Im Titel des Bandes kann »Enlightenment« ebenso Objekt wie Subjekt sein; gemeint ist die debattierte ebenso wie die debattierende Aufklärung. Tatsächlich sind unter den sieben hochgelehrten Beiträgen sowohl solche zur Rezeptions- und Erforschungsgeschichte der Aufklärung als auch solche zu ihrer Emergenz im späten 17. sowie 18. Jahrhundert. Einen roten Faden, der alles durchzöge, gibt es nicht, wohl aber einen Schwerpunktthemenbereich: den Anteil religiöser Denker, Denkweisen und Debatten an der Herausbildung der Aufklärung und die nachfolgende Frage, ob die gängige Einschätzung als Säkularisierungsereignis gerechtfertigt ist. Auf diesen Fragenkomplex, den die Aufklärungsforschung neuerdings viel diskutiert hat, bezieht sich die Mehrheit der Beiträge auf die eine oder andere Weise. Dadurch gelingt es dem Band, trotz thematischer Diversität eine markante Position zu beziehen.
Religiöses kommt dadurch ins Spiel, dass die Herkunft vieler explizit aufklärerischer oder als aufklärerisch rubrizierter Autoren aus einer viel breiteren, traditionstiefen Gelehrtenkultur, dem konfessionellen Späthumanismus, in den Blick genommen und die unscharfen Grenzen sowie vielfältigen Interaktionen zwischen den »Aufklärern« und ihren Gegnern betont werden. Jeffrey D. Burson, der Protagonist dieser Forschungsrichtung, hatte bereits 2019 den an der Sorbonne unterrichtenden und zugleich theologische Artikel für die Encyclopédie verfassenden Abbé Claude Yvon als Mustervertreter der aus religiöser Gelehrsamkeit hervorgehenden Aufklärung porträtiert.1 Im vorliegenden Band ist er mit einem umfangreichen Überblicksartikel vertreten, der die Res publica literaria der späten Frühen Neuzeit als keineswegs generell anti- oder auch nur areligiös disponiert betrachtet. Burson resümiert: »[T]he origins of Enlightenment secularization derive from a transposition of theological categories, not from the negation of theology itself« (107). Ähnlich argumentieren die Beiträge des Herausgebers Marco Barducci über »Republicanism, Religion and Secularisation« in England und den Niederlanden zwischen 1650 und 1750 sowie von Alasdair Raffe über »Intellectual Pluralism, the Enlightenment and Scottish Responses to Deism«. Alle drei Beiträge gehen weiter ins 17. Jahrhundert zurück, als es in der Aufklärungsforschung üblich ist, und stellen in Frage, dass die Aufklärung als spezifisch moderner Neubeginn zu verstehen sei (156).
Ebenfalls einen Fokus auf religiöser Gelehrsamkeit haben die Beiträge von Ashley Walsh über theologische Kontakte zwischen Anglikanern und schweizerischen Reformierten, die bis zu Unionsplänen gediehen, sowie von Shaun Blanchard über die katholische Einschätzung der Aufklärung, die im 20. Jahrhundert sowohl im Vatikan als auch in der Kirchengeschichtsschreibung immer positiver wurde. Abgesehen von den Schlussworten »[…] gave way to the Enlightenment« (224) lässt der Beitrag von Walsh leider jedoch offen, was die präsentierten Debatten mit Aufklärung zu tun haben.
Die letzten beiden Beiträge stellen dagegen keinen Anschluss an das gelehrt-religiöse Themenzentrum des Bandes her. Aus Archivmaterial rekonstruiert Linda Gil den gescheiterten Versuch des Verlegers Beaumarchais, seine große Voltaire-Ausgabe in einer englischen Übersetzung herauszubringen. Thomas Wallnig – dessen Forschungen zur Benediktinergelehrsamkeit die These von Burson stützen – gibt einen Überblick über das Thema Aufklärung in der deutschen Geschichtswissenschaft von circa 1930 bis 2000; sein Befund lautet, dass in Deutschland die Sozial- und Kulturgeschichte über die Ideengeschichte gesiegt habe.2
Ob und gegebenenfalls wie die historische Erforschung des (17. und) 18. Jahrhunderts einerseits und der Blick auf die nicht nur akademischen Kontextbedingungen des retrospektiven Bezugs auf die Aufklärung andererseits voneinander profitieren können, wird aus der Mischung der Beiträge nicht recht deutlich. Der Doppelsinn des Titels bleibt weitgehend unausgelotet. Gerade das von ihm angerissene Abhängigkeitsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart in jeder Rekonstruktion von und Berufung auf Geschichte geht jedoch auch diejenigen an, die sich nicht speziell für die »Christian Republic of Letters« (18) interessieren. In unserer Gegenwart kontrastiert, wie Wallnig zu Recht bemerkt, das immer differenziertere historische Wissen über die Aufklärung hart mit der schlagwortartigen Berufung auf sie in der Öffentlichkeit (33). Müsste uns das nicht stärker beschäftigen, und zwar sowohl als Forscher wie auch als Staatsbürger?
Burson zieht aus seinen Forschungen den Schluss, lieber von einer »culture of enlightening« als von »the Enlightenment« zu sprechen (4). Denn die Jansenisten, Jesuiten und, wie sich ergänzen lässt, Autoren anderer Glaubensrichtungen – und ebenso die Profangelehrten und Künstler – bedienten sich desselben Lichtvokabulars wie die Aufklärer im engeren Sinne. Diese Gemeinsamkeit herauszustellen ist sehr berechtigt angesichts der nach wie vor (besonders in der Öffentlichkeit) verbreiteten Festlegung der Aufklärung auf Religionskritik und Säkularisierung. Anzumerken bleibt allerdings, dass mit ein und demselben Wort ganz unterschiedliche Bedeutungen und Intentionen verbunden sein können: Wofür steht das Licht, das von so vielen beschworen wurde: für die göttliche Gnade oder für den menschlichen Verstand? Es wäre nicht erkenntnisfördernd, würde das Interesse für die tatsächlich breite »culture of enlightening« im späten 17. und 18. Jahrhundert über solche Fragen hinweggehen.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Daniel Fulda, Rezension von/compte rendu de: Marco Barducci (ed.), Debating Enlightenment. Scholarship, Historiography and the Transmission of Books and Ideas, Rochester, NY (Durham University IMEMS Press) 2025, 244 p., 10 b/w fig. (Ideas and Practices, 1300–1850, 2), ISBN 978-1-91496723-8, GBP 85,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116133





