Synthesen zur Geschichte des Sozialismus in Europa und der europäischen Arbeiterbewegung sind rar geworden. Der letzte große Wurf in französischer Sprache von Jacques Droz stammt aus dem Jahr 1972, neuere Studien aus den 1990er-Jahren, dazu Donald Sassoons und Geoff Eleys Bücher über die Geschichte der westeuropäischen Linken im späten 19. und im 20. Jahrhundert ebenfalls aus den 1990ern beziehungsweise vom Anfang der 2000er-Jahre. Dagegen differenziert sich die Forschung zur Geschichte globaler Arbeitswelten immer weiter aus. Angesichts des Global Turn und des ständigen Hinterfragens eurozentrischer Perspektiven bedarf es eines gewissen Mutes, eine auf Europa fokussierte Darstellung zur inzwischen reichlich über 150‑jährigen Geschichte sozialistischer Bewegungen zu schreiben – zumal als einzelner Autor. Dabei betont Gilles Vergnon, der Sozialismus sei ein eminent europäisches Phänomen und habe sich, anders als der von Anfang an global agierende Kommunismus, in die DNA Europas auf eine Weise eingeschrieben, wie man sie auf keinem anderen Kontinent finde. Der Autor, der sich als Dozent an Sciences Po Lyon und Forscher am Laboratoire de recherche historique Rhône-Alpes (LARHRA) über viele Jahrzehnte mit zahlreichen Facetten dieser Bewegungen befasst hat und nun im wohlverdienten Ruhestand lebt, legt mit dem zu besprechenden Werk eine souveräne, kompakte und überaus lesbare Überblicksdarstellung des Themas mit vielen nützlichen Tabellen und biografischen Informationen vor.

Seine chronologisch aufgebaute Erzählung folgt erfrischenderweise einmal nicht der kanonischen französischen Dreiteilung, sondern bündelt in vier Teilen und 15 Kapiteln die Entwicklung des europäischen Sozialismus in all seinen Erfolgen und Niederlagen seit der Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) im Jahr 1875 in Gotha. Im ersten Teil zeichnet er die Gründungen der nationalen sozialistischen Parteien und der Sozialistischen Internationalen, die Debatten um die Kernbegriffe Demokratie, Revolution und Nation sowie die koloniale und imperiale Frage, die politischen Kulturen und schließlich die Phase vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach. Dabei geht er stets auf nationale Unterschiede ein, wie etwa auf die Zukunftszentriertheit und die nahezu vollkommene Abwesenheit des Marxismus in Frankreich, und beschreibt eindrücklich das Unvermögen der Sozialisten aller europäischen Staaten, einen großen Krieg zu vermeiden, zum einen aufgrund fehlender Regierungsmacht und zum anderen, weil am Ende vaterländische Gefühle sich als stärker als die revolutionäre Gesinnung erwiesen.

Im zweiten Teil seines Buches beschreibt Vergnon das Zeitalter der Extreme vom Ausbruch des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Am Anfang steht für ihn das »große Schisma«, also die Trennung der Arbeiterbewegung in Sozialisten und Kommunisten im Krisenjahr 1917, als die nationalen politischen Burgfrieden endeten und die Gretchenfrage aufkam, welche Haltung Sozialisten künftig zum Kommunismus einnehmen sollten. Das Spektrum reichte dabei von Zustimmung über diverse linkssozialistische Kompromissformen bis hin zu doktrinärer Ablehnung. Während Kommunisten außer in Deutschland vor 1933 und in Skandinavien 1945/46 nicht in nationalen Parlamenten vertreten waren, entdeckten sozialistische Parteien und eine ganze Generation von Politikern ab 1918 durch vielfache Regierungsbeteiligungen die »Maschinenräume« der Macht. Indem sie nun selbst staatliche Strukturen, häufig in aus den Ruinen früherer Imperien entstandenen Republiken wie Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Spanien mitgestalteten, läuteten sie eine dritte Phase der sozialistischen Geschichte ein, die nicht mehr revolutionär, sondern auf die Verteidigung der neuen demokratischen Republiken fokussiert war.

Diese Verteidigungshaltung reagierte vor allem auf die aufkommenden faschistischen Bewegungen, die zuerst in Italien, dann in Deutschland an die Macht gelangten. Ihnen gegenüber stellte sich die Frage einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten erneut, mündete jedoch in unterschiedliche Positionen der sozialistischen Parteien, zwischen den Polen einer strikten Ablehnung bei der deutschen Sozialdemokratie und der Volksfrontregierung in Frankreich. Die Bandbreite der Bemühungen, die Faschismen in den 1920er- und vor allem 1930er-Jahren zu verstehen und entsprechende antifaschistische Strategien zu entwickeln, spiegelt sich in den heftigen Debatten und Kämpfen wider, die mal zu konservativen (für Demokratie und nationale Unabhängigkeit), mal zu revolutionären Antifaschismen (gegen Kapitalismus und Faschismus) und letztlich zum erneuten Zerbrechen der Sozialistischen Internationale über die Frage von Krieg und Frieden führten.

Trotz der erneuten Ohnmacht europäischer Sozialisten bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sollte sich spätestens 1943 ein neues Momentum ergeben, befördert von Programmen für die Nachkriegszeit und der Beteiligung an Übergangsregierungen und geprägt von einem »Sozialismus außerhalb der Mauern [im Exil] von London bis Stockholm« und einem »Sozialismus an der Macht von Kopenhagen bis London«. Vergnon betont, dass die territoriale Zerstreuung im Exil, im Widerstand oder in der inneren Emigration erheblich zur Homogenisierung hinter der Idee einer repräsentativen sozialen Demokratie beigetragen habe.

Die Jahre zwischen 1945 und 1980 markierten in den Worten Vergnons das »goldene Zeitalter«, die »trente glorieuses« und das »sozialistische Moment in Westeuropa«; sie stehen im Mittelpunkt des dritten Teils. In der unmittelbaren Nachkriegszeit schien der Sozialismus überall in Europa der »Herr der Stunde« zu sein, wie Léon Blum allzu euphorisch formulierte. Doch der mit dem Labour-Wahlsieg im Juli 1945 begonnene radikale Moment dauerte nur etwa zwei Jahre; in Mittel- und Osteuropa verschwand der demokratische Sozialismus bald, während er in den Diktaturen auf der iberischen Halbinsel und in Griechenland erst gar keine Chance hatte und auch in Irland und der Schweiz nur schwach ausgeprägt war. Dennoch waren Sozialisten unmittelbar bei Kriegsende nahezu an allen europäischen Regierungen und dadurch am Aufbau sozialstaatlicher Verfassungen beteiligt.

Ihren Höhepunkt erreichte die europäische Sozialdemokratie in den 1960er- und 1970er-Jahren, als neben Österreich, Schweden, Großbritannien und der Bundesrepublik viele europäische Staaten sozialdemokratisch regiert wurden und den Aufbau des Vorsorgestaats vorantrieben. »Genosse Trend« hielt bis um 1980, dann scheiterten die Sozialdemokraten in ihren alten Hochburgen, während sie nun Erfolge in Frankreich sowie in den jungen Demokratien Spanien, Griechenland, bedingt in Portugal und – mit Abstrichen – auch in Italien feierten. Diese asynchrone Entwicklung des Sozialismus in Europa traf auf ein globales liberales Moment. Die primär südeuropäischen Wahlerfolge waren auf eine personalisiertere Politik, auf einen weniger doktrinären Marxismus und auf schwache Parteistrukturen zurückzuführen, dank derer die sozialistischen Parteien dort als Kräfte der Transition und der Modernisierung erschienen. Während Vergnon die Haltung der Sozialisten zu Europa kritisch hinterfragt und konstatiert, dass die europäische Einigung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten eher ein Elitenphänomen mit deutsch-französisch-Benelux-Kern war, zeigt er, wie die Sozialisten dann in den 1980er-Jahren bei den Erweiterungen der Europäischen Gemeinschaft in der ersten Reihe standen.

»Die Zeit der Zweifel« überschreibt der Autor seinen vierten und letzten Teil, der chronologisch mit dem Fall der Berliner Mauer einsetzt. Die europäischen Sozialisten hatten die Ereignisse nicht antizipiert, weswegen sie ihre Mental Map erst einmal neu ordnen mussten. Hinzu kam ein zunehmender Verlust der Wählerschaft infolge der einsetzenden Globalisierung und Deindustrialisierung sowie eine wachsende Skepsis gegenüber einer Erweiterung und Vertiefung der EG/EU. Erst mit den Wahlsiegen von Tony Blair, Gerhard Schröder und anderen Sozialdemokraten des neuen »dritten Weges« um die Jahrtausendwende zeigte sich in Europa eine Regierungskonvergenz zu »Mitte-Links« wie seit 1945 nicht mehr.

Was die Lagebestimmung der europäischen Sozialisten im 21. Jahrhundert betrifft, zeichnet der Autor ein differenziertes Bild. Mehr als 150 Jahre nach Gründung der SAP (später SPD) als europäischer Modellpartei sind die Sozialisten noch da. Euphorische Momente gibt es freilich eher wenige, auch wenn die Sozialisten die stärkste Kraft auf der politischen Linken bleiben. Auf die Herausforderungen der Globalisierung und die Rückkehr des Nationalen haben die Sozialisten (noch) keine guten Antworten gefunden. Während der inzwischen langanhaltenden Identitätskrise zerbröselt das Arbeitermilieu immer mehr, vielen sind die Sozialisten nicht sozial genug und zu sozial‑individualistisch. Zudem erscheinen sie machtlos gegenüber dem globalen Finanzkapitalismus. Kann es eine Linke ohne Sozialismus geben? Oder eine Erneuerung des europäischen Sozialismus durch radikale Positionswechsel wie in Dänemark in Sachen Immigration? Oder vielleicht eher durch eine programmatische Neugründung im Sinne der Sozialökologie?

Auf diese von ihm aufgeworfenen Fragen bietet zwar auch Vergnon keine Antworten, aber er revidiert am Ende Jacques Droz’ pessimistische Einschätzung, wonach der europäische Sozialismus wegen der ausgebliebenen Revolution scheitern müsse. Vielmehr habe, so Vergnon, das Festhalten an der Demokratie und das Bestreben, die Wirtschaft möglichst zum Vorteil aller Menschen zu gestalten, also den Kapitalismus zu sozialisieren, das Leben der Menschen in Europa seit mehr als 150 Jahren zwar nicht vollkommen verändert, aber doch erheblich verbessert. Nicht jeder mag diese vorsichtig positive Bilanz teilen, doch alle, die Vergnons wohltuend unaufgeregtes und meisterhaft verdichtetes Buch gelesen haben, sollten über mehr als genügend Material verfügen, um Debatten über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des europäischen Sozialismus profund und differenziert zu führen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Jens Späth, Rezension von/compte rendu de: Gilles Vergnon, Changer la vie?. Le temps du socialisme en Europe de 1875 à nos jours, Paris (Gallimard) 2024, 592 p. (Collection folio histoire, 344), ISBN 978-2-07-301669-0, EUR 11,70., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116040