Der vorliegende Sammelband behandelt mit der Geschichte der auswärtigen Kulturpolitik eine Thematik, der in Frankreich traditionell eine besondere Bedeutung zukommt. In der Tat zählt Frankreich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, einer Epoche, in der Institutionen wie die Alliance Française entstanden sind, weltweit zu den Staaten, die der auswärtigen Kulturpolitik, ihren Institutionen und ihrer kaum zu überschätzenden Soft Power, einen wichtigen Stellenwert beimessen und dies durch entsprechende Finanzmittel (die allerdings in den letzten Jahren tendenziell zurückgegangen sind) unterstreichen.

Die insgesamt 30 Beiträge des vorliegenden Bandes, denen eine ausführliche Einleitung der Herausgeber:innen vorangestellt ist, sind fünf großen Themenbereichen zugeordnet: I. »Structures et acteurs de la diplomatie culturelle française« (7 Beiträge); II. »Secteurs de l’action culturelle internationale« (9 Beiträge); III. »Francophonie, diplomatie scolaire et universitaire« (6 Beiträge); IV. »La diplomatie culturelle dans le monde« (6 Beiträge); V. »Quand les professionnels de la diplomatie culturelle prennent la parole« (zwei abschließende tables rondes mit Diskussionsbeiträgen von Akteuren der französischen Kulturdiplomatie). Die Einteilung steckt den sehr weit gespannten Rahmen des Bandes ab, auch wenn die Abgrenzung der einzelnen Sektionen nicht immer trennscharf ist – wie etwa bei der Unterscheidung zwischen »action culturelle internationale« und »diplomatie culturelle française dans le monde«.

In der recht umfangreichen Einleitung gehen die vier Herausgeber*innen auf die grundlegenden Fragestellungen des Bandes ein, der aus einem internationalen Kolloquium in Paris im Jahre 2022 aus Anlass des hundertsten Jahrestags der Association française d’expansion et d’échanges artistiques (AFEEA) hervorgegangen ist. Sie betonen zunächst mit Recht die Vorreiterrolle, die Frankreich im Bereich der Kulturdiplomatie einnimmt, sowie Spezifika, die eine gewisse »Exception française« verkörpern: so der enge Bezug zum Staat und zur staatlichen Kultur- und Wirtschaftspolitik; oder die Rekrutierung der Akteure der französischen Kulturdiplomatie, die, anders als in vielen anderen Ländern wie etwa Deutschland und Großbritannien, keine eigene, professionalisierte Laufbahn aufweisen, sondern sehr häufig aus dem Universitätsmilieu stammen und sich insbesondere aus »Normaliens«, den Absolvent:innen der Écoles normales supérieures, rekrutieren. Dies habe eine elitäre Konzeption von Kulturdiplomatie und tendenziell auch eine entsprechende Ausrichtung der Inhalte zur Konsequenz: »par voie de conséquence, l’accent exclusif mis sur les arts et lettres les plus classiques et les plus élitistes dans les contenus offerts par les institutions de cette diplomatie« (»Introduction«, 21).

Die Einleitung zeigt gleichfalls die großen Etappen der Entwicklung der französischen auswärtigen Kulturpolitik auf, die 1883 mit der Gründung der Alliance Française und 1907 mit der Einrichtung des ersten Institut Français in Florenz die wichtigsten institutionellen Voraussetzungen schuf. Die Einrichtung der französischen Kulturdiplomatie Ende des 19. Jahrhunderts diente auch, wie die Herausgeber:innen unterstreichen, nach dem verlorenen Krieg von 1870/1871 der Kompensation der zurückgehenden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht Frankreichs durch seine Darstellung als international führende Kulturnation. Die Entwicklung der Kulturpolitik spiegele sich in einer sich wandelnden Semantik: An die Stelle von »propagande« (ein ursprünglich von der katholischen Kirche verwendeter Begriff) und »mission civilisatrice« sind seit dem Zweiten Weltkrieg und verstärkt seit der Unabhängigkeit der französischen Kolonien und der Entstehung der Frankophonie-Institutionen seit dem Beginn der 1960er-Jahre die Konzepte »rayonnement«, »diffusion« sowie in den letzten Jahrzehnten »influence« sowie »coopération« getreten. Die kooperative Ausrichtung der auswärtigen Kulturpolitik, die durchaus Parallelen zu der ähnlich gelagerten, aber deutlich prononcierteren Ausrichtung des Goethe-Instituts aufweist, zeigt sich unter anderem in dem Bestreben, in Deutschland, aber auch in anderen Ländern französische Kulturinstitute in partnerschaftlich konzipierte und finanzierte Kulturinstitute umzuwandeln.

In zahlreichen Beiträgen des vorliegenden Sammelbands werden diese im Vorwort skizzierten Themen- und Problemachsen vertieft, vor allem anhand spezifischer Fallbeispiele. So behandeln mehrere materialreiche und informative Beiträge zentrale institutionelle Akteure der auswärtigen Kulturpolitik Frankreichs in den letzten 140 Jahren: so etwa der Beitrag von Charlotte Faucher zur Geschichte der AFEEA zwischen 1922 und 1946 (23–60), von Janet Horne zur Alliance Française als wichtigem Akteur im globalen Süden im Zeitraum 1950–1960 (64–82), von Gabriele Slizyte zu den kulturellen Aktivitäten der Association française d’action artistique (AFAA), einer 1922 gegründeten Vorgängerinstitution des 2010 entstandenen Institut français,1 im Musikbereich in den USA (159–173), von Patrick Romuald Jie Jie zur Geschichte und Bilanz der Aktivitäten der Alliance française in Kamerun zwischen 1992 und 2021 (357–374) und von Laurent Martin in seinem ausführlichen und sehr gut dokumentierten Beitrag »L’autre diplomatie culturelle: le rôle international du ministère de la culture de 1959 à 1993« (83–103).

Neben den Kulturabteilungen der französischen Botschaften, die vor allem in dem allerdings sehr kurzen Beitrag von Fabien Behat (266–281) behandelt werden, spielen insbesondere Museen (s. den Beitrag von François Mairesse, »Les musées, outils de la diplomatie culturelle française«, 248–265), Film und andere Medien (s. Suzanne Langlois, »La stratégie éducative du cinéma français aux États-Unis (1935–1940), 174–192) sowie traditionell die französischen Auslandsschulen und die mit ihnen verbundene Sprach- und Kulturpolitik (s. hierzu vor allem den Beitrag von Céline Bazun, »Contribution des écoles françaises au Maroc à la politique publique d’influence culturelle de la France dans ce pays«, 375–391) eine wichtige Rolle.

Die Darstellung und Diskussion von aktuellen Herausforderungen und Problemfeldern der auswärtigen Kulturpolitik Frankreichs wird leider nur punktuell und zu summarisch angesprochen: Hierzu zählen die Ausbildung der französischen Kulturdiplomaten und ihre zum Teil unzureichende professionelle Vorbereitung auf interkulturell zunehmend komplexer und konfliktuell werdende Auslandseinsätze; die Herausforderungen, die die »Révolution numérique« mit dem zunehmenden Einfluss von sozialen Netzwerken und Influencer:innen mit sich bringt (was in der zweiten table ronde von Gaëtan Bruel präzise angesprochen wird, 557); sodann die Auseinandersetzung mit dem Erbe (und der Hypothek) des französischen Kolonialismus, die die Aktivitäten und Wirkungsmöglichkeiten der französischen Kulturdiplomatie vor allem im subsaharischen Afrika und im Maghreb zunehmend in Frage stellt und zum Teil massiv einschränkt; schließlich die begrenzten finanziellen Mittel, die immer – aber in zunehmendem Maße - in Kontrast zu den weit gespannten Ambitionen Frankreichs gestanden haben, was auch in mehreren Beiträgen erwähnt wird (unter anderem 371, 566, 569). So stellt Robert Lacombe, selbst Akteur der französischen Kulturdiplomatie, in der ersten der abschließenden tables rondes fest, dass France Médias Monde, das die französischen Auslandsradio- und Fernsehsender (wie France 24) umfasst, lediglich über ein Budget von 130 Millionen Euro pro Jahr verfüge, während sich allein das Budget der Deutschen Welle auf 400 Millionen Euro belaufe (537).

Der vorliegende Sammelband bietet somit eine Fülle aufschlussreicher und zum Teil neuer Informationen und Analysen zur Thematik der auswärtigen Kulturpolitik Frankreichs und ihrer historischen Entwicklung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, auch im Vergleich zu bereits vorliegenden Publikationen. In inhaltlicher Hinsicht fehlen präzise Angaben zum Budget der diplomatie culturelle und seiner Entwicklung leider weitgehend. Auch aktuelle Karten und Grafiken zur weltweiten Präsenz französischer Kulturinstitutionen und ihrer historischen Entwicklung, die nur sehr punktuell abgedruckt sind,2 wären wünschenswert gewesen, ebenso wie ein Personen- und Sachregister, das angesichts der Breite der behandelten Themen, aber auch einiger thematischer Überlappungen für die Leserschaft von großem Nutzen gewesen wäre.

Trotz der genannten Defizite kommt der Herausgeberin und den Herausgebern sowie den Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes das Verdienst zu, ihre Aufmerksamkeit einem zentralen und in der Geschichtsschreibung eher vernachlässigten Bereich der französischen Außenpolitik gewidmet zu haben und in einer ganzen Reihe von Beiträgen neue Forschungsergebnisse zu präsentieren.

1 Die AFAA wurde 2006 durch Culturesfrance ersetzt, das wiederum 2010 durch das Institut Français institutionell abgelöst wurde.
2 Vgl. 206 zur »Cartographie des expositions de l’AFAA (1944–1958)« und 512 die »Carte de la présence culturelle allemande et française en Fédération de Russie«, die allerdings von schlechter Druckqualität und in der vorliegenden Form nicht brauchbar ist.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Hans-Jürgen Lüsebrink, Rezension von/compte rendu de: François Chaubet, Charlotte Faucher, Laurent Martin, Nicolas Peyre (dir.), Histoire(s) de la diplomatie culturelle française. Du rayonnement à l’influence, Toulouse (Editions de l’Attribut) 2024, 622 p., ill., ISBN 978-2-494649-04-0, EUR 19,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115136