Von der Erfindung der Schrift bis zum Aufkommen des Telegrafen und schließlich der drahtlosen Kommunikation war der Brief das Medium der Übermittlung von Information bzw. überhaupt der Kommunikation zwischen räumlich getrennten Akteuren. Die Gestalt des Briefes, egal auf welchem Material – Wachstäfelchen, Papyrus, Pergament oder Papier – geschrieben, reichte vom wenige Zeilen langen »billet« bis zu zahlreiche Papierbögen umfassenden Relationen. Die zunehmende Dynamik der »Außenbeziehungen« politischer Akteure ließ spätestens seit dem 15. Jahrhundert eine besondere »Spezies« von Brief entstehen: die diplomatische Depesche. Von Historikerinnen und Historikern der Diplomatie zwar schon immer ausgewertet, ist der vorliegende Sammelband der »Medialität« von diplomatischen Korrespondenzen gewidmet. Jeder, der sich mit diplomatischer Korrespondenz beschäftigt hat, weiß um ihre Erscheinungsvielfalt und diese wird in den vorliegenden Fallstudien eindrucksvoll dokumentiert.

Arno Strohmeyer referiert in seiner Einleitung die verschiedenen Theorieangebote vor allem der literarischen Briefforschung. Er betont zu Recht die Notwendigkeit eines interdisziplinären Zugriffs und führt medien- und literaturwissenschaftliche, linguistische und historische Ansätze (besonders die der »politischen Kommunikation«) zusammen. »Medialität« verweist hierbei auf die spezifischen Kontexte, in denen diplomatische Korrespondenzen entstehen: »Mit der Medialität wird also eine bestimmte Qualität (als ein Set von Eigenschaften) verstanden, die historisch an eine kulturelle Situation gebunden ist« (12). Sein in der Einleitung skizziertes methodisches Raster wendet Strohmeyer dann in seinem Beitrag über die Mission des kaiserlichen Gesandten Greiffenklau an der Pforte an.

Leider kann nicht detailliert auf alle Beiträge eingegangen werden. In ihnen blicken die Autorinnen und Autoren aus drei Perspektiven auf die »Medialität« der Korrespondenzen: Dies sind erstens die Akteure und Akteurinnen der diplomatischen Korrespondenz, zweitens die Korrespondenz in der (diplomatischen) Praxis und drittens die »Textsortennetze« der Korrespondenzen. »Diplomatisch« wird dabei weit ausgelegt, denn die Untersuchungen zu den Korrespondenzen der Familie Amerbach (Martina Hacke), zwischen Herzog August d. J. von Braunschweig-Lüneburg und Johann Valentin Andreae (Moritz Zimmermann) über Nicodemus Frischlin mit dem Stuttgarter Hof könnte man auch unter der Rubrik Gelehrtenbriefwechseln einordnen.

Die große Spannweite von Autoren und Autorinnen diplomatischer Korrespondenz demonstrieren die Beiträge des ersten Kapitels: Neben den wenig beachteten Gesandtschaftssekretären und ihrer Rolle beim Abfassen von Depeschen (Megan K. Williams am Beispiel der Sekretäre des kaiserlichen Botschafters Andreas Burgo, 1476–1533) konnten dies auch Kaufleute sein, die von Fürsten mit diplomatischen Missionen beauftragt wurden (Mark Häberlein über den Augsburger Kaufmann Anton Meuting). Ausdrücklich ist daran zu erinnern, dass es auch weibliche Akteure in den frühneuzeitlichen Außenbeziehungen und damit Verfasserinnen diplomatischer Korrespondenz gab, und es ist zu begrüßen, dass ihnen zwei Beiträge gewidmet werden. Christina Antenhofer gibt einen Einblick in die Familienkorrespondenzen der Gonzaga und Sforza, Katrin Keller stellt die Reichsfürstinnen als diplomatische Akteurinnen vor.

Wie Depeschen geschrieben wurden, wie Informationen gewonnen, übermittelt und geschützt wurden und welche Wege sie zurücklegten, illustrieren die Beiträge des zweiten Teils, wie der von Guido Braun über die Nuntiatur des Pier Paolo Vergerio in den ersten Reformationsjahrzehnten im Reich, von Christoph Würfflinger über die Chiffrierungspraxis und von Elisabeth Lobenwein über die Informationsgewinnung kaiserlicher Gesandter an der Pforte. Zahlreiche interessante Befunde wären hier zu nennen, wie die Bemühungen des Nuntius Vergerio, der Kurie verständlich zu machen, dass im Reich eine Bewegung entstanden war, die Rom und Kirche in ihren Grundfesten erschüttern sollte, was so gar nicht der Erwartungshaltung der Kurie an ihren Nuntius entsprach.

Die Beiträge des dritten Teils belegen eindrucksvoll, dass der Begriff »diplomatische Depesche« eine große Spannweite von Schriftstücken umfasst. Lena Oetzel und Dorothée Goetze zeigen dies am Beispiel von Korrespondenzen reichischer Akteure und kaiserlicher Gesandte auf dem Westfälischen Friedenskongress. Depeschen enthielten zahlreiche Beilagen (Protokolle, Vertragsentwürfe) und parallel dazu entstanden offizielle und inoffizielle Diarien, die wie die Depeschen den Verhandlungsgang abbildeten. Verflechtung und Intertextualität kann zwischen Depeschen und Reiseberichten (Lisa Brunner) und Depeschen und »Zeitungen« (Gleb Kazakov) beobachtet werden. Diplomatische Depeschen waren immer Reinschriften und durchliefen einen mehrstufigen Prozess, beginnend mit einem ersten Konzept. Wo der Überlieferungszufall die Konzepte erhalten hat, ist es möglich, dies zu untersuchen (Marcus Stiebing am Beispiel der Korrespondenz Dorothea Marias von Sachsen Weimar mit dem Kaiserhof am Beginn des 17. Jahrhundert).

Dieser lesenswerte Band ist ein wichtiger Beitrag sowohl zur mittlerweile nicht mehr ganz so »neuen« Diplomatiegeschichte als auch zur frühneuzeitlichen Briefkultur. Ein wenig ermüdend zu lesen sind die in vielen Beiträgen wiederkehrenden methodisch-theoretischen Variationen zur frühneuzeitlichen Korrespondenz- und Briefkultur. Doch davon abgesehen bietet der Band einen eindrucksvollen Beleg für die Reichhaltigkeit der diplomatischen Depeschen aus der Frühen Neuzeit, von denen viele weiterhin in den Archiven auf ihre Leser und Leserinnen warten.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Sven Externbrink, Rezension von/compte rendu de: Arno Strohmeyer, Christoph Würflinger, Anna Spitzbart, Lisa Brunner (Hg.), Die Medialität von Diplomatie. Diplomatische Korrespondenzen im Kontext frühneuzeitlicher Briefkultur, Münster (Aschendorff) 2024, X–500 S., 10 Abb. (Schriftenreihe zur Neueren Geschichte, 43), ISBN 978-3-402-14772-6, EUR 69,00., in: Francia-Recensio 2025/4, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2025.4.114152