Aus aktuellen internationalen Publikationen zur frühneuzeitlichen Religionsgeschichte Frankreichs stechen als zentrale Themenkomplexe vor allem die Religionskriege des 16. Jahrhunderts einerseits und die Herrschaft Ludwigs XIV. andererseits heraus. Die königlichen Edikte von Nantes 1598 und von Fontainebleau 1685 bildeten diesbezüglich markante historische Eckpfeiler. Eher marginal hingegen wird die Zeit zwischen diesen beiden Ereignissen behandelt. Zu Recht widmet sich der hier vorgestellte Sammelband daher der Frage, wie das protestantische Leben, konkret das des hugenottischen Adels, sich zwischen 1598 und 1685 gestaltete, also in der Zeit, in der das Edikt von Nantes in Kraft war. Der Band zeigt, dass sich die protestantischen Eliten Frankreichs in diesem Beinahejahrhundert keinesfalls zurücklehnen und ihren Glauben unbehelligt praktizieren konnten. Vielmehr warf die Aufhebung des Ediktes von Nantes bereits Mitte des Jahrhunderts ihre Schatten voraus. Religiöse, militärische und gesellschaftliche Freiheiten und Privilegien wurden stufenweise aufgehoben. Bereits um 1630 ging man mit Waffengewalt und Einquartierungen (»interventions nobiliaires musclées«; Boltanski, 161) gegen Protestanten vor und nahm damit letztlich die Dragonaden Ludwigs XIV. vorweg. Der hugenottische Adel reagierte auf diese Entwicklungen auf unterschiedliche Weise. Genau diese Reaktionen stehen im Zentrum des rein französischsprachigen Bandes, der sich in Anlehnung an die verschiedenen Strategien in drei Teile gliedert: »Le service du roi«, »La défense de la foi«, »Le déclin du ›parti‹«. Die Beitragenden widmen sich diesen Themenfeldern in insgesamt 19 Aufsätzen. Sie behandeln vor allem Fallbeispiele einzelner Adelsfamilien und zentraler Akteur:innen, die größtenteils versuchten, gleichzeitig in der Gunst des Königs zu bestehen und dem eigenen Bekenntnis treu zu bleiben.

Die früheren hugenottischen Glaubensgenossen und Waffenbrüder Heinrichs IV. genossen lange Zeit dessen Wohlwollen und königliche Protektion. Das Edikt von Nantes vergrößerte zunächst ihre Möglichkeiten, neue prestigeträchtige Posten sowohl innerhalb der hugenottischen Kirchenstruktur (als Deputierte) als auch in Politik (als königliche Kommissare oder Mitglieder der »chambres de l’Édit« in den Provinzen) und Militär (als Gouverneure der neu eingerichteten Sicherheitsplätze) zu besetzen (siehe insbesondere die Beiträge von Rosanne Baars, Caroline Le Mao, Pierre-Jean Souriac). Nach der Ermordung des Königs und der Regierungsübernahme durch seine Witwe als Regentin änderte sich dies jedoch. Hinzu kam ein Generationswechsel innerhalb des protestantischen Adels: Während sich die eher gemäßigten Veteranen der Religionskriege um Sully und Duplessis-Mornay scharten, schlossen sich die jungen und kriegsunerfahrenen Adligen dem Herzog von Rohan und seinem Bruder Soubise an, was die hugenottische Aristokratie zumindest zeitweise spaltete.

Fanny Giraudier zufolge mussten sich die Adligen schon ab den 1620er-Jahren zwischen zwei Extremen unterscheiden: »lutte ouverte ou soumission au pouvoir royal« (142). Seitdem kam es gehäuft zu Glaubenswechseln prominenter Akteure. Damit setzte eine Entwicklung ein, die 1668 mit der Konversion Henris de La Tour d’Auvergne, des Marschalls von Turenne, ihren weitgehenden Abschluss fand. Michel Figeac neigt bei seiner Bewertung dieser konfessionellen Entscheidungen, die vielfach, aber nicht immer politischen oder dynastischen Logiken folgten, zu Generalisierungen (»le choix est politique avant que d’être religieux«; 106), Laurent Bourquin hingegen betrachtet diese reflektierter (»nous ne pouvons malheureusement pas en éclairer la dimension spirituelle«; 116).

Nur wenige Familien des Hochadels wie die de La Force blieben bis zur Revokation des Edikts protestantisch. Unter Ludwig XIV. wurde es für nicht katholische Adlige zunehmend schwierig bis unmöglich, Glauben und Karriere in Einklang zu bringen. Sie sahen sich nun immer öfter vor die Wahl gestellt, entweder ihrem Glauben abzuschwören oder in ihm zu verharren und damit zu riskieren, aus dem königlichen Dienst entlassen zu werden; denn wer nicht das Bekenntnis des Souveräns annahm, blieb ein »sujet imparfait« (Nicolas Breton, 245). Der Charakter der oben erwähnten Kommissionen änderte sich seit Ende der 1650er-Jahre im Sinne einer zunehmend restriktiven Interpretation des Edikts von Nantes: Die hugenottischen Amtsträger wurden Stück für Stück zu »exécutants de la politique royale antiprotestante« (39). Auf dem Spiel stand somit nicht nur die religiöse, sondern auch die soziopolitische Identität der hugenottischen Eliten. Laurent Bourquin attestiert ihnen daher »une double identité, à la fois religieuse et nobiliaire« (126): Während es zuvor keinen Widerspruch darstellte, protestantisch zu sein und gleichzeitig dem König zu dienen, wurde diese Kombination zunehmend problematisch und beide Loyalitäten traten in Konkurrenz zueinander. Fadi El Hage spricht bezüglich dieses Dilemmas von einem Balanceakt (»ce jeu d’équilibriste entre la foi et la fidélité à la monarchie«; 248). Diejenigen Adligen, die nicht abschwören wollten und zwischen Königs- und Glaubenstreue lavierten, mussten aus einer übersichtlichen Reihe von Optionen wählen, die in den Beiträgen des Bandes an unterschiedlichen Familien immer wieder durchexerziert werden: im Sinne eines schwer fassbaren Kryptoprotestantismus in den Untergrund abtauchen, die Waffen gegen den König erheben und auf diese Weise mit der Loyalität zur Krone eines der grundlegenden Prinzipien des eigenen Standes über Bord werfen oder ins Exil gehen. In den meisten Familien findet sich eine Kombination aus diesen Strategien, verteilt auf ihre Individuen, was die Familien vielfach entzweite. Halsstarrige protestantische Adlige, Männer wie Frauen, teilweise hoch betagt, wurden unter dem Sonnenkönig nicht selten in Konventen interniert oder aus dem Königreich ausgewiesen.

Den zahlreichen Konversionen hochadliger Akteur:innen folgten ihre niederadligen Gefolgsleute nach, es setzte also ein Dominoeffekt ein. Durch die Richtungswechsel ihrer Lehnsherren büßten weiterhin protestantische Untertanen an politischem Einfluss ein, der zuvor primär über diese adligen Schutzherren ausgeübt worden war.Von den späten 1620er-Jahren an verschwanden allmählich die politischen Institutionen der Hugenotten, durch die unter dem Vorsitz der nun wegbröckelnden protestantischen Aristokratie seit dem Ende des 16. Jahrhundert die Verbindung zum König aufrechterhalten worden war. So endete 1660 die letzte Nationalsynode in Loudun. Zudem hatten viele Adlige auf ihren Lehengütern das Patronatsrecht inne (»culte de fief«, siehe insbesondere den Beitrag von Didier Boisson) und konnten dadurch für ihre protestantischen Untertanen, aber auch für »Auslaufende« aus den Nachbarregionen, die nötige Infrastruktur bereitstellen, gaben diese Unterstützung nach einer Konversion aber konsequenterweise meist auf.

Insgesamt bietet der Band eine Reihe von weitgehend unverbunden nebeneinanderstehenden Mikrostudien zu kleineren und daher in der internationalen Forschung unbekannteren Häusern. Über weite Strecken handelt es sich bei den Aufsätzen um bis ins Mittelalter zurückgreifende Besitzgeschichten einzelner adliger Familien, was aber durchaus seine Berechtigung hat, denn beides, Glaube und Besitz, gehörte zusammen: »[P]rotéger leurs domaines leur permet d’assurer le maintien des communautés protestantes qui y résident« (Fanny Giraudier, 146). Allerdings scheinen die Autor:innen den Habitus des (protestantischen französischen) Adels nicht immer in Gänze erfasst zu haben. So greift Nicolas Le Roux’ Behauptung, in der Gemäldesammlung eines überzeugten Calvinisten würde man keine Jungfrau mit Kind finden (75), zu kurz: Vielmehr griffen Kunstverständnis und adliger Ethos ineinander, so dass derlei Objekte – selbstverständlich – als Wertgegenstand, Sammel- und Tauschobjekt, Geschenk oder Erbstück ihren unangefochtenen Platz auch in protestantischen Kollektionen hatten. An manchen Stellen stolpert man über die nicht immer sachgemäße Terminologie, wenn etwa Ariana Boltanski von »cuius regno, eius religio« (169) oder (ganz ohne Anführungs- und Schlusszeichen) von »ré-christianisation« (155) spricht und damit Rekatholisierung meint; oder wenn der Katholizismus mit »l’obéissance aux autorités supérieures instituées par Dieu« (171) gleichgesetzt wird, die der protestantischen Lehrmeinung zufolge selbstverständlich mindestens ebenso geboten war.

Geografisch sind die Beiträge in Bezug auf Frankreich und seine Regionen breit aufgestellt, es wird aber kaum ein Blick über den französischen Tellerrand hinaus gewagt, obwohl sich dieser angesichts der zahlreichen internationalen Verwandtschaftsverbindungen der hugenottischen Eliten mit dem protestantischen Hochadel unbedingt anböte und als Notwendigkeit durchaus erkannt und angesprochen wird. Ein Vergleich mit der Situation im Reich drängt sich auf, wird hier aber nicht unternommen. Erfrischend sind die Beiträge von Ariana Boltanski, die die Gegenseite, also den katholischen Adel untersucht, der aktiv den tridentinischen Katholizismus propagierte, sowie von Pierre-Jean Souriac, der eine auf Kartenmaterial gestützte »géographie […] du protestantisme français« (202) entwirft, die sich vor allem im Süden sehr dicht gestaltete. Adrien Aracil gelingt es außerdem zu zeigen, dass sich der hugenottische Adel noch mit ganz anderer Kritik konfrontiert sah, nämlich aus den eigenen Reihen, konkret von seinen Untertanen und vor allem von Seiten der protestantischen Geistlichkeit. Von »den Hugenotten« zu reden, ist daher problematisch. Vielmehr waren diese in sich gespalten und setzten sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen. Diese Pluralität innerhalb des französischen Protestantismus, dessen Eliten sich unter anderem aus Rohanisten, Geistlichen, Hoch- und Niederadligen zusammensetzten, stellt eine der wichtigsten Erkenntnisse des Bandes dar. Zudem wird mindestens zwischen den Zeilen deutlich, dass Konfession nur eine von mehreren relevanten Motiven war, die das Handeln der adligen Akteur:innen bestimmten, wenn sie auch oft als die hervorragendste unter ihnen deklariert wurde. Faktoren wie der spezifische adlige (und militärische) Rang, familiäre Netzwerke, Landsmannschaft, materiell-finanzielle Handlungsspielräume und territoriale Ausstattung ebenso wie die Position in der Geschwisterfolge konnten bei den Entscheidungen einzelner Adliger ebenso eine Rolle spielen wie Glaube und Konfession. Das Feld für moderne komparatistische Studien zum (adligen) europäischen Protestantismus des 17. Jahrhunderts ist nun hervorragend vorbereitet.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Andreas Flurschütz da Cruz, Rezension von/compte rendu de: Céline Borello, Laurent Bourquin (dir.), La noblesse protestante sous l’édit de Nantes, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 298 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-9863-8, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.2.116183