An der Schwelle zwischen Geschichte und Kunstgeschichte präsentiert Sylvain-Karl Gosselet diesen Auszug aus seiner in Grenoble verteidigten thèse über die vormodernen Europavorstellungen und -darstellungen. Der Titel »Ludwig XIV. als Europäer« widerspiegelt den Befund, dass bei keinem anderen frühneuzeitlichen Souverän die personifizierte Europa eine so große Rolle spielte wie bei Ludwig XIV. Leider mit nur 35 qualitativ wenig hochstehenden Abbildungen präsentiert Gosselet belesen und kundig ein vielfältiges Korpus der königlichen Repräsentation, mit dem er im 16. Jahrhundert einsetzt.
Im Zeitalter Ludwigs XIV. wurden schon früh Darstellungen von Europa alleine oder – zumeist – mit anderen Allegorien geplant und ausgeführt: im Louvre, in den Tuilerien, in Saint-Cloud oder in Clagny. Wenig überraschend tauchte sie in Versailles häufig auf: als Statue im Marmorhof und im Garten, ephemer in Aufführungen, im 1752 zerstörten Treppenhaus der Botschafter, in der Kapelle, in den Salons der Abundantia, des Apollo und des Friedens sowie – einmal, bei der Eroberung von Maastricht (1673) – im Spiegelsaal. Ein auch von den Mitgliedern der Akademie der Künste oft dargestelltes Motiv zeigte den König als Friedensstifter über Europa. Noch Ludwig XV. ließ sich so darstellen, obwohl Europa in der königlichen Ikonografie nach dem Frieden von Rijswijk kaum mehr eine Rolle spielte.
Eine Grundfrage der informativen Studie lautet, wie »l’idée d’Europe« Ludwig XIV. und sein künstlerisches Umfeld geprägt hat. Der bestimmte Artikel im Singular wird dem reichen Material, das Gosselet präsentiert, nicht gerecht. Er behandelt in einem Aufwasch Bilder wie »La Renommée publiant la gloire de Louis XIV dans les quatre parties du monde« und »Le Roi donnant la Paix à l’Europe«. Dabei repräsentierte Europa je nach ikonografischem Kontext unterschiedliche Ideen, selbst wenn man ihre antike, mythologische Figur beiseitelässt. Wurde Europa mit den anderen Kontinenten zusammen dargestellt, so symbolisierten sie die ganze Welt (»l’univers«).Letztere diente beispielsweise als Resonanzraum von Ludwigs Ruhm, zumal wenn er sich im Zentrum eines Raumes befand, dessen Ecken die vier Kontinentalallegorien schmückten. Wenn Europa dagegen allein auftrat, so war sie zuerst aufmüpfiges und dann unterwürfiges oder dankbares Objekt seiner Gestaltungskraft.
Gosselets Präsentation der Chambre de la Reine legt eine weitere Dimension nahe. Herrschaftlich traf dort Apollo (Ludwig) auf die unterwürfige Europa: seine spanische Gattin Maria Theresia, die unter diesem Deckengemälde schlief. Stellte Europa in solchen Konstellationen nur den »habsburgischen« Teil des Kontinents dar – also ohne sein vornehmstes Glied Frankreich? Ursprünglich, bei Johannes Putsch (1534), wurde Europa mit Spanien als Haupt und der Kaiserkrone dargestellt, die ihr aber im Spiegelsaal vom Kopf in den Schoß fiel. Symbolisierte dies nicht die Unterordnung des Kontinents?
Gosselet wählt andere Deutungen und mit »L’Europe c’est moi« eine Formulierung, die er dem apokryphen »L’Etat c’est moi« nachempfindet. Die Beweislage dafür, dass Ludwig XIV. Europa »inkarniere«, ist allerdings dürftig. Auf Jean Lenfants Kalender »Miroire de l’Univers« (1658) erklärte die Legende, dass die vier Himmelsrichtungen mit den Erdteilen korrespondieren: »Le Septentrion, òu est située l’Europe, ne pouvait mieux estre représenté que par la figure du Roy de France.« Tatsächlich kann man Ludwig in der Figur erkennen, die ansonsten Cesare Ripas Europa nachempfunden ist. Représenter bedeutet aber nicht identifier: Ludwig »war« ebenso wenig Europa (anders 284–289) wie der anonyme türkische Jüngling Asien war. Der Sonnenkönig dachte nicht daran, Europa zu »sein«. Er stand – als Inkarnation des Staates – ebenso über dessen Regionen und Völkern wie über Frankreich. Deshalb war die »reine-Europe«, die »Königin Europa«, gerade nicht eigenständige Herrscherin, sondern bestenfalls gefügige Partnerin.
Wenn Gosselet von ihr und Ludwig XIV. als einem »duo quasi matrimonial« (241, 328) spricht, wäre es selbst in seiner frankozentrischen Perspektive interessant gewesen, das Verhältnis des Sonnenkönigs zu Europa mit demjenigen zur personifizierten France (Francia) zu vergleichen. Gerade in Versailles erscheint Letztere als nicht gleichrangige, aber vollwertige Partnerin, mit der zusammen Ludwig die anderen Länder unterwirft. In der zu seiner Zeit allerdings kaum mehr üblichen Ehemetaphorik war sie, Francia, die mystische Gattin des Königs. Man darf sich fragen, ob er Europa nicht als seine Mätresse ansah. Das legt ein Gemälde von Pierre Mignard nahe (Kurpfälzisches Museum Heidelberg, Inv. L. 39), das Gosselet nicht behandelt. Es zeigt den Götterkönig Zeus als Stier, der Europa entführt – niemanden anders als Ludwigs Geliebte Madame de Montespan. Wenn man ein von Gosselet verwendetes Bild bemühen will, so gehört der »arbitre de l’Europe« gerade nicht zum Kontinent, sondern steht als Schiedsrichter über ihm. Ludwig XIV. verstand sich nicht als Europäer, sondern als souveränen Anti-Europäer oder noch mehr als Supra-Europäer.
»Arbitre« ist nicht die einzige Metapher, die Gosselet aus seinen Lektüren oder kreativ selbst entwickelt: Europa ist Instrument, idealer Spiegel, »un certain idéal de bon gouvernement«, das irenische Optimum der Kriegskunst – die Vielzahl zum Teil widersprüchlicher Charakterisierungen erlaubt es kaum, klare zeitgenössische Bedeutungen herauszuschälen. Vor allem in seinem vierten Teil verliert sich Gosselet in unnötigen Spekulationen (etwa 326–327), die durch das häufige »sans doute« nicht plausibler werden. Das Bildmaterial bestätigt jedenfalls nicht »la répétiton ad nauseam de ce topos«: »Les Français n’avaient pas qu’un roi de France, ils avaient un roi européen« (340). Zumal als Rezensent aus der Stadt, deren Zerstörung der Sonnenkönig mit der Medaille »Heidelberga deleta« feierte, liest man mit Unbehagen von dessen angeblichen zwei Obsessionen, für Frauen und für den Frieden. Weder als Fremdzitat noch als Ironie liest man tatsächlich: »Les guerres de Louis XIV furent justes […] et donc propres, belles, magnifiées par les arts « (264). Etwas mehr Nüchternheit gegenüber dem nationalen Pathos der »Singularité dans l’histoire« (besonders 372–379) hätte dem Autor nicht geschadet.
Für die Einordnung hilfreich gewesen wäre der Verweis auf die einschlägigen deutschen Publikationen von Klaus Bussmann und Elke Werner, Nicolas Detering, Sabine Poeschel oder Wolfgang Schmale. Wie sie fehlt in der Bibliografie das englische Standardwerk von Michael Wintle (The Image of Europe, 2009). So wird eine gesamteuropäische Ikonografie französisch verengt, obwohl die Titeldrucke von Pierre d’Avity Estats du Monde oder das wiederholt verwendete Motiv König beim Spaziergang mit Europa zeigen, wie etwa der englische Monarch sich ebenfalls als Partner Europas darstellte. James Thornhill verewigte Wilhelm III. im Royal Naval College in Greenwich ebenso. Auf dem Titelblatt von Pieter Valckeniers »verwirrter« Europa (1677) widerlegt derselbe Oranier, der sie vor dem Sonnenkönig rettet, Gosselets Behauptung von einer »absence de contre image« (372). So dankbar man für seine reiche ikonografische Dokumentation ist, so diskussionswürdig bleiben seine Interpretationen.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Thomas Maissen, Rezension von/compte rendu de: Sylvain-Karl Gosselet, Louis XIV européen. Le discours des images, Ceyzérieu (Champ Vallon) 2024, 428 p., 35 Abb., ISBN 979-10-267-1238-1, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116137





