Bei dem vorliegenden Werk Die deutschen Feldgeistlichen während des Ersten Weltkriegs handelt es sich um eine von Xavier Boniface betreute Dissertation an der Universität der Picardie Jules Verne in Amiens in Zusammenarbeit mit dem Historial de la Grande Guerre, einem internationalen Forschungszentrum zur Geschichte des Ersten Weltkriegs in Péronne. Die durch den Ersten Weltkrieg besonders in Mitleidenschaft gezogene Landschaft der Picardie an der Somme ist ein idealer Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Militärseelsorge dieser Zeit. Xavier Boniface selbst hatte 1997 an der Universität von Dünkirchen L’aumônerie militaire française (1914–1962) untersucht, 2001 als Band 17 der Reihe Histoire religieuse de la France in Paris erschienen.

Der Arbeit sind das Vorwort des Doktorvaters Xavier Boniface (9–12, französisch und deutsch) und »Bemerkungen« des in der deutsch-französischen Brigade in Mülheim aktiven Militärseelsorgers Laurent-Marie Pocquet du Haut Jussé (13–16, französisch und deutsch) sowie eine Zusammenfassung (17–22, englisch, französisch, deutsch) vorangestellt.

Kapitel I widmet sich der Entwicklung der preußischen Militärseelsorge im 19. Jahrhundert (29–60), Kapitel II dem Rahmen und den Akteuren der protestantischen, katholischen und jüdischen Militärseelsorge von 1914 bis 1918 (61–196), Kapitel III der Rolle der Militärseelsorger an der Front (197–224). Darauf folgt ein kurzes Schlusskapitel (225–230). Ein Register der Personen, Orte und Sachen fehlt leider.

In einem Anhang findet sich die Edition von vier Quellen (253‑262)1: der Bericht des protestantischen Militärseelsorgers der bayerischen Division Wolffhardt über seine Tätigkeit während des Feldzugs 1914–1918, der Auszug eines Berichts des Garnisonspfarrers in Bukarest aus dem September/Oktober 1917, ein Wortprotokoll der Konferenz der evangelischen Militärgeistlichen in Saint Quentin (Picardie) am 5. August 1915 und der Bericht über die zweite Tagung der katholischen Feldgeistlichen der VII. Armee in Laon am 10. April 1916.

Einleitend stellt der Autor fest, dass die Militärseelsorge Soldaten in besonderer Weise unterstützt habe, mit Blick auf individuelle Sorgen wie auch kollektiv mit Blick auf die Moral der Truppe, Durchhaltevermögen und ein religiöses Deutungsangebot für den „Heldentod“ (23–24). Sowohl protestantische und katholische also auch jüdische Militärseelsorger hätten ihre Loyalität dem Reich gegenüber unter Beweis stellen wollen – die katholischen auch entgegen den päpstlichen Friedensappellen. Die Militärrabbiner hätten zudem gehofft, durch Patriotismus den Antisemitismus zu überwinden (24).

Fünf Fragenkomplexe leiten die Untersuchung Schönfelds: »Inwieweit war die Militärseelsorge den Einflüssen von Religion, Kirchenpolitik, Nationalismus, Heldentum und Kriegsbegeisterung ausgesetzt? Hat die Militärseelsorge dazu beigetragen, den Durchhaltewillen der Soldaten zu fördern oder gar zu wecken? Welche Rolle spielte die Militärseelsorge bei der Niederlage der deutschen Armee? Was wäre geschehen, wenn es in Deutschland während des Ersten Weltkriegs keine Militärseelsorge gegeben hätte? Haben die Erfahrungen der Militärseelsorge während des Ersten Weltkriegs die Organisation der Militärseelsorge während des Zweiten Weltkriegs beeinflusst?« (28).

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. habe den Militärseelsorgern einen klaren Erziehungsauftrag im Kampf gegen die Sozialdemokratie als inneren Feind (50–51) und gegen den äußeren Feind gegeben. Der frühere Militärseelsorger und Hofprediger Adolf Stöcker sah die Aufgabe der Militärseelsorge im Kriegsfall darin, bei den Soldaten die freudige Bereitschaft zum „Heldentod“ im Kampf zu stärken. Der religiöse Geist bürge für Liebe zum Vaterland, Treue, Gehorsam im Dienst und Lebensfreude (39). Im Lauf des Krieges ließ diese Art des religiösen Elans jedoch nach (41, Feldoberpfarrer Middendorf 1916) und angesichts des Erstarkens der Sozialdemokratie ging man früh von einem Scheitern aller Indoktrinationsversuche aus (57). Auch in der katholischen Kirche äußerten sich Bischöfe klar patriotisch, so etwa die Erzbischöfe Nörber in Freiburg und von Hartmann in Köln (91). Göttlicher Providenz entspringende Kriege seien Gelegenheit zur geistlichen Erneuerung. So erhofften sich katholische Militärgeistliche etwa 1916 einen erhöhten Einfluss auf die politische Kultur Deutschlands (261).

Die etwa dreißig Militärrabbiner erhielten erst ab 1915 eine monatliche Entlohnung »um der Gleichbehandlung willen« (138). Unter den ersten ehrenamtlichen Feldrabbinern waren Leo Baerwald, Leo Baeck, Georg Wilde, Emil Levy, Arthur Levy, Georg Salzberger und Bruno Levy (139). Baerwald umschrieb sein Selbstverständnis als Militärrabbiner prägnant: »Darüber hinaus ist es meine Aufgabe, unseren Brüdern ein Stück Vaterland anzubieten, die Partei des Vaterlands, auf das sich all ihre Liebe und ihr Begehren richtet, das Leben, die Religion und die Familie« (141). Dem antisemitischen Vorurteil vom »laschen, sich entziehenden« und somit ungeeigneten Soldaten wollte die große Mehrheit der 100 000 Juden in der deutschen Armee das Bild des mutigen und männlichen Kämpfers entgegensetzen (143). Doch nach dem Zeugnis des Soldaten F. Mayer aus dem Juni 1916 wich angesichts von Tod und Sterben aller Idealismus einem schrecklichen Realismus (143, Brief aus Munsterlager). In der habsburgischen Armee konnten Juden auch die Offizierslaufbahn einschlagen und erfuhren einen unsystematischen Antisemitismus. Der Vorstellung des frommen Juden in der habsburgischen Armee stand das Ideal des assimilierten Juden in der preußischen Armee gegenüber (144; hier folgt eine Darlegung des deutschen Antisemitismus nach 1870/71). Alle Bemühungen konnten nicht verhindern, dass in der zweiten Hälfte des Krieges der Antisemitismus im deutschen Heer weiter zunahm (151).

Leider findet sich eine Fülle von ärgerlichen handwerklichen Fehlern. Im hochinteressanten Literaturverzeichnis begegnen manche Einträge doppelt, viele im Text zitierten Titel tauchen hingegen nicht auf, so die für den Pietismus grundlegende Studie von Benjamin Marschke Absolutely Pietist. Patronage, Factionalism, and State-Building in the Early Eighteenth-Century Prussian Army Chaplaincy (Tübingen 2005, erwähnt auf Seite 33). Weitere Beispiele ließen sich anfügen. Auf einer Doppelseite wechselt mehrfach die Terminologie für Militärseelsorger: »les aumôniers de campagne« (»die Diakone des Feldzugs«, 32), »les prédicateurs de campagne« (»die Feld[zugs]prediger«, 32), »les prédicateurs de terrain« (»die Feldprediger«, 33). Ein Abschnitt zur Klärung der Terminologie im französischen und deutschen Sprachraum fehlt, wäre aber nützlich gewesen. Im Deutschen gab es im 16. Jahrhundert zunächst den »Feldpriester« oder »Feldkaplan«, dann reformatorisch den »Feldprediger«, während sich im Französischen und Niederländischen die sicher von einer diakonischen Aufgabe her stammende Berufsbezeichnung »aumônier« ( »Almosenverwalter«) durchsetzte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich in Preußen im Rahmen der Militärkirchenordnung längst die Terminologie »Militärpfarrer« etabliert.

Alles in allem bietet das Werk jedoch in seiner Gesamtthese, aber auch in vielen Details eine Schatzgrube an Einsichten zur Geschichte der deutschen Militärseelsorge im Ersten Weltkrieg, gerade auch in seinem konfessionsübergreifenden, Protestanten, Katholiken und Juden umfassenden Ansatz.

1 Die Quellen sind als Fotos als digitaler Anhang zur Dissertationsschrift des Autors verfügbar im HAL-Repositorium: https://hal.science/hal-04605771v1.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Jobst Reller, Rezension von/compte rendu de: Werner Schönfeld, Les aumôniers allemands pendant la Grande Guerre, Paris (L’Harmattan) 2025, 268 p. (Historiques. Série Travaux), ISBN 978-2-336-49573-6, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116039