Als Ernst Jünger sein erstes und bis heute berühmtestes Buch In Stahlgewittern (1920) veröffentlichte, war der darin erwähnte »Bruder Fritz« dem Publikum noch unbekannt. Als Autor trat der drei Jahre jüngere Friedrich Georg (1898–1977) erst seit den späten 1920er-Jahren mit Gedichten und Essays zur Literatur hervor. Wie sein Bruder Ernst, wenngleich weniger umtriebig, publizierte er anfangs auch nationalrevolutionäre Pamphlete, die ihn einer politischen Bewegung gefährlich nahebrachten, zu der er allerdings schon vor 1933 auf Distanz ging. In den Jahren des Dritten Reichs lebte er zunächst in der sächsischen Provinz, dann am Bodensee. Von Zensur und Publikum gleichermaßen unbeachtet konnte er unter der Herrschaft der Nationalsozialisten weiter Anthologien und philosophische Abhandlungen veröffentlichen. In der Bundesrepublik der 1950er‑ und 60er‑Jahre fand er als Schriftsteller schließlich größere Anerkennung, die sich nicht zuletzt in Literaturpreisen ausdrückte. Mit seinem Namen, geschweige denn seinem Werk, dürften heute jedoch nur noch wenige vertraut sein.
In Frankreich, wo Ernst Jünger seit Erscheinen der Orages d’acier in französischer Sprache (1930) bald ebenso berühmt (und weniger berüchtigt) wurde wie in Deutschland und wo nahezu alle seine Werke in Übersetzungen vorliegen, blieb »frère Fritz« über Jahrzehnte hinweg weitgehend unbekannt. Bis heute wurden erst wenige seiner Schriften und Gedichte ins Französische übertragen. Umso verdienstvoller erscheint die Doppelbiografie, die Danièle Beltran-Vidal Arnaud nun in dieser Sprache vorgelegt hat. Damit wird nicht nur der im Schatten seines Bruders Ernst nahezu unsichtbare Friedrich Georg als ein durchaus Ebenbürtiger in voller Gestalt ins Licht gerückt. Wer beider Werke im Original gelesen hat, bekommt im französischen Zitat zudem bisweilen den Eindruck, als würden somit einer eigentümlich deutschen Tradition verpflichtete Denk- und Ausdrucksweisen von einem Prozess der Zivilisation eingeholt, dem die Autoren stets reserviert gegenüberstanden, so leidenschaftlich sie beide auch der französischen Literatur verbunden waren; als wäre der im Deutschen seit spätestens Napoleon geläufige Gegensatz von Kultur und Zivilisation – »Maschinenzivilisation« nannte Ernst Jünger sie abschätzig – in der sprachlichen Übertragung zumindest provisorisch versöhnt.
Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine gespiegelte Werkbiografie. Im Mittelpunkt stehen, anders als etwa in Jörg Magenaus Brüder unterm Sternenzelt: Friedrich Georg und Ernst Jünger (Stuttgart 2012), nicht so sehr die unterschiedlichen Lebensläufe und deren Kreuzungen als vielmehr die Korrespondenzen zwischen ihren Œuvres. In chronologischer Folge und unter Berücksichtigung der historischen Bedingungen kommentiert Beltran-Vidal Arnaud sämtliche Werke der Brüder Jünger ebenso wie den bisher unveröffentlichten, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrten Briefwechsel, der sich über fast sieben Jahrzehnte erstreckt (eine von Detlev Schöttker besorgte Edition ausgewählter Briefe soll 2027 erscheinen).
Die nahe geistige Verwandtschaft, die Beltran-Vidal Arnaud detailreich dokumentiert, lässt indes auch die signifikanten Unterschiede hervortreten, die bereits an den jeweils bevorzugten Textgattungen ablesbar sind. Erzählungen und Romane, die beide Brüder verfasst haben, bilden nur einen kleinen Teil ihres literarischen Schaffens. Ernst Jünger, der Dandy und weitgereiste Chronist, schrieb vor allem Tagebücher (oder zu solchen stilisierte Memoiren, in die er auch Briefe aufnahm), während Friedrich Georg, der die meiste Zeit in Haus und Garten zubrachte, hauptsächlich Gedichte und philosophische Essays veröffentlichte. Im Ersten Weltkrieg versehrt, wurde dieser in den Zweiten erst gar nicht einberufen, wohingegen jener in den vielleicht bedeutendsten Lehrjahren seines »Jahrhundertlebens« (Heimo Schwilk) zwischen Wehrmacht und Résistance im besetzten Paris residierte.
Dem gemeinsamen Ideal eines musischen Menschen, in diesem Fall eines anarchisch-aristokratisch gesinnten Solitärs, der sich, wenn nicht im Krieg, als sogenannter freier Schriftsteller auf dem Markt zu behaupten hatte, suchten sie auf je eigene Weise zu genügen. Ein an Goethe gebildeter Begriff von Erfahrung ist beider Werk wesentlich, wenngleich nur Ernst der buchstäblich Erfahrene war und Friedrich Georg in dieser Beziehung eher Schiller zu vergleichen wäre. Der mit alles anderem als heißem Bemühn studierte Jurist war Philosoph und Weltdeuter mehr als spontaner Beobachter, außerdem übersetzte er Klassiker aus dem Griechischen und Lateinischen (unter anderem die Odyssee).
Beltran-Vidal Arnauds Darstellung darf man als insgesamt wohlwollend bezeichnen. Mit Kritik, etwa an den nicht immer überzeugenden Selbststilisierungen der Brüder Jünger, hält sie sich zurück. Ihr geht es darum, in Werken und Briefen aufgespürte Motive gleichsam dialogisch zu deuten. Einige Themen, die sie dabei mal ausgiebig erörtert und mal lediglich berührt, seien hier nur schlagwortartig benannt: das innige Verhältnis zur Natur (zu Käfern der eine, zu Vögeln und Pflanzen der andere), das zunehmende Interesse an religiösen Fragen (die Friedrich Georg aus der Distanz eines Agnostikers beurteilte, während Ernst sich dem Katholizismus näherte) und die Auseinandersetzung mit der Technik (die Ernst in Der Arbeiter schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen hatte und die Friedrich Georg schließlich zu einer weit ausgreifenden Kritik der Naturbeherrschung fortentwickelte). Zu erwähnen sind auch persönliche Beziehungen zu Zeitgenossen, die das Denken der Brüder Jünger beeinflusst oder gar beeindruckt haben. Das gilt nicht nur für Martin Heidegger und Carl Schmitt, sondern mehr noch für Ernst Niekisch, den sie aufrichtig bewunderten, wie Beltran-Vidal Arnaud zu Recht herausstellt. So sehr ihnen Mut und Tatkraft dieses Revolutionärs imponierten, in dem sie radikale Ideen von rechts und links in einer Person verkörpert fanden, stieß sein politischer Aktivismus sie jedoch zusehends ab. Letztlich lief er ihrer Vorstellung geistiger Unabhängigkeit und individueller Freiheit zuwider, die im Grunde nie politisch gedacht war – einen Begriff von Gesellschaft hatte keiner der beiden –, sondern stets einem musischen Ideal verpflichtet blieb, womöglich selbst dort, wo die Muse sich einstweilen in revolutionären Elan oder soldatische Tugend verwandelte.
Ihrer von Spengler inspirierten Nietzsche-Rezeption blieben die Brüder Jünger als konservative, wiewohl keineswegs melancholische Kritiker der modernen Welt auch nach dem Untergang des Abendlandes treu, wie er sich mit der Katastrophe des Nationalsozialismus und seines Menschheitsverbrechens ereignete. In welchem Ausmaß sie diese Katastrophe als historische Zäsur begriffen haben, als etwas, das nicht hätte geschehen dürfen, wie Hannah Arendt es ausdrückte, mag dahingestellt bleiben. Auch mit solchen Spekulationen hält Beltran-Vidal Arnaud sich zurück.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Christoph Hesse, Rezension von/compte rendu de: Danièle Beltran-Vidal Arnaud, Ernst Jünger et Friedrich Georg Jünger. Dialogues de textes, Paris (L’Harmattan) 2024, 494 p., ISBN 978-2-336-48916-2, EUR 49,00., in: Francia-Recensio 2025/4, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2025.4.113979





