Gibt es so etwas wie den »Geschmack des Archivs« (Arlette Farges) im digitalen Zeitalter? Die Routine bei der Wahl des Platzes im Archivlesesaal, die Ungeduld und Neugierde beim Öffnen eines neuen Archivkartons, die Langeweile und den Überdruss angesichts der Masse an durchzusehenden Unterlagen, die Zufälle und Unfälle im Forschungsprozess? Caroline Muller hat sich gemeinsam mit Frédéric Clavert auf die Spur der »diskreten digitalen Praktiken« (21) von Historiker:innen gemacht. Gemeint sind Gesten und Erfahrungen des digitalen Forschungsalltags, die meist im Dunkeln bleiben: die alltägliche Nutzung des Computers, des Smartphones und anderer Geräte, das Recherchieren in Suchmaschinen, das Fotografieren und Verwalten von Archivquellen, das Ordnen von Dateien, Notizen und Textversionen sowie das Schreiben und sich Vernetzen im Internet.

Das Buch versteht sich weder als Vorher-Nachher-Erzählung der Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter noch als systematische Bestandsaufnahme neuer digitaler Methoden. Vielmehr knüpft es an die Ergebnisse des von Muller und Clavert herausgegebenen Online-Sammelbands Le goût de l’archive à l’ère numérique an.1 Im vorliegenden Buch erweitert Muller diese Perspektive auf die Gesamtheit digitaler Praktiken im Forschungsprozess, über die Historiker:innen zumeist wenig sprechen. Als einen Grund für diese Zurückhaltung verweist sie auf den Aufschwung der Digital Humanities mit ihrem starken Fokus auf computergestützte Methoden, von denen sich viele Historiker:innen bewusst distanzieren. Damit geraten alltägliche digitale Praktiken aus dem Blick. So ist in Erzählungen über das Forschen zwar (weiterhin) von spektakulären Archivfunden die Rede, nicht aber von der Entdeckung eines neuen digitalen Tools (33), selbst wenn es sich als grundlegend für die eigene Arbeit erweist.

In ihrer Studie stützt sich Muller auf empirisches Material, das Einblicke in tatsächliche Forschungspraxen ermöglicht. Dazu gehören Diskussionen auf Tagungen, Gespräche mit Forschenden, Archivar:innen und Bibliothekar:innen, die Auswertung von Vorworten und der in Frankreich üblichen Methodenkapitel in Habilitationen sowie die Beobachtung studentischer Arbeitsweisen. Diese praxeologische Perspektive spiegelt sich im Aufbau des Buches wider. Die ersten Kapitel und mithin der Hauptteil des Buches sind der Archivrecherche im weitesten Sinne gewidmet: dem Arbeiten mit physischen und digitalen Archiven, dem Fotografieren von Quellen, der Verwaltung eigener Bildbestände sowie dem Navigieren in Suchmaschinen und digitalen Lesesälen. Archiv und Quelle erscheinen dabei – unabhängig von ihrer Materialität – als epistemischer Ausgangspunkt historischer Forschung.

Ausgehend von der zumeist unhinterfragten Annahme, dass historische Forschung stets von Emotionen begleitet ist, stellt Muller die Frage, wie sich das affektive Verhältnis zur Quelle im digitalen Raum verändert. In expliziter Anknüpfung an Arlette Farge, die das sinnliche Erleben im Archiv beschrieben hat, untersucht sie, was von diesem Erfahrungsraum bleibt, wenn sich historische Arbeit zunehmend in den digitalen Raum verlagert. Dort ist das Gefühlsrepertoire, so ein Befund des Buches, weniger sinnlich und stärker intellektuell geprägt (34). Gleichwohl lösen nicht nur Archiveinheiten, sondern auch Bits und Bytes Emotionen aus: Frustration angesichts eines technischen Bugs, Freude, wenn eine Visualisierung eine Hypothese bestätigt, oder Stolz, wenn eine automatische Handschriftenerkennung bei akzeptabler Fehlerrate die letzte Zeile transkribiert hat. Damit fordert das Buch dazu auf, die Rolle von Emotionen im historischen Erkenntnisprozess neu zu überdenken.

Muller erinnert daran, dass schon Fernand Braudel in den 1930er‑Jahren mit einer eigens konstruierten Kamera in Stadtarchiven unterwegs war. Diese Praktik ist mittlerweile ubiquitär. Heimische Computer sind zu veritablen tragbaren Archivlesesälen geworden. Laut einer Umfrage von 2016 besitzen Forschende durchschnittlich rund 12 000 selbstangefertigte Archivfotos auf ihrer Festplatte (38). Diese werden erst zu Hause ausgewertet, mit dem Vorteil, einen Kaffee dazu trinken zu können, was in jedem Lesesaal verboten ist. Dennoch wünschen sich 47 % der Studierenden und sogar 73 % der Lehrenden mehr Zeit für die Arbeit vor Ort im Archiv (42). Um die eigenen Fotografien von Quellen oder digital bereitgestellten Reproduktionen bilden Forschende eine neue Organisationsschicht mit individuellen Inventaren, Ordnerstrukturen und Metadaten, angepasst an die eigene Fragestellung und Arbeitsweise. Diese private Ordnung ist weder neutral noch beiläufig, sondern Teil der Wissensproduktion.

Zu den neuen Herausforderungen gehört ebenso der Umgang mit Suchmaschinen, deren besondere Funktionsweise man genau wie Verhaltensregeln im Archiv lernen muss. So wird der Suchmotor der französischen nationalen Online-Bibliothek Gallica häufig dafür kritisiert, zu viele Ergebnisse zu liefern. Dabei liegt es an den Nutzenden, sich mit der Funktionsweise vertraut zu machen, die anders als die Google-Suche keine Sortierung nach Popularität vornimmt, um Suchergebnisse für Forschende nicht zu verfälschen (53–54). Auch mit der Digitalisierungspolitik sollten sich Forschende auseinandersetzen, um in den äußerst heterogenen Landschaften der Massendigitalisierung navigieren zu können.

Etwas zu kurz fällt die Auseinandersetzung mit computergestützten Analyseverfahren aus. Kapitel 5 streift Themen der digitalen Textanalyse wie Topic Modeling oder digitale Presseanalyse, während für die Geschichtswissenschaft relevante Methoden wie Geographical Information Systems oder soziale Netzwerkanalyse gar nicht erwähnt werden. Stattdessen verschiebt sich der Fokus wieder auf Fragen der Klassifikation, Datenbankerstellung und Kategorisierung von Quellen. Das ist inhaltlich relevant, wirkt im Kontext des Kapitels jedoch zu kurz.

Weitere Kapitel widmen sich dem Schreiben, Publizieren und Zirkulieren historischen Wissens im Netz über Blogs und soziale Medien sowie der Veränderung der Wissenschaftspolitik. Die Covid-19-Pandemie erscheint hier als Katalysator, der bestehende Abhängigkeiten von digitalen Infrastrukturen sichtbar gemacht und Ungleichheiten verschärft hat, etwa für Forschende, die digitalisierte Quellen nutzen konnten und solchen ohne entsprechenden Zugang. Die neuen digitalen Möglichkeiten sind weit davon entfernt, ein reines Eldorado darzustellen, was sich unter anderem in Abhängigkeiten von Verlagshäusern und gegenwärtigen Förderlogiken zeigt, die auf Projektorganisation zielen und möglichst digitale Anteile erwarten, egal wie sinnvoll das für das jeweilige Projekt sein mag.

Im abschließenden Kapitel zur Lehre plädiert Muller gegen eine toolzentrierte Ausbildung und für die Vermittlung einer culture numérique, die eng mit fachlichen Fragestellungen und den Bedingungen historischer Wissensproduktion verbunden werden sollte. Digitale Kompetenzen sollen auch außerhalb der Universität nutzbar sein, und nicht an kurzfristige Softwarekenntnisse gebunden bleiben. Gerade digitale Quellenkritik kann sich als Schlüsselqualifikation erweisen, zumal künstliche Intelligenz und hier vor allem Chatbots als weitere »diskrete digitale Praktik« seit kurzem massiv Einzug in Forschung und Lehre halten.

Insgesamt haben Muller und Clavert ein anregendes Buch mit einem klar erkennbaren, individuellen Zugriff vorgelegt. Es handelt sich um einen dezidiert französischen Beitrag zur digitalen Geschichtsschreibung, der stark in der dortigen Forschungslandschaft, ihren Debatten und frühen sowie gegenwärtigen Projekten verankert ist. Das Buch ist keinem Technikoptimismus verfallen, sondern beschreibt vor dem Hintergrund zunehmend individualisierter Arbeitsweisen, wie Historiker:innen im digitalen Umfeld jeweils ihre eigene »Schmiede der Geschichte« entwickeln, als eine Summe kleiner, oft unscheinbarer digitaler Gesten. Das Buch lädt dazu ein, die eigene Geschichtswerkstatt zu öffnen, diskrete Praktiken sichtbar zu machen und sie gemeinsam kritisch zu reflektieren.

1 Frédéric Clavert, Caroline Muller (Hg.), Le goût de l’archive à l’ère numérique, 2017–2023, https://gout-numerique.net/ (2.5.2026).

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Mareike König, Rezension von/compte rendu de: Caroline Muller avec Frédéric Clavert, Écrire l’histoire. Gestes et expériences à l’ère numérique, Malakoff (Armand Colin) 2025, 201 p., ISBN 978-2-200-64202-0, EUR 20,90., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116038