Ein Dichter als Theologe? Ein theologisierender Dichter? Kaum ein Dichter in Spätantike und Frühmittelalter hat so viel Aufmerksamkeit erfahren wie Venantius Fortunatus. Die von Michael Herren und Alexander Murray betreute Dissertationsschrift von Benjamin Wheaton hat sich einer Seite des Dichters verschrieben, welche in der Forschung bislang nur wenig Beachtung fand. Wheaton nimmt vier Texte aus Venantius’ Episkopat in Poitiers in den Blick: die Expositio symboli, die Expositio orationis dominicae, den Panegyricus Ad Iustinum iuniorem imperatorem et Sophiam Augustos (Schaller/Könsgen, Initia carminum, n° 5624) und das Gedicht In laudem sanctae Mariae (Schaller/Könsgen, Initia carminum, n° 8941). Letzteres liegt in der Appendix in Übersetzung und mit einem Nachweis der literarischen Vorlagen dem Buch bei. Wheaton beginnt mit der Einführung der Überlieferungssituation der elf Bücher Carmina und ihrer jeweiligen Entstehungszeit, darauf folgt die literarische wie religiöse Verortung der Expositio symboli. Vor allem die Rezeption von Rufinus von Aquileia und Cyprian von Karthago stellt er in den Vordergrund, zeigt aber auch den Umgang mit und die Modifikation der Vorbildautoren. Auch das zu Rufinus erkennbar verschiedene Publikum von Venantius ist Gegenstand der Ausführungen. Abschließend wirft Wheaton einen Blick auf die Überlieferungshistorie des Textes und wie er von den abschreibenden Personen behandelt und in anderen Expositiones aufgegriffen wurde. Die Expositio orationis dominicae ordnet Wheaton in eine größere Kontroverse ein. Dafür wird die zuvor noch ausführliche Analyse des literarischen Hintergrundes verknappt, darauf eine Einordnung zum Pelagianismus, Semipelagianismus und zur Haltung des Augustinus vorgenommen. Venantius’ Einstellung zu Augustinus wird in der Folge mit jener des Gregor von Tours anhand dessen Psalmenkommentars und der Libri historiarum verglichen. Nach der Untersuchung beider Expositiones kommt Wheaton zu dem Schluss, dass Venantius sich als Bischof in Poitiers dennoch an römische theologische Positionen hielt, worin sich seine Ausbildung in Italien spiegle. Im fünften Kapitel wendet sich Wheaton dem Dreikapitelstreit zu und analysiert Venantius’ Haltung zu diesem. Nach der Skizzierung desselben und der verschiedenen Reaktionen in Italien und Gallien werden zwei Lebensphasen des Dichters untersucht. Seine früheren Lebensjahre in Norditalien und die Zeit seines gallischen Episkopats. Anhand der Carmina, welche nach wie vor die reichste Quelle für Venantius’ Leben und Person sind, stellt Wheaton fest, dass die Vorgaben des Konzils von Chalcedon sich durch das Opus des Dichters ziehen. Bei der Analyse des Panegyricus für Justinus II. nimmt der Autor zwar zur Kenntnis, dass das Gedicht nicht Teil der Gedichtbücher ist, zweifelt jedoch, wohl in Anlehnung an Reydellet (2004), nicht an Venantius’ Urheberschaft. Bei der Analyse von Ad Iustinum iuniorem imperatoremet Sophiam Augustos zieht Wheaton nicht in Betracht, dass Venantius als Gelegenheitsdichter auch im Auftrag arbeitete. Der Panegyricus war an das byzantinische Kaiserpaar gerichtet, und es darf als fraglich gelten, inwiefern er wirklich Venantius’ eigene Haltung spiegelt, zumal Justinus II. für seine anti-monophysitische Regierung bekannt war. Ob die im Gedicht gespiegelte Doktrin also Venantius’ eigener Haltung entspricht, dem byzantinischen Kaiser schmeicheln sollte oder in den gallischen Adel hinein und am Hof Childeberts II. wirken sollte, kann nicht ermessen werden. Dass Venantius sich aber auch hier nicht gegen die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon wandte, ist zu bemerken. Der zweite poetische und letzte Text, den Wheaton untersucht, ist In laudem sanctae Mariae. Den Diskurs um die Echtheit des Gedichts nimmt er zur Kenntnis, folgt dann der Haltung, dass das Gedicht von Venantius stamme, jedoch post mortem erst von seinem Umfeld im Zustand einer Rohfassung publiziert wurde. Es bliebe zu prüfen, ob das Gedicht dem Schülerkreis des Venantius entstammen könnte, um die profunde Kenntnis des venantianischen Werkes bei gleichzeitigen metrischen Schwächen zu erklären, die nicht gut zu Venantius passen mögen. Das Gedicht widerspricht nicht seiner konsequent chalcedonensischen Haltung und sieht eine Verschiedenheit der menschlichen und göttlichen Natur Christi. Wheaton kommt zu dem Ergebnis, dass Venantius erst als etablierter Bischof zu theologischen Fragen Position bezog, dabei aber stets auf römischer und königlicher Linie blieb. Er wertete vorangegangene Autoritäten für seine Expositiones und Gedichte aus, behielt sich jedoch vor, sie neu zu arrangieren und auf ein anderes Publikum auszurichten. Die theologischen Debatten seiner Zeit scheinen wiederholt in seinen theologischen Schriften durch und auch ein Blick für den griechischen Osten ist in seinem Œuvre zu attestieren.

Wheaton hat mit seiner Publikation eine Tiefenanalyse von bislang weniger prominent untersuchten Texten des Venantius vorgelegt. Mit großer Genauigkeit geht er inhaltlichen Spuren und Zitaten nach, bestimmt die Vorbildautoren und legt literarische Verbindungen offen. Eine vollständige Übersetzung der Expositiones in der Appendix wäre für die Leserinnen und Leser hilfreich, um Wheatons Analyse im Gesamtkontext besser nachvollziehen und etwaige Abweichungen zu Reydellet erkennen zu können. Es irritiert bisweilen der Zweifel bei Venantius’ Zitierpraxis, ob dieser Zugriff auf entsprechende Abschriften der patristischen Autoren hatte oder darauf angewiesen war, aus Florilegien zu schöpfen. Zumindest bei bekannten Autoren wie Augustinus dürfte mehr als wahrscheinlich sein, dass er auf die Texte des äußerst weit verbreiteten Kirchenvaters als Bischof guten Zugriff hatte (92, 142–143). Der Hinweis auf die Überlieferung der Expositio symboli außerhalb der Carmina (38) hätte einen Nachweis verdient und einen wertvollen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte geleistet. Die Benutzung des Buches würde erleichtert, existierte ein Verzeichnis der Initia carminum oder Handschriftenverzeichnis – Bilder der nicht online zugänglichen Handschriften fehlen. Unter dem Aspekt der Rezipierbarkeit vermisst der Rezensent bei der Analyse der Handschriften die Verweise auf konkrete Folia, um mit Wheaton dessen Beobachtungen in den Codices nachvollziehen zu können. Manche Abkürzungen entsprechen nicht den üblichen Gewohnheiten, andere sind nicht im Verzeichnis aufgenommen. Die lateinischen Zitate, die zumeist in Übersetzung im Haupttext eingearbeitet sind, wurden bis auf wenige Fälle sorgfältig redigiert; nur selten fehlen in den bibliographischen Angaben e. g. zweite Verlage (und ihre Standorte) oder sind irrtümlich angegeben. Nur ein Zitat scheint falsch zugeordnet (49, n° 35, richtig: Ambrosius, De fide II, prol. = CSEL 78, p. 58/Migne PL 16, col. 559–560). Die wenigen Monita sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Benjamin Wheaton eine gut strukturierte Studie vorgelegt hat, welche eine wenig prominente Seite eines der größten Dichters am Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter beleuchtet und ihn um die Facette des zwar nicht tiefgehend theologisch arbeitenden, aber doch reflektierten und in romtreuer Haltung befindlichen Bischofs erweitert.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Johannes Büge, Rezension von/compte rendu de: Benjamin Wheaton, Venantius Fortunatus and Gallic Christianity. Theology in the Writings of an Italian Émigré in Merovingian Gaul, Leiden, Boston (Brill) 2022, X–293 p. (Brill’s Series on the Early Middle Ages, 29), ISBN 978-90-04-52194-0, DOI 10.1163/9789004521957, EUR 109,00., in: Francia-Recensio 2025/1, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2025.1.109389