Am 6. Januar 1980 explodierte vor der Zentrale der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg eine Bombe, die erheblichen Sachschaden verursachte. Zu dem Anschlag bekannte sich ein Aktiv der Revolutionären Zellen: Man habe angefangen, so hieß es in dem Bekennerschreiben, »den Spieß endlich umzudrehen« und das Übel der Arbeitslosigkeit an der kapitalistischen Wurzel zu packen. Was als revolutionäres Fanal gedacht war, verpuffte freilich in einer Atmosphäre, die von lähmender Lethargie und wachsender Akzeptanz eines Phänomens gekennzeichnet war, das es ein Jahrzehnt zuvor noch nicht gegeben hatte: die Massenarbeitslosigkeit. 1970 hatte bei weniger als 150 000 registrierten Arbeitslosen in der Bundesrepublik Deutschland noch Vollbeschäftigung geherrscht, die Strukturkrise nach dem Boom ließ diese Zahl bis 1980 sprunghaft auf rund 900 000 wachsen und 1989, in dem Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel, erfasste die amtliche Statistik gut zwei Millionen Arbeitslose.

Für nicht wenige Politikerinnen und Politiker war in diesen Jahren die Massenarbeitslosigkeit das drängendste Problem der Wirtschafts- und Sozialpolitik – übrigens nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in fast allen westlichen Industriestaaten diesseits und jenseits des Atlantiks, denen der Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft im Zeichen der beginnenden Globalisierung mehr oder weniger schwer zusetzte. Die Rückkehr der in Zeiten des »Wirtschaftswunders« überwunden geglaubten Arbeitslosigkeit, die sichtlich gekommen war, um zu bleiben, löste intensive politische und sozialwissenschaftliche Debatten aus. Die historische Forschung hat sich dieses Themas dagegen erst spät und dann auch nur zögerlich angenommen, obwohl seine gesellschaftsgeschichtliche Bedeutung auf der Hand liegt und eine historische Arbeitslosigkeitsforschung etwa für die Jahre der Weltwirtschaftskrise Ansatzpunkte geboten hätte, früher und intensiver auf das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts zu blicken.

Historikerinnen und Historiker finden daher nach wie vor ein Feld vor, das durch institutionengeschichtliche Studien und Politikfeldanalysen nur in groben Zügen vermessen ist. Insbesondere fehlt es an Untersuchungen, die Alltag und Erfahrungswelten der Arbeitslosen oder die Arbeitsvermittlung als strukturell konflikthafte und zumindest partiell dysfunktionale bürokratische Praxis in den Blick nehmen. An diesem Punkt setzt Wiebke Wiede an, deren bemerkenswerte Studie 2022 an der Universität Trier als Habilitationsschrift angenommen worden ist. Die Autorin nimmt die Arbeitslosen als Subjekte ernst, die sie im Anschluss an Michel Foucault als ambivalente Sozialfigur versteht: auf der einen Seite als vulnerable Zielgruppe staatlich‑bürokratischen Handelns, auf der anderen Seite als Individuen mit eigener Handlungsmacht. Diese agency deckte ein breites Spektrum praxeologischer Optionen ab – von resignativer Unterwerfung über aktive Anpassung an das neoliberale Ideal des Arbeitslosen als gleichsam unternehmerischer Vermarkter seiner selbst bis hin zur bewussten Verweigerung, die zwischen passivem Widerstand und rebellischer Gewalt oszillieren konnte. Diesen Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen biografischen Sackgasse wählten in der Bundesrepublik freilich nur wenige Arbeitslose, wie Wiebke Wiede klar macht und dabei auf die konfliktträchtigeren sozialen Beziehungen in Großbritannien verweist, die ihr als Vergleichsfolie dienen. Der deutsch-britische Vergleich ist nicht nur deshalb fruchtbar, weil sich – um mit dem dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen zu sprechen – das konservativ-kontinentale und das angelsächsisch-liberale Modell des Wohlfahrtsstaats miteinander in Beziehung setzen lassen, sondern auch, weil die Besonderheiten des Thatcherismus und die Beharrungskraft des Rheinischen Kapitalismus in der Ära Kohl deutlich hervortreten und historische Pfadabhängigkeiten erkennen lassen.

Die Autorin hat ihre Studie – jenseits einer konzisen Einleitung und einer prägnanten perspektivierenden Zusammenfassung – in fünf Hauptkapitel gegliedert, die spezifische politische Handlungsfelder, bürokratisch-juristische Kontaktzonen und Lebenssituationen des arbeitslosen Subjekts in den Mittelpunkt stellen. Kapitel II bietet unter der Überschrift »Konstitution eines Gegenstands« einen Überblick über wirtschaftspolitische Konzeptionen und die Produktion von Wissen über Arbeitslosigkeit vor allem in den Disziplinen Soziologie und Sozialpsychologie. Hervorzuheben ist hier das Teilkapitel zur Arbeitslosenstatistik, in dem Wiebke Wiede die Ambivalenz scheinbar objektiver Zahlen und ihre moralisch‑politische Aufladung herausarbeitet.

Kapitel III führt die Leserinnen und Leser auf das »Amt« als zentrale Institution der Arbeitsvermittlung und der Verwaltung von Arbeitslosigkeit. Auf der Arbeitsverwaltung lastete großer Reformdruck angesichts der politischen Erwartungen und der Leistungsverdichtung infolge der immer höheren Zahl an Klientinnen und Klienten. Dabei zeigt die Autorin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Beratungsalltag »auf dem Amt« einigermaßen weit auseinanderklafften, dass auch geschultes Personal von Vorurteilen gegenüber Klientinnen und Klienten nicht frei war, dass die konkreten Aushandlungsprozesse von Faktoren wie Status oder Bildungsressourcen des einzelnen Arbeitslosen abhingen, wobei migrantische Gruppen besonders schlechte Karten hatten, dass die Resignation auf beiden Seiten des Schreibtisches wuchs und dass Aggressivität bis hin zu gewaltsamen Übergriffen zunahm. Anhand von zeitgenössischen Interviews und Erfahrungsberichten schildert die Autorin eindrücklich den »Krieg im Arbeitsamt« (152), den ein betroffener Mitarbeiter beklagte. In diesen Abschnitten kommt Wiebke Wiede ihren Subjekten besonders nahe, wenn sie etwa die durch die »Massenabfertigung« (146) verursachten »chaotischen Zustände auf den Ämtern vor Ort« (151) oder das zunehmend technisierte Ritual des Wartens als hierarchisierendes Element bürokratischer Herrschaft beschreibt.

Kapitel IV führt in die juristische Arena, die gerade in der Bundesrepublik im Dschungel des Arbeits- und Sozialrechts von besonderer Bedeutung ist. Arbeitslose konnten sich auf dem Rechtsweg zwar gegen Verwaltungsentscheidungen zur Wehr setzen oder gar gegen Behördenwillkür klagen, aber sie mussten auch dazu in der Lage sein, den Rechtsweg zu beschreiten. Daher kam Initiativen zu Rechtsberatung und Rechtsbeihilfe eine besonders wichtige Rolle zu, wie die Autorin betont. Kapitel V ist Devianz und Protest gewidmet, adressiert popkulturelle Aspekte der Arbeitslosigkeit, thematisiert das unterschiedliche Protestverhalten in der Bundesrepublik und Großbritannien, wo soziale Konflikte traditionell auf unterschiedliche Weise ausgetragen wurden, und richtet den Fokus auf Selbsthilfegruppen und Arbeitsloseninitiativen, die sich – einmal institutionalisiert und etatisiert – zunehmend um sich selbst drehten, ohne größere gesellschaftliche Wirkung zu entfalten.

In Kapitel VI schließlich wendet sich die Autorin dem Thema soziale Mobilität zu, die insbesondere für die Arbeitslosen, die dauerhaft ohne Erwerbsarbeit blieben oder wiederholt ihren Arbeitsplätz verloren, nur eine Richtung kannte: abwärts. Wiebke Wiede skizziert Prozesse der Entwertung, der Erschöpfung und der Verarmung von Arbeitslosen trotz der Sicherungen des Wohlfahrtsstaats, der im Gegenteil immer mehr Druck aufbaute und Hürden erhöhte. Dabei nimmt die Autorin insbesondere gering qualifizierte Männer und Frauen sowie migrantische Gruppen in den Blick.

Wiebke Wiede ist eine überzeugende Studie gelungen, die sich durch pointierte, an sozialwissenschaftlichen Begriffen orientierte Analysen ebenso auszeichnet wie durch eindrückliche Nahaufnahmen. Hervorzuheben ist auch ihr Blick für Ambivalenzen und Divergenzen, die das arbeitslose als überaus vielschichtiges Subjekt erscheinen lassen. Entsprechend differenziert sind ihre Befunde und Urteile. Da fällt es nicht groß ins Gewicht, dass die Darstellung bisweilen etwas langfädig gerät und sprachlich da und dort sperrig erscheint. Wiebke Wiede hat einen Meilenstein der Arbeitslosenforschung gesetzt, der hoffentlich zum Ausgangspunkt für weitere Forschungen gerät. Schließlich kann keine Rede davon sein, dass Massenarbeitslosigkeit bloß überwundene Geschichte ist.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Thomas Schlemmer, Rezension von/compte rendu de: Wiebke Wiede, Das arbeitslose Subjekt. Genealogie einer Sozialfigur in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland nach dem Boom, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2023, 494 S., ISBN 978-3-525-36331-7, EUR 80,00., in: Francia-Recensio 2026/2, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116041