Sylvie Chaperon, Catherine Deschamps, Emmanuelle Retaillaud und Christelle Taraud haben eine kollektive Monografie zur Geschichte der Sexualitäten in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert geschrieben. Die Kapitel stammen jeweils aus der Feder einer Autorin, seien jedoch von den anderen Dreien gelesen und redigiert worden. Es handelt sich um ein synthetisierendes, 500 Seiten starkes Handbuch, dessen Zielgruppen, so die Autorinnen in der Einleitung, Studierende, Lehrer:innen der Sekundarstufe sowie die interessierte Öffentlichkeit seien. Damit stapeln die Verfasserinnen tief, das Buch wird sich ebenso als unverzichtbar für Historiker:innen erweisen, die auf der Suche nach einem komprimierten und dennoch profunden Einblick in die Geschichte der Sexualität im modernen Frankreich sind.
Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, dass das Buch entlang klassischer Zäsuren gegliedert ist. Der erste von drei Teilen beginnt 1789, endet 1914, ist mit »Le grand siècle de la morale bourgeoise« überschrieben und stammt überwiegend – zu vier von fünf Kapiteln – aus der Feder Christelle Tarauds, die an der NYU Paris lehrt und Mitglied des Centre d’histoire du XIXe siécle (Paris I – Sorbonne Université) ist. Das Panorama beginnt mit der reproduktiven, ehelichen Heterosexualität – also Vaginalverkehr ohne Verhütung innerhalb einer nur heterosexuell möglichen Ehe –, die seit dem späten 18. Jahrhundert von staatlicher, religiöser und medizinischer Seite als herrschende Norm hervorgebracht worden sei und gegen die sich alle kommenden Kämpfe richteten. Nachdem der Code civil (1804) die Frau – in den Worten Napoleon Bonapartes – zum Eigentum ihres Mannes gemacht habe, dem sie Gehorsam schulde im Austausch für Schutz, legitimierten zunächst Pfarrer, Moraltheologen und Beichtväter, bald zusätzlich praktische Ärzte und wissenschaftlich arbeitende Sexualmediziner eine Hierarchie der Geschlechter, die habituelle sexualisierte Gewalt in der Ehe und die gesellschaftliche Ächtung unverheirateter Mütter und sich prostituierender Frauen mit sich brachte. Vier französische Revolutionen – 1789, 1830, 1848 und 1871 – änderten daran nichts. Allerdings wurde der »égoisme masculin«“ für Feminist:innen und Anarchist:innen gerade durch das Ausbleiben von Veränderung skandalös und motivierte gesellschaftspolitisches Engagement für Verhütung, die Ermöglichung ungefährlicher Abtreibungen zur Vermeidung von Kindstötungen oder die Abschaffung der Prostitution in der Belle Époque.
Teil zwei, »D’une guerre à l’autre«, nimmt die Jahre von 1914 bis 1945 in den Blick und ist von Emmanuelle Retaillaud geschrieben, seit 2020 Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Sciences Po Lyon. Retaillaud beginnt mit den familiären und demografischen Brüchen des Ersten Weltkriegs, der zeitgenössisch ausgiebig thematisierten Sexualität der Soldaten und der durch den Krieg erleichterten Grenzüberschreitungen, etwa in Form homoerotischer Kontakte unter Soldaten. Die anschließenden années folles werden kritisch evaluiert. Zahlreiche Abschnittsüberschriften, wie etwa »Un nouvel aventurisme sexuel?«,sind als Fragen formuliert. Eindeutig seien jedoch die zunehmende Sichtbarkeit einer queeren Subkultur und ein Verlangen nach erotischem Vergnügen, das in Film und Fotografie sichtbar wurde. Für die Zwischenkriegszeit konstatiert Retaillaud Pronatalismus und demografische Ängste, während gleichzeitig Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche die Regel waren. Vichy-Frankreich wird als Rache gegen den Geist des Genusses (»l’esprit de jouissance«) gedeutet, im Rahmen derer Ehebrecherinnen und Homosexuelle als Gefahr für die Gesellschaft gebrandmarkt und verfolgt wurden, während Krieg und Besatzung gleichzeitig neue Räume für erotische, auch homoerotische Begegnungen öffneten. Die anschließende »Befreiung« sei keine der Sitten gewesen, ablesbar an der Zunahme sexualisierter Gewalt und der Deutung des Vichy-Regimes und der Kollaboration als homosexuell.
Teil drei, »De 1945 à nos jours«, ist zur ersten Hälfte von Sylvie Chaperon, Professorin für Zeit- und Geschlechtergeschichte an der Université de Toulouse Jean-Jaurès, geschrieben und zur zweiten Hälfte, beginnend 1981, von Catherine Deschamps, Professorin für Anthropologie an der École Nationale Supérieure d’Architecture de Paris la Villette. Chaperon skizziert einen 20 Jahre währenden Kalten Krieg der Geschlechter (»la guerre froide du sexe«), in dem die Politik Mutterschaft und Kinderreichtum aufwertete und Homosexualität, Sexualerziehung und Gegenentwürfe abwertete, etwa Simone de Beauvoirs Le Deuxième sexe oder die auch in Frankreich rasch rezipierten Studien des US-amerikanischen Biologen Alfred Kinsey zum empirischen Sexualverhalten von Männern und Frauen. Zwar versieht Chaperon das anschließende Kapitel zu den »Jahren der sexuellen Revolution« (»années de la révolution sexuelle?«) mit einem Fragezeichen, wie es inzwischen Standard geworden ist, weil die Umbrüche weder so plötzlich noch so allumfassend waren, wie es der Revolutionsbegriff suggeriert. Dennoch zeigt die Autorin auf, wie radikale soziale Bewegungen – zur Befreiung der Frau, gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen, für legale Abtreibungen, die Entstigmatisierung männlicher und weiblicher Homosexualität sowie der Prostitution – und die Vermarktlichung der Sexualität legislative Änderungen zugunsten weiblicher Selbstbestimmung und gleichberechtigter Familienführung anstießen.
Für die Jahre 1981 bis 1996 fokussiert Deschamps auf die Emanzipation und soziale Integration männlicher Homosexueller und die neoliberale Vermarktlichung auch dieser Sexualität insbesondere in Paris mit zahlreichen Treffpunkten und Sexshops. Zwischen 1979 und 1989 erhöhte Aids die Sichtbarkeit des schwulen Milieus und verband Sexualität von Neuem mit Gefahr – ähnlich der Verbreitung der Syphilis zu Jahrhundertbeginn. Im Unterschied zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildeten sich mit Act Up Paris und Aides einflussreiche Selbsthilfeorganisationen. Seit der Jahrtausendwende habe sich die öffentliche Sichtbarkeit von Lesben, bisexuellen Menschen und Transpersonen als sexueller Minderheiten ausgeweitet – etwa durch Prides (marches des fiertés) in immer mehr Städten. Das letzte Kapitel stellt die Konkurrenz liberalisierender und beschützender Rechtsetzungen seit der Jahrtausendwende vor und mündet in gegenwärtigen Debatten um Prostitution und Leihmutterschaft. Abschließend thematisiert Deschamps die Sichtbarkeit sexualisierter Gewalt in der jüngsten Vergangenheit, im Rahmen von Me too und den Missbrauchsskandalen der katholischen Kirche.
Im Fazit betonen die Verfasserinnen mit Gegenüberstellungen von zeitlich parallel liegenden liberalisierenden und repressiveren Entwicklungen die Diskontinuität der französischen Sexualitätsgeschichte. Diese sei von ausländischen Einflüssen, hauptsächlich US-amerikanischen und britischen wie etwa Planned Parenthood, ebenso beeinflusst gewesen wie von einzelnen medialisierten Gewalttaten, etwa dem Femizid an Françoise Sébastiani, der Ehefrau des Herzogs von Choiseul-Praslin, einem Berater von Louis Philippe 1847, der als eines der Ereignisse angesehen wurde, das zum Sturz der Julimonarchie 1848 beigetragen hat.
Es ist ein großes Verdienst des Bandes, die Heterosexualität der Mehrheitsbevölkerung als ebenso zeitgebunden zu beschreiben wie die jeweilige Konzeption und gesellschaftliche Praxis queerer Sexualitäten. Damit eröffnen die Autorinnen einen Blick auf das gesamte Panorama geschlechtlichen Verhaltens. Dieser Zuschnitt bringt liberalisierende Auswirkungen der zunehmenden Sichtbarkeit Homosexueller während den 1920er- und den 1980er-Jahren für alle Menschen innerhalb und jenseits sexueller Normen ans Licht. Damit vergrößert der Band den Vorsprung der französischen Sexualitätsgeschichte vor derjenigen anderer europäischer Länder, der seinen Ursprung in der französischen historischen Demografie und der Mentalitätsgeschichte der Annales-Historiker hat. Beeindruckend für ein Überblickswerk ist die flächendeckend dichte Nachweispraxis, die Fachliteratur zum Weiterlesen leicht auffindbar macht, und die gleichzeitig quellennahe Argumentation in jedem Kapitel. Dass das Buch keine Fortschrittsgeschichte erzählt, sondern Ambivalenzen hervorhebt, ohne die größer gewordenen Handlungsspielräume für jegliche Sexualitäten insbesondere im letzten halben Jahrhundert zu unterschlagen, macht es angenehm zu lesen.
Gibt es an der Tour de Force durch die Geschichte der Sexualitäten in Frankreich nichts zu kritisieren? Tatsächlich fällt es nicht leicht, da jeder Abschnitt mit viel Umsicht geschrieben ist und von der großen Belesenheit der Autorinnen zeugt. Sie selbst stellen eingangs klar, dass sich diese Geschichte der Sexualitäten auf das hexagone, also das kontinentale, europäische Frankreich beschränkt. Dieser Zuschnitt ist bedauerlich, einerseits weil Frankreich für die längere Zeit des Untersuchungszeitraums die zweigrößte Kolonialmacht der Welt und Sexualität zentraler Inhalt der französischen mission civilisatrice war, andererseits weil Taraud ausgewiesene Kennerin der Kolonial- und Sexualitätsgeschichte des Maghreb ist. Zwar werden punktuell, etwa bei kolonialen Soldaten im und nach dem Ersten Weltkrieg, rassifizierte Sexualitäten angesprochen. Eine systematische Berücksichtigung kolonialisierter Gebiete in Afrika und Asien sowie deren Rückwirkungen auf das hexagone blieb jedoch aus. Diese hätte erlaubt, race neben class und gender als Ungleichheitskategorie jeder Sexualität mitzuberücksichtigen.
Anders als es diese Rezension als Synthese einer Synthese suggeriert, wimmelt es im Buch vor historischen Akteur:innen. Das macht die Geschichte plastisch, hätte jedoch aus didaktischen Gründen mit einer stärkeren Abstraktion zu Kapitelbeginn oder -ende kombiniert werden können, die dem Überblickscharakter des Bandes entsprechend die wichtigsten Punkte der jeweiligen Abschnitte gebündelt hervorhebt.
Diese Kritik schmälert das Verdienst von Chaperon, Deschamps, Retaillaud und Taraud aber nicht. Für diesen Überblick sind wir zu Dank verpflichtet. Er ist ein enormer Dienst am Fach: durch die Vermittlung der Relevanz des Themas an die breitere Öffentlichkeit und die erleichterte Rezeption bisheriger sexualitätshistorischer Forschung innerhalb der Geschichtswissenschaft. In diesem Sinne ist dem Band die zügige Übersetzung zumindest ins Englische, im Idealfall gleich in weitere Sprachen, zu wünschen.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Veronika Settele, Rezension von/compte rendu de: Sylvie Chaperon, Catherine Deschamps, Emmanuelle Retaillaud, Christelle Taraud, Histoire des sexualités en France, XIXe–XXIe siècle, Paris (Armand Colin) 2024, 520 p. (Mnémosya), ISBN 978-2-200-63337-0, EUR 26,90., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115135





