Dieses massive Buch mit fast siebenhundert Seiten schlägt gleich in mehrfacher Weise ein wenig aus der Reihe: Zum einen gilt das ganz wörtlich für die Reihe »L’atelier du médiéviste«, deren 16. Band hiermit erschienen ist. Wie schon die Herausgeberin und der Herausgeber in ihrer Einleitung gleich vorweg erwähnen, ist es ungewöhnlich, ein kulturhistorisches Thema in einer Einführungsreihe vorzufinden, die ansonsten vor allem monographisch einzelne grundwissenschaftliche und spezielle disziplinäre Felder der Mediävistik – wie die Epigraphik oder das Mittellatein – vorstellt. Demgegenüber liegt hier ein Sammelband vor, der versucht, unterschiedlichste Aspekte des breiten Themas handlich und mit umfangreichen bibliographischen Hinweisen auszubreiten. Und es ist nicht so, dass Einführungen in die Körpergeschichte mit solchem Anspruch alltäglich sind; schon das hebt den Band unter den üblichen Sammelbänden in diesem Feld heraus. Er bietet damit nun tatsächlich eine Hilfestellung für alle, die sich mit der mittelalterlichen, lateineuropäischen Körpergeschichte auseinandersetzen möchten.
Die Lektüre gestaltet sich nicht immer einfach, was vor allem am Handbuchcharakter liegt. Oft zerstückeln umfangreiche Literaturverweise den Textfluss in den insgesamt fünfzehn thematischen Artikeln mit heterogenen Zugängen. So stehen in den Beiträgen jeweils Abschnitte mit allgemeinen Beschreibungen neben oft recht ausführlichen bibliographischen Forschungsberichten. Wichtig ist für den Gebrauch also von vorneherein die Einsicht, dass dieses Werk als Hilfsmittel für den Einstieg in die einzelnen Themen und die vertiefte weitere Lektüre gedacht ist. Sieht man es von dieser Seite, so ist der Band sehr gut gelungen. Besonders bemerkenswert ist die umfassende Einbeziehung aktueller Forschung, auch wenn man im Detail sicher über die Auswahl von einzelnen Fachbeiträgen und deren Wertung nachdenken könnte. Es ist vielmehr ein weiteres Verdienst des Bandes, dass sich alle Autorinnen und Autoren auf eine überblicksartige Darstellung eines so breiten kulturhistorischen Themas eingelassen haben. Die fünfzehn Kapitel verfolgen einzelne Aspekte der Körpergeschichte und bieten jeweils kommentierte Quellenauszüge dazu an, die den Forschungsüberblick an konkrete Beispiele zurückbinden.
Auf die Einführung von Daniel Le Blévec und Laurence Moulinier‑Brogi folgt ein von der Herausgeberin verfasster, umfangreicher Beitrag zu Geschlecht und Körper. Moulinier‑Brogi schlüsselt die wichtigsten Aspekte des Themas von der Humoralpathologie über die Urinschau bis zur anatomischen Sektion auf und bezieht dafür entsprechend den Ansätzen der modernen Medizingeschichte auch die Perspektive der Patientinnen und Patienten sowie die ganze Breite der verfügbaren Quellen, die über die medizinischen Schriften des Mittelalters deutlich hinausgehen, mit ein. Einen besonderen Schwerpunkt legt sie dabei auf den weiblichen Körper. Die Sexualität wird etwas später im Band von Jacques Rossiaud in einem bibliographisch gesättigten Überblick zur Entwicklung des Forschungsfeldes aufgegriffen. Er schließt damit einen ersten Themenkomplex ab, der sich u.a. mit der Ernährung (Bruno Laurioux), der Bekleidung (Nadège Gauffre Fayolle) und der Schönheit (wiederum Laurence Moulinier-Brogi) befasst. Auch hier werden riesige Forschungsfelder mit bibliographischer Absicherung durchmessen. Hervorzuheben ist jeweils die Einbeziehung der Mittelalterarchäologie bei der Beleuchtung der Ernährungsgeschichte, von Nacktheit und Unterbekleidung im Kapitel zur Kleidung sowie des Gesichts und des Lächelns in der Diskussion mittelalterlicher Schönheitsideale.
Leidende und geheilte Körper werden von Geneviève Dumas und Daniel Le Blévec anhand der literarischen Überlieferung zu Leiden und Schmerzen, zu den großen Krankheiten (Pest, Aussatz, Fieber), zur Armenversorgung, zu Wunderheilungen und medizinischen Therapien vorgestellt. Dem folgt ein Beitrag von Franck Collard zu deformierten und verstümmelten Körpern. Der Rolle des Körpers vor mittelalterlichen Gerichten geht Claude Gauvard nach. Dass dies ein zentrales Thema darstellt, da der Körper im Prozess selbst zentraler Gegenstand der Rechtsfindung war, wird sogleich deutlich; entsprechend konzentriert sich der Beitrag auf Frankreich, die hier vorhandene reiche Quellenlage und die französische Forschung zur Rechtsgeschichte, um einen Weg durch die bislang unzureichend zusammengeführten Untersuchungen zu ebnen. Wichtige Teilaspekte dieses Abschnitts sind unter anderem die Besprechung von Gottesurteilen, Folter und Gefängnisstrafen. Sébastien Nadot widmet sich sportlichen Aktivitäten und der körperlichen Ertüchtigung. Er sieht hierin ein vernachlässigtes Feld der Mediävistik, wenngleich dieses Forschungsgebiet aktuell besonders aktiv bearbeitet wird. In seiner Darstellung wird die zunehmende Verbreitung solcher Körperpraktiken im Laufe des späteren Mittelalters deutlich.
Jean Wirth verweist zum Schluss seines Beitrags zum Körper im Bild auf die wichtigste Einsicht bei der Arbeit mit Bildquellen: Sie bilden nicht getreulich die Realität ab, sondern sind selbst Zeugnisse eines Diskurses, in diesem konkreten Fall der Körperideale der mittelalterlichen Gesellschaft. Nacktheit, Kleidung, Alter und Tod, sie alle verweisen auf die dahinterliegenden Konzepte, zu denen hier ein konziser Überblick erfolgt. Heilige und ihre Körper dürfen in einem Band über mittelalterliche Körpergeschichte nicht fehlen; sie werden von Catherine Vincent vorgestellt, nachdem das Quellenbeispiel von Jean Wirth bereits an einem Beispiel aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg auf die Sonderform der aufklappbaren Marienstatuen verwies. Bei der Größe des Themas, das die Hagiographie und den Reliquienkult umfasst, ist es verständlich, dass dies vor allem ein ausführlicher bibliographischer Überblick geworden ist. Vincents Aufruf, die einzelnen Forschungsstränge über Disziplin- und Gattungsgrenzen hinweg zu verbinden, kann man sich nur anschließen. Der folgende Beitrag von Patrick Henriet zur Askese hätte gerne noch etwas länger ausfallen können. Als einer der seltenen Fälle, in denen das Phänomen im Überblick dargestellt wird, werden hier beispielsweise einzelne Bußpraktiken wie die Selbstgeißelung und das Tragen eines Kettenhemdes diskutiert.
Zu den klassischen Themen der Mediävistik zählt spätestens seit den Arbeiten von Marc Bloch und Ernst Kantorowicz der Körper des Königs; Élisabeth Lalou steigt entsprechend mit der langen, kontroversen Diskussion über das Werk von Kantorowicz in diesen Beitrag ein. Das führt unmittelbar zur Darstellung der Effigies und weiter zu den Grablegen der Könige. Dabei werden vor allem die französischen und englischen Könige und Königinnen betrachtet. Ausgeklammert ist – auch im knappen Ausblick – der osteuropäische Raum und das Kaisertum, wobei letzteres zum Verständnis der Entwicklungen etwa von traditionellen Grablegen, Separatbestattungen und Grabbeigabesitten gerade in Frankreich ebenfalls wichtig wäre. Mit Cécile Treffort ist die Autorin des abschließenden Kapitels zum Leichnam gut gewählt; ihr einschlägiges Werk ist in der französischen Forschung seit Jahrzehnten mit dem Thema des toten Körpers verbunden. Entsprechend souverän weist ihr Überblick auf die verschiedenen Forschungsrichtungen hin, die sich in den letzten Jahren immer intensiver und in engem Austausch mit der Archäologie der Erforschung des Umgangs mit den Toten in der mittelalterlichen Gesellschaft angenähert hat.
Eine vergebene Chance besteht darin, keine gemeinsame Bibliographie oder Indices anzubieten; beides hätte helfen können, die Orientierung über die umfangreichen Beiträge hinweg zu erleichtern und konkrete Forschungspositionen und Themen zu suchen, wenn man sie mit Hilfe dieses Bandes genauer einordnen möchte. Das macht die Handhabung des Buches und seine rasche Rezeption schwieriger. Die Quellenpassagen sind zwar in sich hilfreich; für einen Einsatz in der Lehre aber doch zu wenige, um etwa als Reader zu fungieren. Trotz dieser Einwände erhält ein florierendes Feld der Forschung mit dieser Publikation ein substanzielles Hilfsmittel – sicherlich mit einer erkennbar französischen Perspektive, aber doch immer wieder auch mit einem Blick über den Tellerrand in den anglophonen und europäischen Forschungsrahmen. Der Mut der Reihenherausgeber, dies zu wagen, hat hier sehr ertragreiche Früchte hervorgebracht, die hoffentlich auch über den frankophonen Raum hinaus geerntet werden.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Romedio Schmitz-Esser, Rezension von/compte rendu de: Daniel Le Blévec, Laurence Moulinier-Brogi (dir.), Le corps au Moyen Âge, Turnhout (Brepols) 2025, 680 p., 6 ill. en n/b, 38 en coul. (L’atelier du médiéviste, 16), ISBN 978-2-503-61340-6, EUR 80,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116064





