In der französischen Protestgeschichte ist das Jahr 1968 zurecht titelgebend für die »années 1968« geworden. Die Streik- und Protestbewegung 1968 legte Frankreich für Wochen lahm und inspirierte in den Folgejahren die Gründung von unzähligen sozialen Bewegungen. Deutlich weniger diskutiert wurde bisher der Anstieg der ausländischen Studierendenzahlen in Frankreich und der Welt in den 1960er-Jahren. Weltweit stieg die Anzahl ausländischer Studierender von 240.000 im Jahr 1960 auf 440.000 im Jahr 1968 (15). Der Sammelband Les passeurs de révolte schließt eine Forschungslücke, indem er diese beiden historischen Entwicklungen verbindet: die Protestgeschichte der sogenannten années 1968 sowie die steigende Bedeutung der ausländischen Studierenden in Frankreich.

Der Band widmet sich der Rolle der ausländischen Studierenden und Intellektuellen während der Protestbewegungen rund um das Jahr 1968 in vier Teilen. Der erste Teil untersucht das Verhältnis zwischen Protestbewegungen und unterschiedlichen Studierendengemeinschaften (aus Portugal, den französischen Überseedepartments, Polynesien und Kambodscha). Im zweiten Teil erforschen drei Artikel »rencontres improbables« (101) während der années 1968 zwischen französischen Linken und desertierten Soldaten der USA, lateinamerikanischen Feministinnen sowie britischen Linken. Im dritten Teil zeichnen vier Beiträge die transnationalen Lebenswege von Einzelpersonen nach. Im vierten Teil interpretieren eine Autorin und drei Autoren einzelne Primärquellen aus den sozialen Bewegungen. Eine Einleitung von Françoise Blum und Guillaume Tronchet ordnet den Sammelband in methodische und historiografische Debatten ein. Ein Nachwort von Michelle Zancarini-Fournel fasst die wesentlichen Erkenntnisse und Fragen zusammen, die sich aus dem Band ergeben.

Die Beiträge knüpfen dabei an Arbeiten an, die die transnationale Zirkulation von Ideen, Praktiken und Personen während der »global 1960s« untersucht haben.1 Unter dem Einfluss der Globalgeschichte haben Historiker:innen etwa die Dritte-Welt-Solidarität und den Internationalismus der französischen Linken erforscht. Der Rolle der ausländischen Studierenden und Intellektuellen in Frankreich haben sich Historiker:innen bisher trotzdem selten gewidmet. Ausnahmen sind Arbeiten zu einzelnen Personen und Netzwerken sowie ein Sammelband über die afrikanischen Studierenden und 1968.2 Mit Fokus auf Studierende aus Asien, Europa und den Amerikas liefert Les passeurs de révolte deshalb einen wichtigen Beitrag, um die transnationale und globale Dimension der Protestbewegungen rund um 1968 zu verstehen. Ohne auf alle einzelnen Beiträge eingehen zu können, möchte ich zwei wichtige Impulse an der Schnittstelle von Migrations- und Protestgeschichte hervorheben.

Die Beiträge unterstreichen die wechselseitigen Verbindungen zwischen unterschiedlichen Räumen und Netzwerken. Ausländische Studierende importierten 1968 Erfahrungshorizonte und Ideen aus ihren Herkunftsländern nach Frankreich. Studierende aus den Diktaturen in Griechenland, Brasilien, Chile oder Portugal deuteten die antiautoritäre Revolte der années 1968 etwa vor dem Hintergrund der autoritären Strukturen im Heimatland. Portugiesische Student:innen importierten dementsprechend antifaschistische Ideen und Praktiken (29–55). Zugleich prägten die Diktaturen im Heimatland den Aktivismus, nicht zuletzt durch den Einfluss ihrer auch in Frankreich tätigen Sicherheitsdienste. Umgekehrt politisierte 1968 ausländische Studierende und beeinflusste ihren Aktivismus auch nach der Rückkehr in die Heimat. Clémence Maillochon bezeichnet etwa die Studierenden aus Französisch-Polynesien, die 1968 in Paris waren, als »jeunes pousses du mouvement identitaire Mā’ohi« (71). Die Einleitung deutet diese wechselseitigen transnationalen Verbindungen treffend als »l’import-export de la révolte« (18). Durch die Sammlung unterschiedlicher Geschichten führt der Band vor Augen, wie vielfältig diese Importe und Exporte in ihren materiellen Realitäten waren, je nachdem wo die Studierenden herkamen und welche Zugänge sie dadurch in Frankreich hatten.

Während die Forschung zu den global 1960s häufig transnationale Verbindungen betont hat, werden in dem Band auch die Grenzen und Hürden für die Zirkulation von Personen und Ideen mitgedacht. Verschiedene Umstände erschwerten den ausländischen Studierenden die Teilnahme an politischen Bewegungen: die bereits zitierten ausländischen Sicherheitsdienste, die besonders gegen Ausländer:innen gerichtete Repression durch den französischen Staat und drohende Ausweisungen, ideologische Differenzen mit den dominanten französischen Akteur:innen sowie mangelndes gegenseitiges Interesse an den jeweiligen Anliegen. So diskutiert Marie Aberdam, warum die kambodschanischen Studierenden sich eher wenig an den Protesten 1968 beteiligten. Große Teile der kambodschanischen Gemeinschaft hatten im Gegensatz zur französischen Linken Sympathien zu Präsident Charles de Gaulle, nachdem er 1966 nach Kambodscha gereist war und während der Dekolonisierung für die »autodetermination« geworben hatte. Viele linke Studierende aus dem Land wiederum standen der Kommunistischen Partei Frankreichs nahe. Sie lehnten, genauso wie die Partei, die Studierendenbewegung ab (95). Zugleich interessierten sich französische Linke weniger für Kambodscha als für das Nachbarland Vietnam und den Krieg gegen die USA. Mit Geschichten wie dieser macht der Band das Bild komplexer und relativiert den Mythos, dass der Mai 1968 weltweit einflussreich war.

Mein einziger Kritikpunkt bezieht sich auf die gestalterische Umsetzung des vierten Teils, in dem Historiker:innen Schlüsselquellen interpretieren. Die Primärquellen sind so klein gedruckt, dass das ansonsten innovative Format leider für mich nicht funktioniert hat und ich die Texte wie Artikel gelesen habe, ehe ich versucht habe, die Quellen zu entziffern.

Spannend hätte ich es außerdem gefunden, wenn die Frage der Chronologie von einzelnen Beiträgen expliziter diskutiert worden wäre. Während gerade im ersten Teil der Fokus klar auf dem Mai und Juni 1968 liegt, diskutieren einige der folgenden Beiträge längere Zeiträume im Sinne der années 1968. Hier hätte ich weitere Reflexionen über die Unterschiede zwischen der einmaligen Teilnahme an einer Demonstration 1968 und dem jahrelangen Aufbau etwa der lateinamerikanischen feministischen Netzwerke in den 1970er-Jahren interessant gefunden. Die vielfältigen Fallstudien würden sich sehr gut eignen darüber zu diskutieren, was sich für Historiker*innen ändert, wenn wir allein den Mai 1968 oder doch die années 1968 analysieren.

Dies versteht sich weniger als Kritik, denn als eine Weiterführung des sehr lesenswerten Bandes. Les passeurs de révolte schließt eine wichtige Forschungslücke und eröffnet neue Perspektiven auf historiografische Debatten, indem globale, wechselseitige Verflechtungen der global 1960s ebenso wie deren Grenzen in ihren jeweiligen materiellen Realitäten in den Blick genommen werden. An diese Impulse könnten zukünftige Arbeiten, nicht zuletzt Untersuchungen mit Blick auf Deutschland, fruchtbar anknüpfen.

1 Samantha Christiansen, Zachary A. Scarlett (Hg.), The Third World in the Global 1960s (Protest, Culture and Society, 8), New York 2013.
2 Ophélie Rillon u. a. (Hg.), Étudiants africains en mouvements: contribution à une histoire des années 1968 (Histoire contemporaine, 16) Paris 2016; Vgl. Daniel A. Gordon, Immigrants & Intellectuals: May ’68 & the Rise of Anti-Racism in France, Pontypool 2012.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Christian Jacobs, Rezension von/compte rendu de: Françoise Blum, Guillaume Tronchet, Ludivine Bantigny, Michelle Zancarini-Fournel (dir.), Les passeurs de révolte. Étudiants et intellectuels étrangers et postcoloniaux en France dans les années 1968, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 248 p., ISBN 978-2-7535-9834-8, EUR 24,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115134