunde – und diskreditierten deutsche europapolitische Vorschläge zumindest in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach und nach setzte sich indes die Idee der europäischen Einigung als ein »Mittel der Selbstbehauptung« (17) innerhalb des Blockkonflikts durch und überdauerte auch die deutsche Wiedervereinigung im Oktober 1990.

Nach einem deutlichen Rückgang der Zustimmung der Bevölkerung zur EU in den 1990er-Jahren stieg die Quote wieder an: Im Juni 2019 waren laut Eurobarometer immerhin 61 Prozent der Deutschen der Auffassung, »es sollten mehr Entscheidungen auf europäischer Ebene« getroffen werden (37). Im Übrigen sieht Loth selbst nach dem Beginn der zweiten Präsidentschaft Trumps und dem Aufschwung populistischer Kräfte durchaus Chancen für einen neuerlichen, erfolgreichen Anlauf zur Stärkung der EU. Möglicherweise erhält das Einigungsprojekt, wie schon nach dem Zweiten Weltkrieg, unfreiwillig wichtige Impulse von den externen »Föderatoren« Russland und USA.

Die nächsten Aufsätze behandeln besonders markante Momente des deutschen europapolitischen Diskussionsprozesses: Überlegungen im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime; Kontroversen um ein Europa als »Dritte Kraft«, die im eskalierenden Kalten Krieg zwischen den beiden »Hauptsiegern des Zweiten Weltkrieges« vermitteln sollte (63); sowie die Entwicklung der Europa-Konzepte der deutschen Sozialdemokratie zwischen den Programmen von Heidelberg 1925 und Godesberg 1959. Mit Konrad Adenauer und Walter Hallstein werden im Anschluss zwei frühe Architekten der deutschen Europapolitik gewürdigt, ebenso die Rolle pro‑europäischer zivilgesellschaftlicher Vereinigungen, allen voran die einflussreiche Europa-Union. Komplettiert wird dieser thematische Komplex durch einen Beitrag über die widerstreitenden Europakonzeptionen in der Gründungsphase der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Um die »zweite Generation« deutscher Europapolitik (8) geht es in den Aufsätzen über Willy Brandt, einen »Europapolitiker in einem sehr umfassenden Sinne« (198), Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Kohls Rolle bei der Entstehung des Maastricht-Vertrags widmet Loth eine eigene Studie, in der er den Kanzler dafür lobt, dass er den »grundlegenden Widerstand der Bundesbank gegen die Währungsunion genau in dem Moment überwunden hat, in dem es aufgrund der unverhofften deutschen Einheit politisch notwendig war« (261). Mit einem Porträt des 1959 – zunächst unter anderem Namen – gegründeten Instituts für Europäische Politik, das heute in Berlin residiert, unternimmt Loth schließlich einen kurzen Ausflug in die wissenschaftliche Begleitung des Integrationsprozesses, nennt das Institut »eine Stimme der Vernunft« in den mitunter kontroversen Debatten und attestiert ihm, »mit geringen Mitteln einen gewaltigen Bestand europapolitischen Wissens angehäuft und zuverlässig sachkundige Informationen bereitgestellt« zu haben (277).

Näher an die Gegenwart heran führen die letzten Beiträge: eine Analyse der europapolitischen Ideen Wolfgang Schäubles und seines Agierens in der Euro- und der Griechenland-Krise – Kanzlerin Angela Merkel habe dabei »meist die bremsende Rolle eingenommen« (279) – sowie Überlegungen zur Europapolitik der »Ampel«-Regierung. Der letztgenannte Text ist der einzige Originalbeitrag des Bandes: Obwohl alle drei Koalitionspartner im Wahlkampf »mehr Europa« versprochen hatten und eine Bundesregierung erstmals nach langer Zeit wieder das »Leitbild einer europäischen Föderation als Finalität des Integrationsprozesses« propagierte (292), konnten die dadurch geweckten Erwartungen unter anderem aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine und der Herausforderungen durch Trump nicht erfüllt werden. Immerhin habe die »Ampel«-Regierung vor allem mit der Orientierung auf die strategische Souveränität der EU und die Unterstützung der Ukraine »in den Kernfragen aktueller Europapolitik […] die richtigen Entscheidungen getroffen, wenn auch […] mit ziemlicher Verspätung« (307).

Obgleich mit dieser einen Ausnahme alle Beiträge des Bandes bereits andernorts publiziert sind, entsteht ein insgesamt stimmiges, vielschichtiges und kenntnisreiches Bild der deutschen Europapolitik seit dem Ersten Weltkrieg, gestützt unter anderem auf Archivalien aus dem Historischen Archiv der Europäischen Union und den einschlägigen deutschen Archiven. Der chronologische Schwerpunkt liegt freilich eindeutig auf der Zeit nach 1945, aber das entspricht ja auch dem tatsächlichen Gang der Einigung. Loth konzentriert sich auf den politisch-diplomatischen Prozess, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte bleiben eher im Hintergrund. Aber immer schimmert seine grundsätzlich proeuropäische Einstellung durch – angesichts der erwähnten Attacken auf die EU ist das von großer Bedeutung.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Werner Bührer, Rezension von/compte rendu de: Wilfried Loth, Mitten in Europa. Die Deutschen und die europäische Einigung, Frankfurt am Main (Campus Verlag) 2025, 335 S., ISBN 978-3-593-52122-0, EUR 39,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116035