Der Heiligenhimmel ist bunt. Derart bunt, dass die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) versammelten Konzilsväter die dringende Notwendigkeit verspürten, hagiographischen Wildwuchs zu beseitigen und nur noch solche Heilige zur Verehrung zuzulassen, deren Existenz sich nicht im Ungefähr-Wunderbaren verlor, sondern ausgehend von authentischen Quellen historisch nachweisbar und nachvollziehbar war. Der Fall der beiden Heiligen Sidonius und Restitutus, des heiligen, um das 5. Jahrhundert herum lebenden Thaumaturgen und des im Johannesevangelium genannten Blindgeborenen, die im 14. Jahrhundert zu einer einzigen Person verschmolzen, fand vor den Augen der Konzilsväter keine Gnade. Eine Legende, zwei miteinander verschmolzene Heilige: Wenig überraschend machte sich angesichts dieser hagiographischen Gemengelage Misstrauen in der zuständigen Konzilskommission breit.

In einem Chartular der 1801 aufgelösten provenzalischen Kleinstdiözese Saint-Paul-Trois-Châteaux findet sich für das Jahr 1462, also zu einem sehr späten Zeitpunkt, die Ersterwähnung von Restitutus: Beati Restituti discipuli Christi. Sidonius hatte da den Höhepunkt seines Renommees bereits überschritten: Erwähnung hatte er in der Maria Magdalena gewidmeten und ca. 1260 in einer ersten Fassung vorliegenden Vita innerhalb der Legenda aurea gefunden. Beide Heilige, Sidonius und Restitutus, wurden mit dem im Johannesevangelium erwähnten und von Christus geheilten Blinden gleichgesetzt (Io 9,1–41). Wie wurden Sidonius und Restitutus nun zu einer Person amalgamiert, welche Prozesse lagen dem Identitätsraub, von dem Sidonius betroffen war, zugrunde? Ginet entfaltet und beantwortet diese Fragen in den vier Kapiteln einer lesenswerten kleineren Abhandlung, die tiefe Einblicke in die hagiographische Wunderwelt des späten Mittelalters gibt (»I. Les origines de la légende«; »II. Restitut et Sidoine«; »III. La cristallisation de la légende de l’aveugle‑né. Comment Sidoine s’est fait ›voler‹ son identité«; »IV. La déconstruction de la légende«). Während im ersten Kapitel der biblische Bericht mit den Aussagen der hagiographischen Werke abgeglichen und interpretiert wird, richtet sich der Blick im zweiten Kapitel auf eine Beschreibung dessen, was über Sidonius und Restitutus vor der Entstehung der ihnen gewidmeten Legenden überhaupt bekannt war. Im dritten Kapitel wird die Verschmelzung der beiden Legendenberichte zu einem einzigen nachvollzogen und gleichzeitig beschrieben, wie die kleine Diözese Saint‑Paul‑Trois‑Châteaux von dieser hagiographischen Extravaganz profitierte. Das vierte Kapitel ist der Dekonstruktion gewidmet und beschreibt den Weg von der »wahren« Legende hin zur »nicht nachprüfbaren Tradition«.

Bis ins 13. Jahrhundert existierte in der Diözese Saint‑Paul‑Trois‑Châteaux eine mündliche Tradition des heiligen Restitutus. Eine Vita oder gar Reliquien standen nicht zur Verfügung. Allerdings ging man davon aus, dass Restitutus zu den frühen Bischöfen des Tricastin gehörte. Sidonius hingegen war lediglich durch seine Präsenz im Umfeld der Maria Magdalena bekannt: Er machte im Fahrwasser der 1279 erfolgten inventio der Magdalenenreliquien »Karriere«. Auch in seinem Fall gab es weder eine Vita noch eine Erwähnung in einem der zahlreichen Martyrologien des ersten Jahrtausends. Weshalb gelang es nun Restitutus, im Tricastin liturgisch zu reüssieren? Weshalb blieb Sidonius lediglich eine schattenhafte Figur im Umkreis der Maria Magdalena? Zur Beantwortung dieser Fragen zieht Ginet ein Schlüsseldokument heran: Die Handschrift Paris, BNF, lat. 916, die das erste vollständige Offizium des Heiligen enthält. Die neun Lektionen dieses Offiziums präsentieren die vollständige Vita des Heiligen, die in einer zweisprachigen Edition (lat.-frz.) präsentiert wird (63‑78). Der Nachweis der Quellen überrascht mit der starken Präsenz hagiographischer Texte aus dominikanischem Umfeld (vor allem Bernard Gui). Als causa scribendi wird die erhoffte Statuserhöhung der Diözese Saint-Paul-Trois-Châteaux mit Bischof Hugues Aimery (1328–1348) als Promotor thematisiert.

Es bedurfte zweier Jahrhunderte um die Heiligenlegende zu formieren, fünf Jahrhunderte um sie zu dekonstruieren. Heute findet sich im Missale der Diözese von Valence (in der die Diözese Saint-Paul aufging) zum 7. November vermerkt: »La tradition qui fait de Restitut l’aveugle de l’Évangile et le premier évêque du Tricastin est invérifiable« (117). Die Entwicklung, die zu dieser Aussage führte, lässt sich jetzt auf der Grundlage von Ginets Untersuchung sehr viel besser als bisher nachvollziehen.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Ralf Lützelschwab, Rezension von/compte rendu de: Michel Ginet, Restitut ou Sidoine? La légende provençale de l’aveugle-né, Mercurol-Veaunes (éditions François Baudez) 2025, 167 p. (Au fil du Rhône), ISBN 978-2-84668-743-0, EUR 20,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116059