Der Sammelband geht auf eine Tagung des deutsch-französischen Historikerkomitees 2018 in Straßburg zurück – also noch vor der Corona-Pandemie, als das Schlagwort Solidarität wieder populär wurde. Mit einem Fokus auf Frankreich und Deutschland werden Fallstudien präsentiert, in denen der Begriff Solidarität auf sehr unterschiedliche Bereiche analytisch angewandt wird. Im Vordergrund steht nicht der politisch aufgeladene Solidaritätsbegriff der Arbeiterbewegung, Fluchtpunkte der achtzehn Beiträge sind vor allem theoretische Verortungen, humanitäre Aktivitäten, die Ausgestaltung des Sozialstaates und internationale Unterstützungskampagnen.

Catherine Maurer verantwortet die Einleitung. Matthias Schulz stellt die Entwicklung des Begriffes von seiner Entstehung aus dem Schuldrecht des 18. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert dar. Das politische Konzept der Linken, das Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, identifiziert er als »klassenbestimmten Solidaritätsbegriff« (29). Wirksamer als diese im Klassenkampf eingebettete Solidarität sei allerdings die Entwicklung zum Sozialstaat gewesen, den Schulz als Praxis der Solidarität versteht. Prägend war dieser Prozess im Frankreich der Dritten Republik, in der Solidarität zu einem »Schlüsselbegriff« (30) wurde. In Deutschland waren es vor allem Arbeiterbewegung und die katholische Soziallehre, die Praktiken und Konzeptionen der Solidarität hervorbrachten. Schulz unterscheidet zwischen emphatischer und gegenseitiger Solidarität mit Bezug auf deren Motive und grenzt diese von der »Philanthropie« ab (49). Dabei folgt er einer sozialwissenschaftlichen Definition als einer Form sozialer Kooperation innerhalb eines kollektiven Zusammenhangs, von der Familie bis zum Nationalstaat.

Im ersten Abschnitt mit fünf Texten stehen Theoretiker im Vordergrund, so der Jurist und Politiker Léon Bourgeois (Caroline Tixier), der mit seinem Buch Solidarité 1896 die politische Debatte in Frankreich und mit seiner Konzeption eines Völkerbunds auch international prägte. Einige Theoretiker hatten religiöse Hintergründe – so der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz, den Anne-Marie Saint-Gille untersucht. Eine Brücke bildet der Jurist Georges Scelle, der in den 1920er-Jahren über europäische Zusammenarbeit, aber nur wenig über soziale Fragen in Europa schrieb (Hugo Canihac). Irène Herrmann untersucht, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Solidarität im Comité international de la Croix-Rouge (CICR) verhandelt wurde. Der Begriff taucht nur selten auf, meist als »solidarité humaine« (117), denn im CICR ging es nicht um Gegenseitigkeit oder Verpflichtung. Vielmehr blieben asymmetrische Machtverhältnisse prägend. Bei anderen Fallstudien sind diese Abgrenzungen nicht immer so klar formuliert.

Im zweiten Abschnitt zur »Entstehung transnationaler Netzwerke der Solidarität« beschreibt Barbara Lambauer transnationale jüdische Unterstützungsorganisationen vor dem Ersten Weltkrieg anschaulich, aber weniger theoretisch unterlegt. Lia Börsch beschäftigt sich mit der Liga für Menschenrechte im Deutschland der Weimarer Jahre, die sich für Carl von Ossietzky einsetzte, ab 1933 auch aus dem Exil. Ihre Solidarität mit Ossietzky war eng verbunden mit dem Kampf gegen den Nationalsozialismus. Als Vorläufer späterer Menschenrechtsorganisationen war die Liga in ihren Praktiken und Zielstellungen noch stark im nationalen Rahmen verhaftet. Am meisten überrascht der Text von Marion Aballéa, die sich Bekundungen der Solidarität zwischen Deutschland und Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg widmet. Trotz vermeintlicher Erbfeindschaft wurde gegenseitig auch Anteilnahme gezeigt, was sie für sieben Ereignisse – Attentate, der Erkrankung von Kronprinz Friedrich, größere Katastrophen – anhand diplomatischer Akten klug auslotet. So zeigten etwa während der Pantherkrise 1911 Wilhelm II. und Marinestädte wie Kiel oder Wilhelmshaven große Anteilnahme nach der Explosion des Kriegsschiffes Liberté im Hafen von Toulon mit fast 300 Toten. Aballéa deutet solche Reaktionen als Emotionen der Anteilnahme, die auf einer allgemeinmenschlichen Ebene angesiedelt waren, während die feindseligen Emotionen auf einer anderen Ebene lagen.

Der dritte Abschnitt handelt von der »grenzüberschreitenden Solidarität« nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Beiträge behandeln den Sozialstaat in seiner spezifischen Ausgestaltung – in der Bundesrepublik Deutschland mit der Parität von Arbeitnehmern und Arbeitgebern als Sozialpartner, in Frankreich mit einer höheren Belastung für die Arbeitgeber. Isabelle Rabault-Mazières beschäftigt sich mit der Solidaritätssteuer in Frankreich 1945, Michael Hau gibt einen vergleichenden Überblick über die Finanzierung der Sozialsysteme in beiden Ländern mit einem Ausblick bis in die 1990er-Jahre. Michel-Pierre Chélini nimmt die DDR hinsichtlich ihrer Sozialausgaben in der Boomphase der Nachkriegszeit in den Blick. Sylvain Schirmann untersucht grenzüberschreitende, interregionale Gewerkschaftsräte: Der erste war 1976 für die Grenzregion Saarland, Lothringen und Luxemburg gegründet worden, andere Regionen folgten dem Beispiel. Ihr Ziel war es zunächst, den Rückgang der Schwerindustrie als regionale Entwicklung konstruktiv zu begleiten, damit wurden sie zu noch wenig erforschten Pionieren der Zusammenarbeit in Grenzregionen.

Der vierte Abschnitt betrachtet »l’Europe sociale« und beginnt mit Hartmut Kaelbles Beitrag über die europäische Sozialpolitik. Negativ wird vermerkt, dass die Sozialversicherungen national organisiert blieben, positiv, dass die Europäische Gemeinschaft seit den 1960er-Jahren mit der Forderung nach gleicher Bezahlung für Männer und Frauen und dem sozialen Dialog einen progressiven Einfluss auf die Entwicklung in den Mitgliedsstaaten hatte. Frederike Schotters lotet anhand der Beziehung von Helmut Kohl und François Mitterand in den 1980er-Jahren das Verhältnis von Solidarität und Vertrauen aus. Dabei deutet sie Ereignisse wie die Unterstützung Kohls 1983 bei der Wechselkursstabilisierung, das Treffen in Verdun und die Wiedervereinigungsdebatte unter der Leitfrage, ob das gegenseitige Vertrauen erschüttert wurde.

Bent Boel widmet sich der französischen Diplomatie und ihrer Unterstützung für Dissidenten in osteuropäischen Ländern in den 1970er-Jahren. Während Giscard d’Estaing noch öffentlich die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder betonte und Hilfe diskret organisiert wurde, trat Mitterand offensiver auf. So erwähnte er 1984 bei einem Toast im Kreml den Namen von Andrej Sacharow und traf 1988 tschechoslowakische Dissidenten in Prag. Alexandre Bibert fragt nach der Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarność ab 1980, ein zentrales Anliegen der französischen Gewerkschaften CGT, FO und CFDT wie auch des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Während der DGB sich auch an außenpolitischen Rücksichtnahmen etwa mit Blick auf die deutsche Ostpolitik orientierte, sah die CFDT in Solidarność primär ein Vorbild für gewerkschaftliche Arbeit. Im letzten Abschnitt befassen sich zwei Beiträge mit Praktiken der Solidarität bei der Migration. Anton Tarradellas betrachtet die zunehmende öffentliche Thematisierung der Flüchtlinge aus dem Algerienkrieg und die dadurch inspirierte Solidarität von Zivilgesellschaft und militanten Gruppen. Christine Aquatias fragt nach dem Umgang des DGB mit der Migration in den 1980er und 1990er Jahren, der für Schutz und Grundrechte eintrat und eine gesteuerte Zuwanderung anstrebte, um die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu kontrollieren.

Der Band argumentiert mit einem weiten Solidaritätsbegriff, unter dessen Dach vieles Platz hat. Schulz schlägt eine überzeugende Typologie vor, aber nicht alle Beiträge greifen diese Diskussion auf. Es handelt sich um differenzierte Studien und Überblicke, bei denen aber – so beim Verhältnis von Kohl und Mitterand oder dem Aufbau von Sozialversicherungen – offen bleibt, ob Solidarität als analytische Kategorie allein reicht oder ob nicht auch weitere Faktoren zur Erklärung herangezogen werden müssten. Es bleibt der positive Eindruck eines anregenden Bandes, in dem Solidarität weit ausgeleuchtet wird.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Knud Andresen, Rezension von/compte rendu de: Catherine Maurer, Matthias Schulz (Hg.), Solidarität denken und praktizieren / Penser et pratiquer la solidarité , Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2024, 340 S. (Schriftenreihe des Deutsch-Französischen Historikerkomitees, 19), ISBN 978-3-515-12718-9, EUR 60,00. , in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116036