Assimilation als Königsweg?

Deutsche und französische Intellektuelle im Meinungsstreit über Judentum und Antisemitismus 1893 bis 1907

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Abstract

Der Beitrag vergleicht die Stellungnahmen deutscher und französischer Intellektueller in vier Umfragen zu Antisemitismus und »Judenfrage«, die zwischen 1893 und 1907 durchgeführt wurden. Viele deutsch-französische Vergleichsstudien laufen auf die These hinaus, dass die Dritte Republik aufgrund eines liberaleren und inklusiveren Nationskonzepts geringere Assimilationsforderungen an die Juden gestellt habe als das deutsche Kaiserreich. Deshalb seien die Voraussetzungen für eine Ächtung des Antisemitismus hier besser gewesen. Eine Analyse der Umfragen lässt Zweifel an dieser These aufkommen. Das französische Modell nationaler Identität führte nicht zu gemäßigten Assimilationsforderungen, denn auch die französischen Intellektuellen verlangten die integrationalistische Assimilation der Juden. In keinem der beiden Länder korrelierten hohe Assimilationsforderungen mit Antisemitismus. Im Gegenteil, die meisten französischen und deutschen Intellektuellen lehnten Antisemitismus ab, weil sie die Assimilation der Juden wünschten und befürchteten, dass Antisemiten diesen Prozess behindern könnten. Die Verbreitung des völkischen Antisemitismus unter deutschen Intellektuellen und im Bildungsbürgertum erklärt sich gerade aus der Abkehr vom Assimilationsparadigma und der Hinwendung zum ethnischen Pluralismus.

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Veröffentlicht
2026-01-08
Rubrik
Sprache
Deutsch