Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 war ein »globales Medienereignis«.1 Möglich wurde dies durch die im 19. Jahrhundert expandierende Massenpresse, neue illustrierte Formate und die beschleunigte Nachrichtenübermittlung über Eisenbahn und Telegrafie, die seit 1866 über ein Unterseekabel auch Länder in Übersee erreichte. Erstmals übermittelten Kriegskorrespondenten ihre Reportagen telegrafisch an die Redaktionen, sodass die Kampfhandlungen täglich verfolgt werden konnten. Während die Presse der beiden Kriegsparteien gut erforscht ist, liegt zur internationalen Berichterstattung über 1870/71 bislang nur wenig vor. Genau hier setzt der Sammelband an, der auf eine coronabedingt digital abgehaltene Tagung von 2021 zurückgeht. Die von Einleitung und Epilog gerahmten 15 Beiträge stammen aus den Geschichts-, Kunst- sowie Kommunikations- und Medienwissenschaften. Der erste Teil rekonstruiert, wie zeitgenössische Medien den Krieg erzählerisch und visuell fassten, der zweite analysiert die Reaktionen einzelner nationaler Presselandschaften (unter anderem Großbritannien, Griechenland, Russland, Spanien, Mexiko), der dritte nimmt illustrierte und satirische Blätter (unter anderem Irland, Italien, Schweiz) in den Blick.
In ihrer substanziellen Einleitung erinnern die Herausgeberinnen daran, dass es für die Presse in Deutschland und Frankreich nicht nur darum ging, die eigene Öffentlichkeit zu überzeugen, sondern zugleich die internationale Meinung für sich zu gewinnen. Das weltweite Interesse an den Ereignissen war riesig. Wochenlang dominierte der Krieg die internationale Presse. Häufig füllten die Kriegsnachrichten ganze Ausgaben und dies selbst bei der illustrierten und satirischen Presse.
Die nationalen Berichterstattungen weisen einige inhaltliche Gemeinsamkeiten auf. In der Frühphase des Kriegs war die internationale Presse trotz unterschiedlicher politischer Ausrichtung und Organisationsformen nahezu einhellig gegen Napoléon III. eingenommen und schrieb die Verantwortung für den Krieg Paris zu. Nur die Presse im katholischen Irland wich davon ab: Die politischen Karikaturen waren deutlich pro‑französisch, da man sich von Frankreich Unterstützung im eigenen Konflikt mit England erhoffte (Chris Williams). Die Gefangennahme Napoléons III. bei Sedan und der Sturz seines Regimes galt vielen Zeitungen als gerechte Folge, wobei vor allem die demokratische Presse dies mit Genugtuung kommentierte, wie Michele Cattane für Italien und Monique Plaa für Mexiko zeigen, zwei Länder, die beide in den Jahren davor mit Frankreich im Konflikt lagen.
Nach Sedan und mit dem Bekanntwerden der deutschen Annexionsforderungen verschoben sich die Perspektiven. Das Interesse richtete sich nun stärker auf Frankreich und besonders auf das belagerte Paris, wie unter anderem Richard Scully für die britischen satirischen Magazine und Pauline Piettre für die britische Tagespresse zeigen. Das menschliche Elend der an Hunger, Krankheiten und unter der winterlichen Kälte leidenden Pariser Bevölkerung löste weithin Mitgefühl aus. Die spanische Presse zeigte dabei, wie Évelyne Ricci ausführt, eine beinahe exzessive Aufmerksamkeit vor allem gegenüber dem Nahrungsmangel und dem Verzehr von Hunden, Katzen und Ratten bis hin zu Zootieren. Britische und irische Blätter betonten dagegen auch die eigene humanitäre Hilfe für Frankreich.
Zugleich geriet Preußen-Deutschland zunehmend in die Rolle des Kriegstreibers. Aus vielen Artikeln sprach die Sorge vor den künftigen Machtverhältnissen in Europa, wie Évelyne Ricci für Spanien zeigt (143), wo auch die Brutalität und die Folgen des industrialisierten Kriegs hervorgehoben wurde (Marie-Angèle Orobon). Ähnlich die italienische Presse: In dieser Phase erschienen verstärkt Bilder deutscher Kriegsgewalt, etwa vom brennenden Straßburg, von unheimlichen Ulanen oder einem lebendig verbrannten Freischärler, verbunden mit der Befürchtung, ein stärkeres italienisches Engagement, etwa durch Garibaldi, könnte Preußen gegen Italien aufbringen (260). Philippe Kaenel zeigt, wie die Schweizer Bildpresse Anfang Februar 1871 das Elend von rund 87.000 hilfsbedürftigen Soldaten der französischen Ostarmee eindringlich grafisch darstellte.
Die Beiträge beobachten zugleich unterschiedliche Interpretationsmuster, geprägt von der jeweiligen innenpolitischen Lage, dem Regierungssystem, der konfessionellen Prägung und früheren Erfahrungen mit den beiden Kriegsgegnern. Die britische Presse hatte eine klare Abneigung sowohl gegen das französische als auch gegen das preußische System, die beide als zu autoritär galten. Einzelne Blätter wie Judy vertraten dabei ausdrücklich deutschfeindliche Positionen (71). Für Athen beschreibt Xenia Marinou, dass offene Kritik an den Monarchien nicht möglich war und Kommentare deshalb vorsichtig formuliert wurden, auch wenn vereinzelt in der liberalen Presse der Wunsch nach Anerkennung der neuen französischen Republik zu hören war (128–129). In Spanien fürchteten monarchische Kreise einen republikanischen Umsturz, während die demokratische Presse die Pariser Ereignisse als Vorzeichen einer künftigen spanischen Republik las und Frankreich erneut zur Führungsmacht der »lateinischen Völker« erhob (213–214). In Italien war die Feindlichkeit gegenüber Napoléon III. so groß, dass kleinere republikanische Provinzblätter sich für Preußen aussprachen, was ihnen den Vorwurf der Naivität einbrachte (255). Für Russland, dessen Presse wegen Zensur und verbreitetem Analphabetismus der Bevölkerung nur eingeschränkt öffentlich wirksam war, zeigt Stéphanie Burgaud, dass das zaristische Regime eine pro‑preußische Berichterstattung verlangte, der Krieg aber dennoch zu einer antipreußischen Haltung führte.
Die Beiträge machen außerdem deutlich, dass der Krieg sich in den Redaktionsabläufen niederschlug und neue journalistische Formen schuf. Lisa Bolz und Juliette Charbonneaux analysieren die Erzählungen französischer Kriegskorrespondenten und zeigen, wie sich eine subjektivere Form der Reportage über den Gebrauch des »ich« herausbildete. Die schnelle Folge von Depeschen zwang zu häufigeren Aktualisierungen. Zum Teil wurden eigene Beilagen oder Zusatznummern gedruckt. In Italien nahm Il Secolo (Mailand) den Krieg zum Anlass, als erste politische Zeitung Abbildungen zu drucken, Porträts von deutschen und französischen Feldherren und Politikern (244); in Mexiko entstand eigens eine neue Rubrik für Auslandsnachrichten (169). Wo es keine eigenen Korrespondenten gab, wuchs die Abhängigkeit von den Presseagenturen, die den gestiegenen Informationsbedarf nutzten und neue Abonnements gewinnen konnten. So eröffneten Havas, Reuters und Bullier während des Kriegs lokale Büros in Athen (125). Auch der Umgang mit den zahlreichen Falschmeldungen wurde kritisch reflektiert. Mit der räumlichen Distanz zum Kriegsschauplatz verlängerte sich zugleich der Zeitraum, in dem Fehlinformationen unkorrigiert blieben. Das macht der kubanische Fall deutlich, den Frédéric Garcia Marin und Eva Lafuente analysieren: El Moro Muza in Havanna meldete am 17. Juli 1870 fälschlich eine Einigung im spanischen Thronstreit, worauf der Redakteur mit der Begründung, nachdenken zu wollen, eine mehrwöchige Nachrichtenpause einlegte (76). Im selben Beitrag wird gezeigt, dass die kubanische satirische Presse die Nachrichtenbeschleunigung kommentierte, indem sie Depeschen als Bomben zeichnete, die ungesicherte Meldungen über das Publikum ausschütteten (82–83). Nicht selten mussten Karikaturen kurzfristig neu gezeichnet werden, wenn die Nachrichtenlage sie überholt hatte, so dass der berühmte britische Illustrator John Tenniel Überstunden machen musste und eine Gartenparty verpasste (62).
Die visuelle Berichterstattung bestand nicht nur aus nationalistisch aufgeladenen Feindbildern. Christina Marinas analysiert, wie der junge spanische Zeichner Daniel Vierge als »grafischer Reporter« Skizzen vom Pariser Alltag machte, den er im Auftrag von Le Monde Illustré so naturgetreu wie möglich abbilden wollte. Während deutsche Karikaturen (Jean-Claude Gardes) genau wie französische den Gegner meist einseitig negativ zeichneten, bot die internationale Bildpresse, allen voran die britische, deutlich nuanciertere Figuren bis hin zu humorvollen Darstellungen. Einen besonderen Befund arbeitet Heidi Knörzer für die jüdische Presse in Deutschland und Frankreich heraus. Die Allgemeine Zeitung des Judenthums und die Archives Israélites betonten, was jeweils das andere Land für die Emanzipation beziehungsweise für die Reform des Judentums geleistet hatte. Trotz mancher chauvinistischer Töne vertraten beide damit eine ausgewogene Position, die sich von der weitgehend geschlossenen Front der katholischen und protestantischen Presse in beiden Ländern abhob (101).
Insgesamt liefert der Band eine anregende Lektüre. Er zeigt, dass die Presse nicht nur »über« den Krieg berichtete, sondern selbst Teil seiner Dynamik war. Zu kritisieren ist lediglich, dass in einigen Beiträgen die Formulierung auftaucht, Presse und öffentliche Meinung hätten Napoléon III. und seine Entourage zum Krieg gedrängt. Eine derart monokausale Erklärung greift für den Juli 1870 zu kurz und war nicht nötig, um die Relevanz der hier versammelten pressegeschichtlichen Forschungen zu begründen. Eine gemeinsame Bibliografie, ein Ortsverzeichnis, ein Namens- und Allegorieregister sowie ein Verzeichnis der ausgewerteten Zeitungen und Zeitschriften machen den Band zudem als Arbeits- und Nachschlageinstrument gut nutzbar.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Mareike König, Rezension von/compte rendu de: Eva Lafuente, Heidi Knörzer (dir.), Chroniquer la guerre de 1870. La presse internationale face au conflit, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 322 p., ISBN 978-2-7535-9803-4, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2025/4, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2025.4.113990





