Der zu besprechende Sammelband geht aus einer Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts hervor, die sich der Vermessung von »Transfers, Asymmetrien und Interdependenzen« in der ungleichen Partnerschaft zwischen dem Corpus Helveticum und Frankreich widmete. Eine Einordnung entlang etablierter Begriffe wie Verflechtung, Zirkulation und des jüngeren Gallotropismus wird von Claire Gantet vorgenommen. André Holenstein ergänzt die Präliminarien mit einem Abriss der franko-helvetischen Beziehung, die von den Burgunderkriegen bis zum Wiener Kongress mit wechselnder Intensität eine Konstante eidgenössischer Politik darstellte. Aus der Diagnose, die Prägekraft der Allianz werde im helvetischen Geschichtsbewusstsein aufgrund fortwirkender souveränistischer Narrative des 19. Jahrhunderts verkannt, leitet er das »[Z]urechtrücken« (S.37) des schiefen Bildes als Ziel des Bandes ab.

Eine Reihe von Fallstudien beleuchten diplomatische, klienteläre und sicherheitspolitische Dimensionen der eidgenössisch‑französischen Verbindung. Andreas Würgler zeigt anhand der »Affäre« Katharina von Wattenwyl, wie die gängige Praxis der Weitergabe politischer Informationen an den französischen Ambassador im Zuge der außenpolitischen Neuorientierung einer Berner Ratsfraktion als Hochverrat ausgelegt werden konnte. Karin Keller zeigt am Beispiel des Offiziers und Höflings Peter Stuppa die Zentralität bestens vernetzter Vermittler auf. Informeller Vermittlung widmet sich auch Andreas Affolter in seinem Beitrag zur »Diplomatie ohne Diplomaten«, die die von französischer Seite angestrebte Monopolisierung der Kommunikation durch den ständigen Gesandten in Solothurn unterminierte. Anhand der in Paris angelegten Pensionsgelder der Solothurner Häupterfamilie Besavanon zeigt Julien Grand, wie die Krone sich nach dem Spanischen Erbfolgekrieg und dem desaströsen système de Law mittels finanzpolitischer Finten selbst einen Schuldenerlass erteilen konnte. Damit wird deutlich, dass selbst treue Parteigänger der Krone wie die Besavanon kaum in der Lage waren, in Krisenzeiten ihre Interessen gegenüber Frankreich zu behaupten. Dass Misstrauen eine Konstante der Allianz war, zeigt Alexandre Ruelle durch das 1703/04 diskutierte Vorhaben, angrenzende savoyische Gebiete als barrière gegen eine französische Einkreisung in die eidgenössische Neutralität zu integrieren. Einen Einblick in den Alltag des Solddienst liefert Danièle Tosato-Rigo mit der Analyse des Briefverkehrs eines in Korsika stationierten Offiziers mit seinen Lausanner Eltern.

Mehrere Beiträge werfen Schlaglichter auf den (partiellen) konfessionellen Gegensatz, der immer wieder zu Belastungsproben für die Kooperation führte. Paul Vo-Ha beleuchtet die »tolérance militaire« (112), die den im Königreich stationierten reformierten Söldnern Kultausübung und Seelsorge garantierte und zugleich mit Restriktionen einherging. Getreu der konfessionellen Logik betrachtete man diese Schweizer als »Ansteckungsherde«, deren Gottesdienste und Beerdigungen nur außerhalb der Stadtmauern stattfinden durften, um sie für die Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. Vo-Ha stellt zudem die Frage, ob die im 18. Jahrhundert aufkommende Toleranzidee einen Wandel bewirkte, und kommt zum Ergebnis, dass zwar ein Abbau von Karriereschranken für reformierte Offiziere konstatiert werden kann, die Armee aber bis zum Ende des Ancien Régime ein Ort katholischer Missionstätigkeit blieb. Die Bekehrungsversuche und die oftmals eingeschränkte Religionsausübung wurden von den Zürcher Stadtgeistlichen des 17. Jahrhunderts neben weiteren Kritikpunkten in ihrer vergeblichen Agitation gegen die Allianz mit Frankreich aufgeführt, wie Sarah Thomi-Rindlisbacher nachzeichnet. Ergänzt wird die konfessionelle Dimension durch den Beitrag von Yves Krumenacker über die Genferin Marie Huber, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Lyoner Pietismus aktiv war, und Kilian Harrers Reflexionen über die Wahrnehmung territorialer Grenzen, die er anhand elsässischer Wallfahrer nach Saint-Ursanne und Einsiedeln anstellt. Harrers Einbezug (katholisch-)aufklärerischer Festkritik, deren politische Sprengkraft auch bei »Rationalisierungsversuchen« des Kirchenjahrs in der katholischen Eidgenossenschaft zutage trat (man denke etwa an den Beginn des Chenaux-Handels 1780),1 verweist bereits auf Konfliktlinien der nahenden Revolution.

Die restlichen Beiträge sind merkantiler und gelehrter Verflechtung beziehungsweise Kritik gewidmet. Marco Schnyder geht der nation suisse in Lyon nach, deren Stiftungen, Geschenke und Bankette (etwa für die städtischen Zöllner) deutlich machen, dass die »Schmiermittel« im Getriebe der asymmetrischen Beziehungen nicht nur in eine, sondern in beide Richtungen flossen. Der stete Fluss französischer »Schmier- und Bindemittel« (280) zu eidgenössischen Magistraten wurde von dem Reformaufklärer Franz Urs von Balthasar metaphernreich angeprangert, wie André Holensteins Einblick in dessen bislang kaum beachtete Manuskripte zeigt. Dass Balthasar von einer Veröffentlichung absah und sich selbst zensierte, verdeutlicht die Marginalität seiner Position innerhalb der Luzerner Elite. Magnus Ressel und Torsten dos Santos Arnold unterziehen die Beteiligung eidgenössisch‑reformierter Akteure am französischen Sklavenhandel in Nantes und an der Sklavenunternehmung Friedrich Rombergs einer ökonomischen Systemanalyse. Darin wird deutlich, dass die eidgenössische Textilproduktion eng an den Sklavenhandel gekoppelt war, weshalb die Schweiz als »Slavery hinterland« (231) betrachtet werden kann. Helder Mendes Baio untersucht den literarischen Niederschlag kolonialer Expansion anhand orientalistischer Söldnerromane aus der Waadt. David Aeby, Lukas Heinzmann und Martin Stuber widmen sich dem Austausch Albrecht Hallers mit französischen Gelehrten und Verlegern und zeigen, dass der Schweizer Teil eines größeren Netzes war, das von Spanien bis nach Russland reichte. Bedauerlicherweise wurden die Visualisierungen der Netzwerke in schwarz-weiß und eher klein gedruckt (213, 221), wodurch ihr Mehrwert geschmälert wird. Ergänzt wird der Blick auf den Wissenstransfer durch Timothée Lechots Beitrag zur Prägung des Mercure Suisse durch französische und holländische Vorbilder und Hans-Jürgen Lüsebrinks Streifzug durch französische Enzyklopädien, der die wachsende Nachfrage nach ökonomischem Wissen über die Schweiz und idealisierten republikanischen Kontrastfolien (Wilhelm Tell inklusive) im prärevolutionären Frankreich belegt. Künstlerischem Austausch wird indes wenig Platz eingeräumt: Dorothée Lano rekonstruiert Karriereverläufe Schweizer Maler in Paris und François de Cojonnex und Isabelle Roland untersuchen anhand eines Waadtländer Schlosses den Wunsch, durch die Adaption französischer Architektur am Glanz Versailles teilzuhaben.

Auch wenn bei einer so umfassenden Thematik viele Aspekte unterbelichtet bleiben, liegt der Reiz der Lektüre gerade in ihrer multiperspektivischen Durchdringung, die zum tieferen Verständnis der Austausch-, Abhängigkeits- und Konkurrenzverhältnisse zwischen den eidgenössischen Orten und der französischen Krone beiträgt. Da die »ungleiche Partnerschaft« durch die Revolution und den Sturz der Monarchie am Ende des Untersuchungszeitraums tiefgreifend erschüttert wurde und mit der Gründung der helvetischen Schwesterrepublik 1798 eine bisher ungekannte Intensität erreichte, wäre eine Fortsetzung dieses gelungenen Sammelbandes begrüßenswert.

1 Vgl. Andreas Würgler, Unruhen und Öffentlichkeit, Städtische und ländliche Protestbewegungen im 18. Jahrhundert, Tübingen 1995, 11–20.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Jakob Spengler, Rezension von/compte rendu de: Simona Boscani Leoni, Claire Gantet, André Holenstein, Timothée Léchot, Bérangère Poulain (dir.), Le Corps helvétique et la France (1660–1792). Transferts, asymétries et interdépendances entre des partenaires inégaux/Das Corps helvétique und Frankreich (1660–1792). Transfers, Asymmetrien und Interdependenzen zwischen ungleichen Partnern, Genève (Éditions Slatkine) 2024, 394 p. (Travaux sur la Suisse des Lumières, 23), ISBN 978-2-05-102944-5, EUR 50,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116135