Das Wort nation hat viele Bedeutungen. Es kann, wie in den »Vereinten Nationen«, Staaten bezeichnen, aber auch Gemeinschaften, die sich durch etwas anderes definieren als durch die Zugehörigkeit zum selben Staat. Der Titel dieses Buches macht sich diese Ambivalenz zunutze, denn es geht Anceau für Mittelalter und Frühe Neuzeit um die Entstehung eines französischen Staates und um die mehr oder weniger überzeugenden Versuche, diesen mit einer nationalen Grundlage zu versehen. Für die Zeit seit der Entstehung der nation républicaine in der Französischen Revolution erzählt das Buch eine Geschichte des französischen Staates als Ausdruck dieser nun gewissermaßen zu sich selbst gekommenen Nation.

Anceau geht davon aus, dass drei historische Entwicklungen die moderne französische Nation schufen: der Aufbau staatlicher Institutionen; die Verbreitung einer gemeinsamen Sprache und Kultur; schließlich der Wunsch, eine Nation zu bilden. Ein gemeinsamer ethnischer Ursprung ist ausdrücklich nicht Teil dieses Entwurfs französischer Nationalgeschichte. Vielmehr zeichnet das erste Kapitel epochenübergreifend – von der Spätantike über den Mythos der Abstammung des Königshauses von Aeneas, historiographische Debatten im 18., 19. und 20. Jahrhundert bis hin zu Politikerreden der jüngsten Zeit – in konziser und amüsanter Form nach, wie Projektionen des Ursprungs »der« Franzosen auf die Ethnien der Gallier oder Franken dazu dienten, Aspekte »des« französischen Nationalcharakters historisch unangreifbar erscheinen zu lassen. Die Suche nach einem ethnischen Ursprung der Nation kann nach Anceau daher nur in die Welt der Geschichtsklitterung oder der Geschichtsmythen führen: Die französische Nation sei immer schon ein »millefeuille de populations d’origines différentes« gewesen.

Dagegen schufen die Vereinheitlichung der Herrschaftsordnung und die Ausbreitung einer gemeinsamen Sprache und Kultur bei aller Kontingenz die Grundlagen dafür, den politischen Herrschaftsverband als etwas zu verstehen, das über die Verbindung zwischen Monarchie und Untertanen hinausging. Dies war wiederum die Bedingung der letzten, entscheidenden Weichenstellung: die Ablösung der Nation von der Monarchie in den Diskursen der Aufklärung. Diese republikanische Nationsvorstellung realisierte sich zwar erst in der Dritten Republik endgültig, aber ihre zentralen Ideen waren nun in der Welt, auch wenn ihre Übersetzung in die Herrschaftspraxis in der Ersten Republik nur kurz gelang. Dem entspricht, dass die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts bis 1870 in dieser Geschichte keine große Rolle spielen – die verschiedenen Versuche, eine erneuerte monarchische Herrschaft zu schaffen, erscheinen in dieser Perspektive vor allem als Irrwege.

Mit der Dritten Republik verschiebt sich der Fokus der Darstellung, wie schon einmal für die frühe Phase der Französischen Revolution, auf die Praxis der nun als Staat konstituierten Nation; der Text wird somit zu einer komprimierten Politik-, Sozial- und Rechtsgeschichte der französischen Republiken, die durch knappe Darstellung historischer Deutungsangebote der Nationalgeschichte ergänzt wird. Dabei ist der Grundton bis in die jüngste Vergangenheit optimistisch: Der Nation gelang es insgesamt gut, das Versprechen einer Verbindung von Zusammengehörigkeit und Freiheit, Sozialstaatlichkeit und Wachstum einzulösen und sich von den Verführungen antirepublikanischer oder antiegalitärer Politikentwürfe zu distanzieren, trotz aller Krisen und auch wenn sie sich immer neuen Herausforderungen von außen (durch militärische Bedrohung und internationale Konkurrenz) und von innen (durch radikale rechte politische Gegenentwürfe und politische und soziale Polarisierung) gegenübersah.

Für die jüngere Vergangenheit trübt sich das Bild allerdings. Erstens vergrößere sich die Distanz zwischen der Bevölkerung und den politischen Eliten, denen nicht zu Unrecht mangelnde Loyalität zur Nation (etwa im Vergleich zur EU), Unfähigkeit oder Korruption vorgeworfen werde. Zweitens verabschiede sich die Republik zusehends vom Versprechen der Gleichheit, etwa im Schulsystem oder durch eine unübersichtliche Abstufung regionaler Autonomien. Drittens sei der bisherige Grundkonsens einer laizistischen Republik aufgegeben worden; an dessen Stelle drohe ein Nebeneinander unverbundener religiöser oder kultureller Milieus. Viertens fehle eine politisch überzeugend repräsentierte, allgemein anschlussfähige, auf die Nation ausgerichtete historische Erzählung, die es ihr leichter machen würde, ihren Willen zum Zusammenbleiben zu begründen und zu realisieren.

Anceaus Darstellung, die in Teilen eine Problemgeschichte von »Nation« am französischen Beispiel, in Teilen eine Geschichte Frankreichs als erfolgreichem Nationalstaat ist, lässt sich am besten als Versuch verstehen, ein solches Angebot zu machen. Konzeptionell knüpft sie immer wieder an der Vorstellung des späten Ernest Renan an, Nationszugehörigkeit sei primär eine Frage der Bereitschaft, sich dieser zugehörig zu fühlen, wobei Erinnern und Vergessen unterstützend wirken sollen. Was das Vergessen betrifft, so weist Anceau der Kolonialgeschichte Frankreichs wie überhaupt globalen Verflechtungen geringen Raum zu. Patrick Boucherons Angebot einer Histoire mondiale de la France erscheint in dieser Perspektive weniger hilfreich als etwa Pierre Noras Lieux de mémoire. Da sich die französische Nation Anceau zufolge eher problemlos auf den Laizismus verständigt hat, treten religiöse Spannungen – von der Ablehnung Renans durch das katholische Frankreich über de Gaulles jugendliches Exil, um in Belgien eine Jesuitenschule besuchen zu können – in der Darstellung in den Hintergrund. Die Liste der Auslassungen, die eben programmatisch und nicht durch Raummangel begründet sind, ließe sich fortsetzen. Sie ergibt sich aber aus Anceaus Frage an die Zukunft: Ob es gelingen könne, den besonders anspruchsvollen französischen Gesellschaftsvertrag, dessen historische Genese und Praxis das Buch skizzieren will, in die Zukunft zu retten. Das Ergebnis ist ein in manchem traditionaler Entwurf einer republikanisch-liberalen Nationalgeschichte, der vor allem in der Aufmerksamkeit, die er der Migrationspolitik widmet, neuere Forschungstendenzen repräsentiert. Anceau wirbt dabei für eine Politik der Offenheit für Migration, aber des Zwangs zur sprachlichen und kulturellen Assimilation.

Man kann das sehr gelehrte, elegant geschriebene und umfassend dokumentierte Buch allerdings auch gegen den Strich lesen, und das macht es besonders interessant. Das passiert, wenn man sich die Frage stellt, was der methodische Ansatz des ersten Teils für das Material des zweiten Teils bedeutet. Dann lädt das Buch zu einer Debatte darüber ein, welche historischen Parameter von Zusammengehörigkeit sich heute eigentlich sinnvoll als national beschreiben lassen, wer sie warum konstruiert und wie sich historischer Forschungsstand und historisch-politische Projektion heute zueinander verhalten. Das ist für die aktuellen politischen Debatten sicher hilfreicher, als es ein ganz geschlossener, widerspruchsfreier Entwurf einer kanonischen Nationalerzählung gewesen wäre.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Andreas Fahrmeir, Rezension von/compte rendu de: Éric Anceau, Histoire de la nation française. Du mythe des origines à nos jours, Paris (Tallandier) 2025, 522 p., ISBN 979-10-210-4655-9, EUR 24,50., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115130