Wie wirkt sich das Digitalzeitalter auf unsere Lebenswelt aus und welche Widersprüche erfahren wir darin? Wolfgang Schmale, emeritierter Professor für die Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien und einer der Wegbereiter der Digitalen Geschichte im deutschsprachigen Raum, legt in einem Problemaufriss thesenstarke Überlegungen zu dieser Frage vor. In 16 kurzen Kapiteln – das zur Geschichte und Zukunft des Digitalen etwa umfasst knapp 1,5 Seiten – geht Schmale den Beziehungen zwischen Mensch und Digitalisierung nach und fragt, wie wir mit Konflikten und Widersprüchlichkeiten der Digitalisierung umgehen und diese in einem kontrollierten Prozess verhandeln können. Die Themenauswahl folgt einem geschichtswissenschaftlichen Blick. Es liegt jedoch kein Geschichtsbuch vor, sondern ein historisch informierter, bisweilen apodiktischer Zugriff auf Gegenwartsfragen: Problemaufriss und Plädoyer zugleich.
Als Ausgangspunkt markiert Schmale einen in der Öffentlichkeit verbreiteten Irrtum: Das Digitalzeitalter ist weder disruptiv noch revolutionär. Dennoch greift es tief in den Alltag der Menschen ein, in ihre Lebenswelt, ein Begriff, den Schmale beschreibend und nicht theoriegebunden versteht. Aus seiner Sicht setzt Digitalität die Logik und die Grundkonflikte der Moderne seit dem 18. Jahrhundert fort. Damit steht er nicht allein. Sein Zugang gehört zu jener Linie, die Digitalisierung als Fortsetzung der Moderne liest und daraus Gestaltungsaufträge ableitet, verwandt mit dem Digital-Humanism-Diskurs des Vienna Manifesto von 2019, der Technikentwicklung an Menschenrechten, demokratischer Steuerung und Bildung orientiert. Vor diesem Hintergrund erscheint die Gegenwart als Neuverhandlung des Spannungsfelds zwischen Absolutismus und Despotismus einerseits sowie Aufklärung und Humanitarismus andererseits.
Für Schmale liegt das Hauptmerkmal der Digitalisierung in ihrer Janusköpfigkeit. Digitalität kann helfen und unterstützen, sie kann aber auch schädigen und fesseln. Das hängt nicht nur von den Kompetenzen der Nutzenden ab, sondern ebenso von Interessen kommerzieller Anbieter, politischen Zielsetzungen und rechtlichem Rahmen. Die Ambivalenz zeigt sich an vielen Stellen: Digitalität kann koloniale Verhältnisse verlängern und zugleich aufbrechen; soziale Medien können Filterblasen erzeugen und Nutzende zugleich aus ihnen hinausführen; Digitalität ist global und zugleich zersplittert in voneinander abgeschottete »Digitalregionen«; sie kann demokratische Prozesse fördern, während das Netz gleichzeitig Falschinformationen, Hassrede und antidemokratische Inhalte bereithält.
An diese Diagnose knüpft Schmale sein Plädoyer für Menschenwürde als wichtigstem Maßstab allen Handelns an. Das Diktum von Renan aufgreifend sollte unser heutiges tägliches Plebiszit nicht der Nation, sondern der Wahrung der Menschenwürde gelten. In Anlehnung an Per Aarvik, Julian Nida Rümelin und andere plädiert Schmale für einen digitalen Human(itar)ismus, also eine Verbindung von Humanismus und Humanitarismus. Zentral ist für ihn, die Digitalisierung als kontrollierten Prozess zu gestalten – insbesondere beim Umgang mit KI und beim Datenschutz –, was klare Verfahren der Prüfung und Verantwortlichkeit verlangt, sowie eine intensive Vermittlung von Kompetenzen für den alltäglichen Umgang mit Digitalität. Insgesamt bleibt Schmale in seiner Einschätzung verhalten optimistisch und zeigt auf, dass die weitere Entwicklung nicht nur bewusst gestaltet werden muss, sondern auch kann.
Die Kapitel sind gleichermaßen von der Beobachtung der Zwiespältigkeit digitaler Phänomene, von historischen Parallelen und der Lösung eines digitalen Humanitarismus geprägt. In den ersten sechs Kapiteln geht es um einleitende Fragen, um Zweifel und Ambivalenzen des Digitalzeitalters. Die drei Kapitel Globalität, Digitalität (als Zustand nach der Digitalisierung, die Schmale eher als Prozess sieht) und KI setzen sich kritisch mit charakteristischen Merkmalen der Digitalisierung auseinander. Drei weitere Kapitel behandeln aus der Digitalisierung resultierende Transformationen, die zunehmend den Alltag bestimmen, darunter die digitale Verflüssigung des Lebens, die digitale Rekonstruktion des Kulturerbes als Gegengewicht zu digitalen Wirklichkeitskonstruktionen sowie digitale Archivierungen. Es folgen zwei Kapitel zu Herausforderungen einer ungezügelten Digitalisierung für Privatheit, Datenschutz, Menschenrechte und Demokratie. Die beiden Schlusskapitel schließlich skizzieren Wege, um das Digitalzeitalter zu steuern und die kritische Urteilskraft zu stärken.
Die Ambivalenz als zentrales Charakteristikum digitaler Phänomene leuchtet ebenso ein wie Schmales Plädoyer für mehr Humanitarismus, Aufklärung, rechtliche Einhegung und lebenslanges Lernen digitaler Kompetenzen. Die historischen Rückgriffe geben dem Band Profil. In der Gesamtschau ist die Lektüre anregend, weil sie Gegenwartserfahrungen historisch rahmt und normativ zuspitzt. Zugleich bleiben aufgrund des essayistischen Charakters manche Beobachtungen ohne empirische Unterfütterung (etwa die Aussage, die meisten Menschen gingen pragmatisch mit KI um), anderes wirkt oberflächlich oder verkürzend. Problematisch ist Schmales Nutzung des Google Books Ngram Viewers: sprachübergreifende Vergleiche von Begriffen wie Digitalzeitalter oder Humanismus leiden unter unvergleichbaren Korpora, unterschiedlichen Publikationsvolumina, OCR-Fehlern und heterogenen Metadaten. Auch ist Häufigkeit kein Beleg für Bedeutung. Im Kapitel »Globalität« trifft der Hinweis zu, dass Open Access ohne Verständlichkeit der publizierten Daten und Texte wenig nützt. Eine Einbettung in die Debatte um epistemische Gerechtigkeit hätte das Argument jedoch geschärft. Jüngere Studien zeigen, dass Open Access häufig vor allem Forschende und Verlage des globalen Nordens begünstigt. Schmale erwähnt zudem die Archivierung von Websites durch das Internet Archive als selbstverständlich. Das ist sie nicht, wie jüngste Cyberangriffe und die fragile Finanzierungslage der Plattform zeigen, was den Bedarf an öffentlicher Infrastruktur unterstreicht.
Ein Teil der Texte lag in früheren Fassungen vor und wurde für den Band überarbeitet. Das erklärt manche Wiederholung. Bemerkenswert ist die Transparenz, mit der Schmale seinen Einsatz von ChatGPT und Bing Chat ausweist und ihnen im Vorwort für die Hilfe dankt, auch wenn offen bleibt, ob seine korrigierenden Rückmeldungen an die Chatbots tatsächlich in künftige Trainings einfließen. Wünschenswert wäre es genauso wie seine Affirmation einer kontrollierten Entwicklung der weiteren Digitalisierung.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Mareike König, Rezension von/compte rendu de: Wolfgang Schmale, Das Digitalzeitalter. Historisch-kritische Orientierung, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2024, 135 S., ISBN 987-3-515-13723-2, EUR 35,00., in: Francia-Recensio 2025/4, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2025.4.114004





