Das vorliegende interdisziplinäre Sammelwerk ist selbst für einen Vertreter dieses Genres außergewöhnlich heterogen. Die acht Beiträge reichen zeitlich vom 15. bis zum 21. Jahrhundert und kombinieren Beispiele aus beiden Amerikas, Europa und Südostasien. Darüber hinaus stammen sie aus unterschiedlichen akademischen Disziplinen mit jeweils distinkten Methoden und Fragestellungen. Angesichts dessen wäre eine konzeptionelle Rahmung, die über die bloße Zusammenstellung thematisch ähnlicher Einzelstudien hinausgeht und gemeinsame Fragen und Erkenntnisinteressen benennt, von zentraler Bedeutung. Leider verzichten die Herausgeber weitgehend darauf. Nur auf einer Seite der Einleitung beziehen sie sich auf verbindende Aspekte, wobei sie die Begriffe »Häfen, Inseln, Städte« als Zentren und Wegpunkte von Mobilität und Migration in den Fokus rücken.
Angesichts dieses Themas und des interdisziplinären Anspruchs wäre zumindest eine exemplarische Einordnung in zentrale Debatten der (historischen) Migrations- oder Mobilitätsforschung wünschenswert gewesen. Dass diese Kontextualisierung gänzlich ausbleibt, erschwert nicht nur die Lektüre, sondern begrenzt auch den wissenschaftlichen Mehrwert des Bandes, der sich daher vornehmlich in den einzelnen Beiträgen findet. Dies ist auch der Grund dafür, dass sie im folgenden eher aufzählend vorgestellt werden.
Den Auftakt macht Gaëlle Lebeau, die sich mit (Zwangs-)Migration zu und von der Insel La Réunion beschäftigt. Ihr Fokus liegt nach kurzen Informationen zur neuzeitlichen Sklaverei auf der Zwangsmigration von indigenen Kindern der Insel in das kontinentale Frankreich im 20. Jahrhundert. Beide Formen der Zwangsmigration werden dabei von ihr als gleichermaßen erinnerungskulturell traumatisch beschrieben. Es folgt ein Sprung in die Gegenwart, wenn Lebeau gestützt auf Fragebogen die Erfahrungen von Remigrierenden beschreibt. Ihr analytischer Fokus bleibt über diese zeitlichen Sprünge hinweg der Inselstatus von La Réunion als Ressource und Risiko für die Bildung von sozialen Gruppen und Gemeinschaften durch die vor Ort lebenden Akteurinnen und Akteure.
Rein historisch bleibt hingegen die Analyse von Nicolas Ribeiro, der kenntnisreich die Bedeutung von Häfen als Drehscheiben der Mobilität in den französischen Antillen der Frühen Neuzeit analysiert. Dabei betont er die zentrale Bedeutung maritimer Mobilität für die dortigen kolonialen Gesellschaften, aber auch den ambivalenten Charakter von Häfen, die zwar als Instrumente für die Zentralisierung und damit Kontrolle von Waren- und Personenverkehr angelegt worden waren und gleichzeitig Möglichkeiten boten, obrigkeitliche Interessen zu unterlaufen. Dabei berücksichtigt er in breiter Perspektive sowohl Migration als auch alltägliche Mobilität. Dies gipfelt in einer nützlichen Typologie der Migrationen/Mobilitäten (S. 39), die einen Höhepunkt des Bandes darstellt.
Ebenfalls der neuzeitlichen Geschichte widmet sich François Souty, genauer der Kolonialgeschichte Indonesiens. Sein Fokus liegt auf Batavia, dem Verwaltungssitz der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) in Asien. In einem historischen Überblick mit mehrseitigen, nicht immer kritisch eingeordneten Quellenzitaten unterscheidet Souty zwei historische Phasen. Die erste reichte von 1680 bis 1720 und sei von ökonomischem Aufschwung und Konfliktfreiheit geprägt gewesen, wobei eine weitgehende Eigenständigkeit unterschiedlicher religiöser und ethnischer Gemeinschaften deren Koexistenz ermöglicht habe. In der zweiten Phase von 1720 bis 1740 sei es hingegen zu Krisen gekommen, wie einem Einbruch der Börsenkurse, Epidemien und einem Aufstand. Die Konflikte kulminierten 1740 in einem Massaker an der chinesischen Bevölkerung.
Einen Übergang ins 19. Jahrhundert vollzieht der Beitrag von Marie Zissis, die sich mit den Folgen der Eroberung der Kolonie Nouvelle France durch Großbritannien 1763 beschäftigt. Sie vergleicht die unterschiedlichen Reaktionen und Erfahrungen der Adeligen, die nach der Eroberung entweder vor Ort blieben oder nach Frankreich migrierten. Es gelingt ihr dabei, zum einen die Spannung von Traditionserfindung und Innovation in Kanada, zum anderen die Herausbildung einer spezifischen Identität der nach Frankreich Exilierten angesichts von Exklusion und Marginalisierung nachzuzeichnen. In der Verflechtung beider Gruppen zeigt sie eindrucksvoll, dass erst nach dem Ende von Nouvelle France beiderseits des Atlantiks ein angeblich alter franko-kanadischer Adel als imaginierte Gemeinschaft entstand.
Eine literaturwissenschaftliche Analyse trägt Charles Brion bei. Er untersucht die Motive Insel und Exil in Jules Vernes Die geheimnisvolle Insel und stellt dabei besonders den utopischen Charakter der Exilgesellschaft heraus, in der die Technik den Ausweg aus Krisen und einen Pfad zu sozialer Gleichheit bietet. Einblicke in geplante, nicht realisierte Wendungen des Buches sowie weitere Robinsonaden in Vernes Gesamtwerk runden diesen Beitrag ab.
Antoine Huerto verfolgt wiederum ein wissenschaftsgeschichtliches Interesse. Er analysiert die Karriere des französischen Geografen Pierre Deffontaines, der im akademischen System seiner Heimat trotz idealer Voraussetzungen nicht reüssieren konnte. Nachdem Huerto detailliert die Gründe dieses Scheiterns herausgearbeitet und so Einblicke in das damalige akademische System eröffnet hat, folgt er dem Lebensweg Deffontaines. Er beschreibt eine Kettenmigration nach Brasilien, Spanien und Kanada, die Huertas Werk erheblich prägte und ihm eine Vermittlerrolle zwischen Wissenschaftskulturen ermöglichte.
Langfristige Folgen kollektiver Migration und Erinnerungskultur rücken im Beitrag von Marie-Christine Michaud ins Zentrum, welche die Geschichte der Benennung der Verrazano-Brücke bei New York im Jahr 1960 rekonstruiert. In einer knappen, aber interessanten Public-History-Analyse stellt sie dies als Resultat einer bisher in dieser Intensität unbekannten Lobbyarbeit und eines neuartigen italoamerikanischen Aktivismus dar, der auf vorherigen Marginalisierungen und Diskriminierungen reagierte.
Den Abschluss des Bandes bildet Éric Monteiro, der in seinem breiten Panorama der Migration zwischen Portugal und Brasilien mehrere Schwerpunkte setzt: zum einen die Migration von Roma, die seit dem 16. Jahrhundert von Marginalisierungen und Vertreibungen betroffen waren und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in mehreren distinkten Migrationsphasen nach Brasilien auswanderten; zum anderen die Immigration von Portugiesen in das seit 1822 unabhängige Brasilien, die sich dort aufgrund sprachlicher und kultureller Differenzen aber nur bedingt integrierten. Monteiro spannt den Bogen noch bis in die Gegenwart und untersucht sowohl Migration aus dem 1975 unabhängig gewordenen Angola nach Brasilien, wo erfolgreich soziale und wirtschaftliche Nischen besetzt werden konnten, als auch Migration aus Brasilien nach Portugal infolge des EU-Beitritts und die Bildung von Exilgemeinschaften. In einem Ausblick geht Monteiro schließlich auf die künftige Rolle der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder(CPLP) für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in den genannten Ländern ein.
Betrachtet man die Beiträge in Gänze, so stehen die im Titel und in der Einleitung hervorgehobenen Räume eindeutig nicht im Zentrum, denn die Hälfte der Beiträge setzt sich bestenfalls beiläufig mit ihnen auseinander. Es zeigt sich aber dennoch ein gemeinsamer Nenner, da sich alle Beitragenden mit Formen von Migration oder Exil und der Erinnerung daran beschäftigen – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Insgesamt erweist sich der Band damit nicht als Beitrag zu einer interdisziplinären Synthese, sondern vielmehr als eine unverbundene Kompilation in sich durchaus lesenswerter Einzelstudien.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Jan Simon Karstens, Rezension von/compte rendu de: Eric Monteiro, Charles Brion (dir.), Ports, îles, villes. Entre exils et migrations transcontinentales et océaniques: approches comparatives (XVe–XXIe siècle), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 157 p. (Enquêtes & documents, 80), ISBN 979-10-413-0820-0, EUR 22,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116144





