Unter den Akteuren der Französischen Revolution gab es in verschiedenen Phasen und an einzelnen Orten etliche Personen, die, wenn sie schon keine Protagonisten waren, nichtsdestoweniger ihren häufig letalen quart d’heure de célébrité erlebten und damit auch den Weg in die ein oder andere Gesamtdarstellung fanden. So verhielt es sich mit Claude François Payan, der als Funktionsträger bei der Commune de Paris am 9. Thermidor des Jahres II die Stadtbevölkerung zu einem Aufstand zugunsten Maximilien de Robespierres und der Rettung der jakobinischen Republik anstachelte. Noch in der Nacht gewannen allerdings die Thermidorianer die Oberhand und Payan bestieg gleich am 10. Thermidor im Gefolge Robespierres und direkt nach Louis Antoine de Saint-Just das Schafott.

Der Pariser und nationale Revolutionsschauplatz bleibt in Nicolas Soulas’ Studie nur ein Nebenstrang. Zum einen schreibt er eben keine Biografie für die Revolutionäre der dritten Reihe, sondern eine Familiengeschichte der Payans über gut eineinhalb Jahrhunderte. Zum anderen spielte sich deren Geschichtsmächtigkeit als Notabeln außerhalb der Hauptstadt ab, größtenteils in der Provinz Dauphiné des Ancien Régime, sodann im revolutionären Département Drôme und über den ganzen Zeitraum in der Kleinstadt Saint-Paul-Trois-Châteaux mit ihren 2.000 Einwohnern am Ende des 18. Jahrhunderts. Dabei konzentriert sich Soulas auf die Lebenswege und Netzwerke der Payans über vier Generationen und bietet somit die Geschichte einer Familie, weniger jedoch – wie der Buchtitel auch suggerieren könnte – eine Geschichte der Familie im Frankreich des 17. bis 19. Jahrhunderts. Dafür bleibt Soulas zu dicht an seinen Protagonisten mit ihren lokalen Aktionsräumen und interessiert sich wenig für strukturelle Rollen von Vätern, Söhnen und Brüdern und noch weniger für Geschlechterbeziehungen. Dort, wo sich Muster wie in den Aufstiegsambitionen und Vernetzungspraktiken von Notabeln erkennen lassen, bestätigt die Fallstudie der Payans bisherige Befunde der Forschung stärker, als eigenständige Interpretationsangebote zu machen.

Soulas erzählt die Geschichte der Payans stringent (trotz einiger Redundanzen), quellengesättigt aus lokalem Archivmaterial familiärer wie behördlicher Provenienz und politisch zäsurenübergreifend. Der erste Teil des Buches behandelt den mittels Verwandtschafts- und Bekanntschaftsnetzwerken sowie Ämterkauf, Heiraten und ständisch ambitionierter Bildung vorangetriebenen Aufstieg der Payans zu Provinznotabeln des 18. Jahrhunderts an der Schwelle von persönlichem und erblichem Adel. Angesichts dessen, dass die Familie erst mit dem Widerruf des Edikts von Nantes 1685 vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert war, stellte die aus Grundbesitz und lokaler Verankerung geschaffene Machtbasis eine Leistung dar. Diese war umso erheblicher, als François Payan Anfang der 1770er-Jahre die Aufnahme in die Funktionselite des Parlaments, also des Provinzgerichtshofs, des Dauphiné gelang, gefolgt von einem Ämterkauf seines Sohnes Joseph François bei der Rechnungskammer in Grenoble. Exzeptionell war dieser Aufstieg freilich nicht, sondern er umreißt vielmehr die sozialen Mobilitätsspielräume des späten Ancien Régime.

Dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als François Payan und perspektivisch seine Söhne das aristokratische Ziel ihres Aufstiegs vor Augen hatten, die Revolution kam, an deren Ausbruch sie über die provinzialständischen Reformversuche im Dauphiné letztlich mitgewirkt hatten, bildet eine sozialgeschichtliche Pointe der Studie. Im Laufe der Revolution stützten sich Vater Payan und seine beiden Söhne Joseph François und Claude François auf ihre lokale Machtbasis, um das Bürgermeisteramt von Saint‑Paul‑Trois‑Châteaux ebenso in die Familie zu bringen wie die Kontrolle über den politischen Klub der Kleinstadt. Es folgte eine Radikalisierung auf lokaler Ebene, die sich im Radius von 200 Metern in Konflikten um den örtlichen Priester oder den Klub abspielte und von dort auf das Département Drôme erstreckte. Durch dieses Vergrößerungsglas betrachtet bekommt das revolutionäre Handeln dieser »sans-culottes ruraux« (175) eine eigene Lakonik. Nach dem Fall der Monarchie 1792 und vor allem nach dem Sturz der Girondisten im Frühjahr 1793 wirkten die Payan-Brüder den »föderalistischen« Bewegungen entgegen, die sich den zentralistischen Bestrebungen des Nationalkonvents zu widersetzen suchten. Als republikanische Provinzhelden gelangten sie schließlich bis ins engere Umfeld Robespierres und der jakobinischen Säuberungsaktivitäten. Joseph François avancierte zum Unterrichtskommissar der Republik; Claude François war für den Wohlfahrtsausschuss tätig ebenso wie als Geschworener des Revolutionstribunals und als Journalist. Schließlich wurde er nationaler Regierungsvertreter bei der Pariser Kommune, um diese enger an den Wohlfahrtsausschuss zu binden. Dieser zweite, jedoch politisch radikalere und zeitlich stark verdichtete Aufstieg der Payans kulminierte dann in der zweiten Pointe des Buches: Zwanzig Tage im Sommer 1794 hätten gereicht, so Soulas, um die familiären Errungenschaften eines guten Jahrhunderts und mehrerer Generationen zunichtezumachen (236–237).

Im Gegensatz zu Claude François überlebte sein älterer Bruder Joseph François den Thermidor zwar, rettete aber sein Leben nur durch Flucht und lebte dann noch 58 Jahre lang ein politisch wie öffentlich und sozial vergleichsweise farbloses Leben in seiner Heimatregion. Diese Erzählung vom langsamen hohen Aufstieg, vom schnellen tiefen Fall und von einem lapidaren wie länglichen Postludium zwischen der einträglichen regionalen Finanzverwaltung und einem dörflichen Bürgermeisteramt im postrevolutionären Frankreich gerät aber etwas zu sehr in die Nähe einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Sie unterschätzt, dass weder die Karrieren der Payans im späten Ancien Régime noch ihr revolutionärer Aktionseifer zwangsläufig waren, auch wenn sie sich teils ähnlicher Vernetzungs- und Beeinflussungspraktiken bedienten. Ebenso bot politische Exposition und die Mitwirkung an Gewaltausübung im politischen wie physischen Sinne zwar Chancen, hatte aber auch ihre im Extremfall existenziellen Risiken. Inwiefern auf die zweite Kulmination im Thermidor ein soziopolitischer Niedergang folgte, hängt stark von der Perspektive ab. Hier gäbe es auch andere Erzählmuster als den konventionellen Orientierungspunkt des »ami intime de Robespierre« (16). Immerhin überlebte der ältere Payan-Bruder die nachjakobinischen Regime; immerhin konnte er bereits ab dem Konsulat Napoléon Bonapartes wieder politische Ämter bekleiden; immerhin erlaubten ihm ein erhebliches Vermögen und wachsender Grundbesitz in der Marginalisierung ein komfortables Leben; immerhin gab die Ausrufung der Zweiten Republik 1848 – 56 Jahre nach der Ersten – dem Langzeitüberlebenden noch einmal Gelegenheit, auf seine »lange« Laufbahn zu verweisen.

Eine solche Bilanz ist jedoch mehr als eine fast sechs Jahrzehnte dauernde »sortie de la Révolution« (23). Schließlich war die nächste Payan-Generation sogar bereit, mit dem Ende der Zweiten Republik Napoleon III. zumindest vordergründig ihre Loyalität zu bekunden. Zur Belohnung gab es im Second Empire endlich den ersehnten Adelstitel. Damit lässt sich die Familiengeschichte der Payans am ehesten in den teils offenen, teils unbestimmten, teils unregulierten »possibles« des 19. Jahrhunderts verorten, wie sie Emmanuel Fureix zu einer Interpretationsgrundlage der nachrevolutionären Zeit gemacht hat, die sich zwischen 1789 und 1871 eben nicht vom Erwartungshorizont einer Revolution zur jeweils nächsten hangelt.1

Doch liegt auf der Suche nach solchen Anschlüssen nicht das Hauptaugenmerk von Soulas’ Studie. Auch den konzeptionellen Rahmen der »Familie« braucht sie im Grunde nicht und steuert dazu auch wenig bei. Vielmehr ist sie eine sorgfältig gearbeitete, flüssig geschriebene und »dezentrierte« (101) Vertreterin französischer Revolutionsgeschichtsschreibung, die mit Selbstverständlichkeit längere Zeithorizonte abdeckt und sich zugleich angesichts des transnational, Atlantic oder global turn für ihren regionalen und lokalen Fokus nicht rechtfertigen muss.2

1 Emmanuel Fureix, Le siècle des possibles. 1814–1914, Paris 2014.
2 Zur Debatte um die Horizonte französischer (Revolutions-)Geschichtsschreibung David Avrom Bell, Questioning the Global Turn: The Case of the French Revolution, in: French Historical Studies 37 (2014), 1–24; Nancy L. Green, French History and the Transnational Turn, in: French Historical Studies 37 (2014), 551–564.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Friedemann Pestel, Rezension von/compte rendu de: Nicolas Soulas, Familles et individus à l’épreuve. Les Payan, de la révocation de l’édit de Nantes à l’âge des révolutions, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 318 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-9921-5, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116147