Der hier zu besprechende Sammelband ist als Tagungspublikation aus dem zehnten internationalen Seminar des Centro interuniversitario per la storia e l’archeologia dell’alto medioevo 2019 in Venedig entstanden und widmet sich Fragen zur Beständigkeit und Veränderung von »Männlichkeiten« vom 5. bis ins 11. Jahrhundert. Die zeitliche Fokussierung begründen Francesco Borri und Francesco Veronese im Schlusskapitel mit einer Lücke in der Männlichkeitsforschung für den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter, die die »verschiedenen Modelle von Männlichkeit, die aus der Transformation der römischen Welt entstanden«, bisher nicht berücksichtigt hat (282).
Der Band gliedert sich in vier Teile und gruppiert damit die Beiträge in die übergreifenden Themen »Family Matters« (drei Beiträge), »Let Us Talk About Warriors« (drei Beiträge), »Clerical Bodies, Clerical Corpses« (zwei Beiträge) und »What Is Left of Masculinities« (drei Beiträge). Mit den ersten drei Teilen spiegelt der Band mögliche Wirkungswelten und Rollen von Männern in mittelalterlichen Gesellschaften: erstens innerhalb weltlich‑familiärer Konstellationen, zweitens als Krieger und in gewaltvollen Kontexten (wobei hier sowohl die weltliche als auch die klerikale Sphäre einbezogen werden) sowie drittens in religiös‑klerikalen Zusammenhängen mit einem Fokus auf Körper und Körperlichkeit. Der vierte Teil beinhaltet Auseinandersetzungen mit dem, was hinterlassen wird: Schrifttum, Archäologie sowie dem Nachwirken von historischen Narrationen in Moderne und Gegenwart. Gerahmt werden die Beiträge durch eine thematische Einleitung der Herausgeberin und die Schlussbemerkungen der Herausgeber, die die großen Linien der Einzelthemen zusammenführen. Ein umfangreiches Personen- und Sachregister rundet den Band ab.
Die Einleitung von Cristina La Rocca liefert einen sehr guten und trotz seiner Knappheit bibliographisch reichen Überblick über die Entwicklung der Auseinandersetzung mit Männlichkeit innerhalb der Gender Studies und der Geschlechtergeschichte des Mittelalters. Dabei führt sie die Lesenden durch verschiedene Strömungen und Schwerpunkte sowie theoretische Ansätze. Im Einklang mit der aktuellen Forschung, die dies bereits breit implementiert, legt die Autorin einen besonderen Fokus auf die Pluralisierung von »masculinity« zu »masculinities«, die darauf hindeutet, dass verschiedene Formen, Ausprägungen, Ideale und Konzepte von Männlichkeit in einer Gesellschaft gleichzeitig bestehen können, teils in Koexistenz, teils in Konkurrenz.
Im ersten Teil des Bandes zu Männlichkeiten innerhalb familiärer Strukturen werden zunächst Heiratsallianzen (Michael E. Stewart) und Geschlechternormen in heiratsbedingten Migrationsbewegungen (Annamaria Pazienza) vom 6. bis zum 8. Jahrhundert erörtert. Daran schließt eine Untersuchung zu den sozialen Rollen und dem Verhältnis von Vater und Sohn in der Scharnierzeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter an (Andreas Fischer). Den zweiten Teil des Bandes beginnt Danuta Shanzer mit einem sehr quellennahen und methodologischen Beitrag zu klerikaler Männlichkeit und Gewalt, in dem sie einen besonderen Fokus auf die Zehn Bücher Geschichten Gregors von Tours legt. Francesco Borri widmet sich anschließend den Transformationen einer hegemonialen römisch-militärischen Männlichkeit in neue Maskulinitätsformen am Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter. Das Kapitel schließt mit einem Beitrag zur Macht- und Gewaltausübung Lothars I., der sich mit der Konstruktion sozial anerkannter und akzeptierter Männlichkeiten auseinandersetzt (Leonardo Sernagiotto). Im dritten Teil des Bandes befasst sich Rachel Stone in ihrem Beitrag mit klerikaler Männlichkeit im Spannungsfeld zwischen sexuellem Verlangen und Enthaltsamkeit in einer relativ langen Perspektive von 400 bis 900. Der folgende Aufsatz von Francesco Veronese greift das Thema Körperlichkeit auf, fokussiert sich aber auf die Translation von Körpern in der Karolingerzeit. Im vierten Teil des Bandes widmen sich drei Beiträge textlichen, materiellen und kulturellen Überresten: Bonnie Effros untersucht die Rezeption und Instrumentalisierung der Vita des heiligen Martials im Frankreich des 19. Jahrhunderts und Flavia De Rubeis die Autographe männlicher Schreiber des späten 9. und 10. Jahrhunderts. Auf die Frage, ob sie Auskunft über männliche Selbstrepräsentation geben können, findet sie jedoch ein dezidiertes Nein als Antwort. Giovanna Bianchi und Serena Viva schließen den letzten Teil des Sammelbandes mit einer archäologischen und anthropologischen Analyse zu einer toskanischen Männergrabstätte.
In ihren Schlussbetrachtungen betten Francesco Borri und Francesco Veronese die Beiträge noch einmal in die Forschungsgeschichte ein und stellen in acht Punkten die wesentlichen übergreifenden Ergebnisse der Beiträge dar:
- Maskulinität unterlag Veränderung und passte sich in Zeiten gesellschaftlicher Transformationen an neue Gegebenheiten an (Punkte 1 und 8).
- Geschlecht ist ein relationales soziales Konstrukt und kann daher nicht isoliert betrachtet werden. Männlichkeit und die Rollen von Männern müssen daher etwa in Verbindung mit Weiblichkeit und Rollen von Frauen (2) sowie im Hinblick auf Interdependenzen zu anderen Differenzmarkern wie Stand und Alter (6) untersucht werden.
- Sexualität (4), ebenso wie Gewalt (5), ist als wichtiger Aspekt in der Konstruktion von Maskulinität zu betrachten und spielt in unterschiedlichem Maße und abhängig von verschiedenen gesellschaftlichen Männlichkeitsmodellen eine Rolle.
- Die Ausbildung von Maskulinität geschah im Frühmittelalter nicht zwangsläufig oder ausschließlich in der Familie, sondern war verschiedenen Erziehungsinstanzen unterworfen (3).
- Der Körper und seine Entwicklung mit steigendem Lebensalter ist ein zentraler Marker für Geschlecht im Frühmittelalter und der Blick auf ihn unterlag durch veränderliche Diskurse zugleich stetigem Wandel (7).
Insgesamt zeigen die Autorinnen und Autoren des Bandes, was Cristina La Rocca in ihrer Einleitung betont: Maskulinität ist im Frühmittelalter nicht im Singular denkbar, sondern ein sozial und kulturell veränderbares, kontextgebundenes Konstrukt, das sich im Spannungsfeld von Tradition und Transformation bewegt und somit ein gleichzeitiges Nebeneinander von verschiedenen Männlichkeitsmodellen ermöglicht. Jedoch bleibt eine Vergleichbarkeit zwischen den in den Beiträgen thematisierten Männlichkeiten schwierig. Es ist schlicht dem Format des Tagungsbandes geschuldet, dass nicht einer gemeinsamen, den Band übergreifenden Definition, Konzeptualisierung und Methode gefolgt wird und dass es keinen Raum für die Erörterung divergierender Ansätze der Beiträge gibt. Bei einem jedoch so stark auf diese Aspekte angewiesenen Forschungsgegenstand wäre dies durchaus wünschenswert. Daher ist die explizite theoretische und konzeptuelle Einordnung, die einzelne Beiträge vornehmen, besonders zu begrüßen und zu würdigen. Und auch die Schlussfolgerungen, die mit einer Zusammenfassung der Themen einige übergreifende Linien aufzeigen, fangen diese Schwierigkeit gut auf.
Die Lektüre des Bandes macht deutlich, wie komplex, innerhalb der Anwendung von »Gender« als Analysekriterium, die Auseinandersetzung mit Männlichkeit als Differenzkategorie ist. Das ist besonders dann der Fall, wenn man Epochen, kulturelle Kontexte und gesellschaftliche Strukturen untersucht, in denen, wie Danuta Shanzer in ihrem Beitrag schreibt, »Mann« und »Männlichkeit« als »default« gedacht wird (84) und die Untersuchung von »Mann« und »Männlichkeit« als Marker für Verschiedenartigkeit oder Spezifizität einen tiefschürfenden Blick und eine besondere methodische Feinfühligkeit erfordert. Grundsätzlich wird der Band mit seiner Vielzahl an im Hinblick auf Themen, Quellen und methodischen Herangehensweisen sehr unterschiedlichen Beiträgen diesen Anforderungen gerecht. Damit stellt er einen Gewinn für die Geschlechtergeschichte dar und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für die weitere Forschung in diesem Bereich. In einigen Aufsätzen bleibt die Konzeptualisierung von »Maskulinität« allerdings unterkomplex oder fehlt gänzlich und Reflexionen über die Spezifizität und das gesellschaftliche Differenzpotenzial von Männlichkeit im untersuchten Kontext bleiben aus. So wird die theoretisch-analytische Tiefe, die der Band mit seiner in dieser Hinsicht sehr aussichtsreichen Einleitung verspricht, zwar in vielen, leider aber nicht in allen Beiträgen ausgeschöpft.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Constanze Buyken, Rezension von/compte rendu de: Francesco Borri, Cristina La Rocca, Francesco Veronese (eds.), Masculinities in Early Medieval Europe. Tradition and Innovation, 450–1050, Turnhout (Brepols) 2023 (Seminari del Centro interuniversitario per la storia e l’archeologia dell’alto medioevo, 10), 306 p., 10 b/w fig., 5 b/w tab., ISBN 978-2-503-60735-1, DOI 10.1484/M.SCISAM-EB.5.134696, EUR 85,00., in: Francia-Recensio 2025/4, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2025.4.114398





