Das weltpolitische Schlüsseljahr 1989 ist aktengestützt bereits recht gut erforscht. In der vorliegenden Publikation geht es um dessen verschiedenartige Wahrnehmung in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich und die unterschiedlichen Rollen, die beide Länder gespielt haben.

Der Band ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert und wichtig. Zunächst einmal ist er zu einem beträchtlichen Teil aus Primärquellen gearbeitet und integriert zugleich souverän die Fülle an internationaler Forschungsliteratur. Als Quellen hat die Verfasserin vornehmlich Dokumente aus den Archiven der jeweiligen Außenministerien herangezogen – Miard-Delacroix ist ja unter anderem Herausgeberin der Akten zur Auswärtigen Politik Deutschlands –, dazu ein breites Spektrum an Medien von der seriösen Presse über Tabloids bis hin zu Fernsehnachrichten und Publizistik. Eingebettet ist die Untersuchung des Jahres 1989 in die weltpolitischen Zusammenhänge insgesamt, somit werden am Rande auch die Sichtweisen anderer Staaten gewinnbringend in den Blick genommen.

Zum anderen schreibt die Verfasserin eine Emotionsgeschichte, die auf innovative Weise für die Internationale Geschichte fruchtbar gemacht wird. Emotionen, etwa Empörung und Mitleid, Furcht und Freude, werden im öffentlichen Raum kommuniziert, der durch Empathie zusammengehalten wird. Erlebnisgemeinschaften sind durch das kulturelle wie kommunikative Gedächtnis bestimmt und beruhen jeweils auf bestimmten geteilten Lesarten von historischen Ereignissen, die in der jeweiligen Gegenwart oft recht kurzschrittig wieder aufgerufen werden können. Hier bauen Miard‑Delacroix’ Forschungen auf methodischen Überlegungen auf, die seit einem Jahrhundert entwickelt wurden, beginnend mit Maurice Halbwachs. Als Akteure thematisiert sie jeweils im nationalen Kontext: die politisch im internationalen Raum Handelnden, also primär Regierungen mit ihren Außenministerien, die sich zumeist nüchtern äußerten; sodann Parteien, Stiftungen, ein breites Spektrum von Nichtregierungsorganisationen und die Kirchen, die ein jeweils breites Spektrum an Emotionen sehr viel deutlicher und direkter artikulierten. Diese Vielfalt spiegelte sich in den Medien im nationalen wie transnational übergreifenden Raum.

Die Studie folgt einem nur scheinbar mechanischen Schema mit drei in jeweils drei Akte gegliederten chronologischen Kapiteln: Der Frühling 1989 ist dem chinesischen Schreckgespenst (épouvantail) und der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz gewidmet. Im Sommer und Herbst geht es um die friedliche Revolution in der DDR und im Winter 1989 schließlich um die weniger beachteten rumänischen Ereignisse von den revolutionären Unruhen über die Ermordung des Präsidenten Ceaușescu bis zum mit Fragezeichen versehenen Neubeginn. So unterschiedlich diese drei Fälle auch lagen, so verschieden ihre Höhepunkte auf den ersten Blick auch waren, folgten sie ihrerseits einem charakteristischen Dreischritt unterschiedlicher Emotionen. Die unmittelbaren Erwartungen und Erfahrungen der drei Großereignisse wirkten jeweils auf das nächste. Wichtiger als diese waren allerdings die langfristigen Prägungen der jeweiligen Kommunikationsgemeinschaften, die oft spontan und kurzfristig auf recht alte, vor allem nationale Stereotype zurückgriffen und diese öffentlich emotional verbreiteten.

Das Panorama der Emotionen beruhte auf traditionell verankerten Sichtweisen, wurde jedoch in Frankreich und in der BRD situativ unterschiedlich mobilisiert. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zu China etwa gab es ähnliche Allgemeinvorstellungen. Mit den ersten Demonstrationen vom Mai 1989 kamen jedoch recht unterschiedliche aktive Filter zur Geltung. In Frankreich assoziierte man mit den Protesten – gerade im Jahr des »Bicentenaire«, des 200. Jubiläums der Revolution von 1789 – die Vorstellung von bürgerlicher Befreiung. In der BRD, in geringerem Maße auch in Frankreich, wurden Erinnerungen an 1917 wachgerufen und damit an die Herrschaft des Kommunismus seither. In Frankreich kam der Bezug auf 1968 und die studentische Rebellion hinzu, was in Westdeutschland kaum eine Rolle spielte.

Dank der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und ihrer medialen Verbreitung, nicht zuletzt durch das Fernsehen, luden sich die Bilder unmittelbar mit der Fülle der Emotionen auf. Die unterschiedlichen Akteure wiederum suchten diese zu rationalisieren, um eine bessere Vorstellung von den zu erwartenden Ereignissen zu bekommen. Von der Niederschlagung der Revolution auf dem Platz des Himmlischen Friedens Anfang Juni berichteten französische Diplomaten relativ ruhig, während ihre deutschen Kollegen wesentlich aufgeregter nach Bonn kabelten. In der breiteren Öffentlichkeit, in Frankreich weniger, in Westdeutschland stärker, wurden Stereotype von Barbaren und einem angeblichen chinesischen Volkscharakter bemüht. Zu Recht weist Miard-Delacroix darauf hin, dass diese Einschätzungen nicht zuletzt das (vermeintlich aufgeklärte) Eigenbild der Beobachter spiegelten (101).

In der deutsch-deutschen Entwicklung 1989 stellte sich zunächst allgemein die Frage nach »Exode ou révolution«, Auswanderung aus oder Revolution in der DDR. Es verstand sich von vornherein, dass die Emotionen auf der direkt betroffenen deutschen Seite sich von denen in Frankreich unterschieden. Man sprach in Paris offiziell von legitimen Ansprüchen und pflegte eine neugierig gelassene Haltung, aber: »le ton est calme, mais les formulations sont de la nature à susciter l’inquiétude, voire la peur« (190). Meisterhaft gelingt es der Autorin, in einer breiten Matrix von politisch-gesellschaftlichen Erwartungen den schnellen Wechsel der unterschiedlichen Emotionen auf beiden Seiten des Rheins nachzuzeichnen und ihm in allen Windungen zu folgen. Die Furcht vor einer »chinesischen Lösung« mitten in Europa wechselte sich ab mit der Freude über die Chance für die Deutschen, beziehungsweise gingen beide bei den einzelnen Protagonisten ineinander über. Den Höhepunkt der Erregung bildete selbstverständlich der Mauerfall, dann aber auch das von Kanzler Kohl entworfene 10-Punkte-Programm zur deutschen Einheit, angesichts dessen auch die offizielle französische Regierungspolitik von Sorgen über den Bestand der (vorgeblich) in Jalta 1945 begründeten europäischen Nachkriegsordnung geprägt war. »Le cœur réchauffé, mais l’esprit inquiet« titelt Miard-Delacroix den Abschnitt zur französischen Wahrnehmung des Mauerfalls, bei der 1789 und der Sturm auf die Bastille vor Augen standen.

Gerade bei der Revolution in der DDR zeigt sich die Doppelrolle von Emotionen: Mal dienen sie als nützliches Werkzeug, dann aber auch wieder als ein Motiv für Argumentationen, als nutzbare Ressource (244). Ob Emotionen „authentisch“ waren oder politisch benutzt wurden, darauf komme es letztlich gar nicht an: Die Instrumentalisierung der Emotionen der Zielgruppe sei überhaupt eine Konstante der Politik, zumal in den internationalen Beziehungen, spitzt die Verfasserin zu (247). So konnte im November der frühere Premierminister Michel Debré die Sorgen und Ängste auf den Punkt bringen, indem er analysierte, dass Rapallo (also angeblich deutsch-sowjetischen Sonderbeziehungen wie 1922) nun Jalta (also die europäische Ordnung vom Februar 1945) ersetze; vor allem aber: »jamais plus de Munich« (249), also keine Kapitulation der Westmächte vor der deutschen Expansion wie 1938.

Der rumänische Fall ist der am wenigsten bekannte. Hier legt Miard-Delacroix zunächst die diplomatische Isolierung der rumänischen Regierung aufgrund der besonderes schweren Verstöße gegen die Menschenrechte dar. Als im Oktober eine Revolution »en pays barbare« ausgelöst wurde, wurden die Nachrichten aufgrund eines Mangels an direkten Informationen aus Rumänien von manchen in Analogie zum Tiananmen-Massaker gelesen. Markante Ereignisse und Nachrichten, etwa Berichte über die Zustände in rumänischen Kinderheimen, weckten in Frankreich wie in Deutschland emotionale Anteilnahme mit der Entwicklung in Rumänien.

Die Autorin verfolgt die weiteren Ereignisse bis ins Frühjahr 1990, als sich am Horizont als weitere Revolution das Ende der Apartheid in Südafrika abzeichnete: In Deutschland waren dabei Menschlichkeit, in Frankreich die Menschenrechte zentrale Bezugspunkte der Zukunftshoffnungen für Südafrika.

In ihrer Schlussbetrachtung sucht Miard-Delacroix die Hoffnungen und Erwartungen von 1989 einzuordnen, bis hin zur Entstehung des kurzzeitigen Eindrucks, einem „Ende der Geschichte“ beizuwohnen. Die positiven Emotionen von 1989 wurden recht schnell durch die Jugoslawienkriege erschüttert und die Erschütterungen reichen für die Autorin nicht zuletzt bis in die Gegenwart des Frühjahrs 2025 als Fluchtpunkt des Schlusskapitels. Emotionen werden einleuchtend als Instrumente zur Reduktion von Komplexität benannt, die ermöglichen, den schnellen Wandel und die sich überstürzenden Ereignisse mit Sinn zu versehen. Das ist in diesem großen Buch mit methodisch weitem Blick überzeugend gelungen. Realgeschichte im Sinne einer Politikgeschichte bildet auf reflektierte Weise den Stand der Interaktionen innerhalb des Staatensystem ab, aber mit den Emotionen wird eine Tiefendimension einbezogen, die wesentlich mehr Beachtung als bisher üblich verdient. Diese Dimension äußert sich maßgeblich in historischen Metaphern und Bildern der jeweiligen Erinnerungsgemeinschaften und ruft einen reichen Schatz unterschiedlich besetzter Emotionen ab. Kritisch ließe sich einwenden, dass in der Studie anhand einer beeindruckenden Quellengrundlage zwar das Emotionenspektrum der jeweiligen Gesellschaften in seiner ganzen Breite gezeigt wird – dass aber gerade die als Quellen herangezogenen Medien ihrerseits gleichzeitig Ausdruck und Erzeuger von Emotionen waren. Ferner können gerade emotionale Argumentationen und Auftritte in der internationalen Politik auch taktisch-berechnend eingesetzt werden; sie müssen also nicht auf realen Emotionen beruhen. Beide ist der Verfasserin klar und sie benennt dies auch gelegentlich. Mit ihrer sorgfältig gearbeiteten Studie ist Hélène Miard-Delacroix ein großer Wurf gelungen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Jost Dülffer, Rezension von/compte rendu de: Hélène Miard-Delacroix, Les émotions de 1989. France et Allemagne face aux bouleversements du monde, Paris (Flammarion) 2025, 476 p., ISBN 978-2-0847753-8, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116037