Rituale der Ritualbeobachtung : von Émile Durkheims "effervescence" über Marcel Mauss' "fait total" zu Pierre Bourdieus "acte d'institution"

Werner Gephart

Abstract


Dass sich auch die soziologische Erkenntnisbewegung als ein 'Ritual' begreifen lässt, das u.a. auf Rituale anwendbar ist, wird nicht zufällig am Beispiel Emile Durkheims demonstriert, dessen Objektivitätsanspruch in einem großen 'Wahrheitsritual' kulminiert: 'Definierende' d.h. ausschließende Objektbestimmung, 'Reinigung' des von Vorbegriffen kontaminierten Denkens, 'Objektfixierung' und das 'Kontrollritual' der Scheidung des Normalen und des Pathologischen verweisen, religionssoziologisch, auf eine Ritualgemeinschaft der Ritualbeobachter, deren Vitalisierung die rituelle Praxis selbst dient. Diese Linie setzt sich in der Methodologie von Marcel Mauss fort, die schon bei Durkheim als eine 'branche' der Soziologie angelegt war und im Identitätsritual Bourdieus wiederauflebt. An zwei scheinbar heterogenen Beispielen, dem Strafverfahren als 'Wahrheitsritual' und Akt der Institutionalisierung eines ewigen Geltungsanspruchs auf der einen und dem Moderitual als Akt der Institutionalisierung eines temporären Geltungsanspruchs auf der anderen Seite soll die Fruchtbarkeit der hier praktizierten, reflexiven Ritualanalyse erwiesen werden.

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