In den vergangenen Jahren haben die Forschungen zu den Sentenzen des Petrus Lombardus († 1160) an Fahrt aufgenommen. Die Sentenzen gehören – neben der Bibel – wohl zu den meistzitierten Werken der europäischen Geistesgeschichte überhaupt, wobei jedoch die Zitierfrequenz in krassem Missverhältnis zur tatsächlichen Textkenntnis steht. Das in vier Bücher gegliederte Werk ist eine systematische Sammlung theologischer Aussagen (»Sentenzen«) aus der Bibel und von vielen weiteren Autoritäten – von Petrus Lombardus nicht nur gesammelt, sondern auch kommentiert und logisch strukturiert. Jeder angehende Theologiemagister musste diese Sentenzen kommentieren: der Hauptgrund dafür, dass eine Unmenge (zumeist bisher unediert gebliebener) Sentenzenkommentare die Zeitläufte überdauert hat. Principia – Gegenstand der vorliegenden, auf eine 2015 organisierte Tagung am Institut de recherche et d’histoire des textes zurückgehende Publikation – leiten die Vorlesungen zu den einzelnen Sentenzenbüchern ein. Es handelt sich um in freier Rede vorgetragene Ansprachen in Predigtform (sermones), mittels derer ein universitär relevantes Textcorpus (die Sentenzen), sein Autor (Petrus Lombardus) und die einschlägige akademische Disziplin (Theologie) vorgestellt und gepriesen werden konnten. Als akademische Übung setzen principia Ideen, Texte, Autoren und Institutionen in Bezug zueinander. An den europäischen Universitäten sind sie im Zeitraum vom 13. bis zum 15. Jahrhundert breit überliefert. Seit den 1320er-Jahren musste jeder Baccalarius, der sich anschickte, an der Universität die Sentenzen zu lesen (sententiarius), zu Beginn seiner Vorlesungstätigkeit in den Wettstreit mit anderen sententiarii treten. Um dieser durch die Universitätsstatuten vorgegebenen Verpflichtung nachzukommen, musste ein sermo erarbeitet und eine quaestio vor dem interessierten akademischen Publikum öffentlich vorgetragen und verteidigt werden – ein nicht ganz unbedeutender Moment für die zukünftige Karriere des sententiarius, wurden doch sämtliche universitären Tätigkeiten zugunsten dieses Ereignisses auf andere Tage verlegt. Jeder sollte die Möglichkeit haben, dem intellektuellen Schlagabtausch beizuwohnen. Rhetorische Brillanz, Geistesschärfe, Charisma und tiefe Vertrautheit mit dogmatischen Lehren und den neuesten theologischen Trends sollten allen vor Augen geführt werden.
In den beiden Teilbänden der vorliegenden Publikation werden unterschiedliche geographische Räume behandelt. Während im ersten Band Paris und Oxford mit insgesamt elf Beiträgen im Zentrum stehen, richtet sich der Blick im zweiten Band mit weiteren neun Beiträgen auf die Universitäten von Bologna, Florenz, Heidelberg, Krakau, Prag und Wien mit ihren neu eingerichteten theologischen Fakultäten. Idealerweise wird man mit der Lektüre des einführenden Beitrags von Monica Brînzei beginnen (»A Guide for Understanding Principia on the Sentences of Peter Lombard«, Bd. 1, 1–37). Brînzei liefert darin eine Art Handreichung zum besseren Verständnis, geht auf die technischen Elemente ein, die principia auszeichnen, und benennt drei Hauptgründe für deren Komplexität. Neben der nicht eindeutigen Terminologie, mit der im Mittelalter unterschiedliche Formen akademischer Veranstaltungen bezeichnet werden konnten, sind dies das Spannungsverhältnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit und die Fluidität, die einen steten Wandel von Struktur und Inhalt im Laufe der Zeit bewirkte. Jedes principium bestand aus einem sermo (auch collatio genannt), einer protestatio und einer quaestio collativa. Bereits die Auswahl des dem sermo zugrunde liegenden biblischen Themas war dabei von großer symbolischer Aussagekraft. Wenn Adam Wodeham sich in Oxford 1331/1332 für das Thema Ista est enim lex Adam (II Sm 7,19), Dionysius von Modena sich für einen Vers aus der Apostelgeschichte (Act 17,34) mit der Erwähnung des Dionysius Areopagita entschied, war dies sicherlich kein Zufall. Neben direkten Namensverweisen (in mitunter anagrammatischer Verfremdung) konnten sich auch Hinweise auf den Herkunftsort finden. Auch die eigene Exzentrik konnte demonstriert werden – keiner war darin erfolgreicher als der Zisterzienser Peter Ceffons, der 1348 das Pariser Publikum mit seinem Thema bewusst vor den Kopf stieß. Es bestand aus einem einzigen Vokal: O (Apc 1,8). Bei der protestatio handelt es sich um einen Schwur, den der sententiarius vor seiner Zuhörerschaft leistete. Darin gelobte er rhetorisch-agonale Mäßigung und versprach, die Glaubenssätze der Kirche zu wahren und zu verteidigen. Im 14. Jahrhundert kam die quaestio collativa hinzu. Eingeführt durch den Marker Utrum folgte sie der üblichen Struktur einer quaestio, so wie sie zu Zehntausenden in den Sentenzenkommentaren zu finden waren. Doch auch hier war Raum für Überraschungen und Exklusivität: So konnten Fragen nach der Zulässigkeit von Euthanasie ebenso behandelt werden wie solche nach der physischen Schönheit Christi und seiner Mutter.
Faszinierend zu sehen ist, wie sich innerhalb der quaestio collativa ein Dialog zwischen den einzelnen sententiarii (auch socii genannt) entspinnen konnte. Der libido arguendi waren hier keine Grenzen gesetzt. Und es sind diese Dialoge, die eine Vielzahl überaus nützlicher prosopographischer Informationen übermitteln, so etwa Name, Herkunft oder Affiliation der sententiarii.
William Courtenay zeigt in seinem der Universität Paris gewidmeten Beitrag, in welchem Umfang sich Kohorten ansonsten unbekannter sententiarii aus den principia herausdestillieren lassen (Bd. 1, 431–471). Chris Schabel, der in den vergangenen Jahren zusammen mit Monica Brînzei mehr als jeder andere dazu beigetragen hat, das Genus des Sentenzenkommentars zurück ins mediävistische Bewusstsein zu holen, zeichnet für nicht weniger als fünf, zumeist mit üppigen editorischen Anhängen versehene Beiträge verantwortlich. So widmet er sich etwa dem ältesten erhaltenen Set von quaestiones collativae, die Franciscus de Marchia 1319/1320 in Paris präsentierte (Bd. 1, 109–145) oder demonstriert die Bedeutung von in den 1340er-Jahren in Paris gehaltenen principia für die Kenntnis (bzw. Neuentdeckung) philosophischer Trends und personaler Netzwerke (Bd. 1, 147–260). Siegfried Wenzel bietet in seinen Ausführungen zum Phänomen der principia an der Universität Oxford ausgehend von der Person des Ralph Frisby einen konzisen Überblick über den spezifischen »Oxonian style« (Bd. 1, 475–518), während Michael W. Dunne diese Ergebnisse durch weitere Beispiele zu Richard FitzRalph und Adam Wodeham untermauert (Bd. 1, 519–536). Wojciech Baran identifiziert 19 sententiarii, die im späten Mittelalter an der Universität Krakau wirkten, und beschreibt die eklektischen Tendenzen innerhalb der dortigen theologischen Ausbildung (Bd. 2, 63–130). Weitere Fallstudien liefern Andrea Fiamma mit Blick auf den in Heidelberg lehrenden John Wenck (Bd. 2, 159–235) oder Monica Brînzei zu dem in Prag nachweisbaren Zisterzienser Matthäus von Königsaal (Bd. 2, 239–279). Mit dem exzeptionellen Fall von principia, die außerhalb der Universität gehalten wurden, beschäftigen sich William O. Duba und Russell L. Friedman (Bd. 2, 133–156). Gegenstand ihrer Ausführungen ist Petrus de Trabibus, der zur Zeit Dantes am Studium der Franziskaner in Florenz tätig war.
Diese und weitere, stets lesenswerte Beiträge erkunden ein »terrain unfamiliar to modern scholarship, with most material available only in manuscript« (Bd. 1, XXVI). Gewisse Redundanzen bleiben nicht aus, doch ist dies angesichts der Bedeutung der Publikation eine lässliche Sünde. Zehn der Beiträge verfügen über editorische Anhänge. Darin zeigt sich eine theologisch‑philosophische Kreativität, die zum Staunen Anlass gibt. In den principia offenbart sich das schillernde intellektuelle Leben der Universitäten des späten Mittelalters: Vieles (vor allem: viel Unbekanntes) erfährt man über Debatten zu strittigen theologischen Lehrsätzen, über die Auseinandersetzungen und die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Denkschulen und über einflussreiche Netzwerke. Ein großer Wurf.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Ralf Lützelschwab, Rezension von/compte rendu de: Monica Brînzei, William O. Duba (eds.), Principia on the Sentences of Peter Lombard: Exploring an Uncharted Scholastic Philosophical Genre Across Europe, Turnhout (Brepols) 2024, 2 vols., 1204 p. (Studia Sententiarum, 7), ISBN 978-2-503-61208-9, DOI 10.1484/M.SSENT-EB.5.134529, EUR 120,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116051





