Sammelbände bilden das beliebteste Dokumentationsgenre akademischer Tagungsergebnisse. So geht die vorliegende Zusammenstellung auf einen pandemiebedingt online abgehaltenen Austausch im Sommer 2020 zurück. Im Ergebnis bieten solche Tagungsbände exemplarische Erprobungen eines neuen historiografisch-methodischen Zugangs oder tragen spezialisierte Forschungsergebnisse zusammen. In den meisten Fällen entsteht eine breit gerahmte Zusammenstellung von Einzelbeiträgen, die weniger in ihrer Gesamtheit Sichtbarkeit erlangen, sondern zur selektiven Vertiefung einladen; so auch hier. Die Herausgeber sind bereits mit einer Reihe anregender Beiträge zu Europaideen vor allem im frühen 20. Jahrhundert hervorgetreten, manche von ihnen deutlich stärker konturiert als der vorliegende Band.1
Die Einleitung flicht einen bewusst lockeren Rahmen »On (Some) European Ways of Waging War and Making Peace«, aus dem sich drei begrüßenswerte programmatische Perspektiven eröffnen: eine relationale Betrachtung von Krieg und Frieden, die »Europa« nicht mit einem Friedensprojekt gleichsetzt, sondern im Band selbst dem »Second Thirty Years War« zwischen 1914 und 1945 größeren Raum einräumt; die titelgebende Prozesshaftigkeit von »Krieg führen« und »Frieden machen«, die den Übergängen beziehungsweise Eigenzeiten dieser Phasen Rechnung trägt; schließlich die Frage nach dem »Europa« oder dem »Europäischen« der »European ways«, die durch den Band hindurch am unschärfsten bleibt, sich am ehesten in der Beschäftigung mit vor allem antirussischen/-bolschewistischen Feindbildern niederschlägt.
Ins Auge fällt, dass die zwischen der Tagung im Sommer 2020, der Datierung der Danksagung der Herausgeber auf Mai 2024 und dem Erscheinungsjahr des Bandes 2025 liegende Rückkehr des Krieges nach »Europa« keine Erwähnung findet. Dies verwundert umso mehr, als die Einleitung auf Russland als »integralen Bestandteil« des europäischen Mächtegleichgewichts im 19. Jahrhundert und europäische Deutungen russischer Kultur aus dieser Zeit verweist (10–11). Rolf Petris Beitrag zum exklusivistischen Russlandbild im frühen 19. Jahrhundert nimmt seinerseits allerhand chronologische Umwege über den deutschen Überfall auf die Sowjetunion und die Nürnberger Prozesse. Die russischen Angriffe auf die Ukraine 2014 und seit 2022 und die im 21. Jahrhundert um genau diese Fragen der historischen Zugehörigkeit Russlands zu »Europa« geführten Kontroversen kommen jedoch nicht vor.2
Die zweieinhalb Jahrhunderte umspannenden Beiträge des Bandes fallen sehr heterogen aus. Klassische ideen-, netzwerk- und institutionsgeschichtliche Zugänge mit mehrheitlich geschichtswissenschaftlichen, teils auch philosophischen und literaturwissenschaftlichen Akzenten dominieren. Die Trias von Europa – Krieg – Frieden wird nur ansatzweise zusammenhängend aufgeschlossen, häufig auf Kosten eines mehr als deklarativen Europabegriffes. Die Unterscheidung von drei Beitragstypen kann bei der Lektüreauswahl helfen: Matthew D’Aurias Aufsatz zum Geschichtsverständnis im Projet de paix perpétuelle (1712–1717) des Abbé de Saint-Pierre fällt in die Kategorie revisiting the classics. Giulia Iannuzzis Präsentation eines im frühen 20. Jahrhundert angesiedelten utopischen britischen Romans vom Ende des Siebenjährigen Krieges wie Ulrich Tiedaus Diskussion von Max Pembertons pazifistischem Roman War and the Woman decken das Feld der hidden gems ab. Beatrice de Graaf und Florian Greiner bieten Einblicke und Vertiefungen ihrer einschlägigen Monografien zur europäischen Sicherheitskultur nach den napoleonischen Kriegen beziehungsweise zu Europadebatten in der deutschen und anglofonen Presse der Weltkriegszeit.3
Dazwischen setzen sich Marek Stanisz und Sam Kuijken am Beispiel europäischer Polenlyrik nach dem polnischen Novemberaufstand 1830 und der belgischen Presseberichterstattung über den Krimkrieg mit dem Othering Russlands auseinander. Eine »europäische öffentliche Meinung« (150) oder »europäische Identitätsbildung« (180) bleiben bei diesen Zuschnitten notwendigerweise sehr weite Zielhorizonte. Gerade die Beschäftigung mit dem polnischen Aufstand würde von einem Vergleich mit den philhellenischen Bewegungen dieser Zeit jenseits von Verweisen auf Literatur aus den 1930er-Jahren profitieren.
Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive wirft Arthur Guezengars als Fallstudie zu Carl Schmitts Denken über Krieg und Imperialismus ausgeflaggter Aufsatz in dem Maße Fragen auf, in dem er sich zu einer länglichen und hermetischen Theoretisierung europäisch geführter Kolonialkriege – argumentativ und empirisch weit über Schmitts Nomos der Erde hinausgreifend – auswächst. Schmitts Nahverhältnis zum Nationalsozialismus wird dabei zunächst eher pflichtschuldig benannt, bevor der Text in einer Tour de Force von Lenin über Hannah Arendt, Christopher Clark, Thomas Piketty und Adam Tooze bis hin zu Buchrezensionen und weiteren Versatzstücken zu dem Befund kommt, dass die europäische Expansion im Zusammenspiel innereuropäischer Spannungen und imperialer free space-Projektionen zu verstehen sei.
Zusammenhängender lesen sich die Beiträge von Gavin Murray‑Miller, Florian Greiner, Marijana Kardum, Michele Mioni, Silvia Madotto und Michael Wintle zur Zeit der beiden Weltkriege. Sie unterstreichen zum einen stärker die Prozesshaftigkeit und Temporalität des war waging und peace making und bewegen sich zum anderen auf dem gut kartierten Terrain der »Mittel-« und »Paneuropa«-Konzepte, des nationalsozialistischen »Neuen Europa« und von Europaideen im Widerstand. Zu den aufschlussreichen Facetten dieser Fallstudien gehört die Frauenbewegung innerhalb der »Kleinen Entente« der 1920er-Jahre in Kardums Beitrag.
Mark Hewitson beschließt den Band mit einer Diskussion europäischer Integrationsprojekte im Kontext des Kalten Krieges und gibt deren Ost-West- sowie Krieg-Frieden-Dichotomien einen geopolitischen Rahmen. Seine eigene methodische Dichotomie von »europäischer« soft power gegenüber der hard power der Supermächte bringt jedoch einen Schematismus in dieses Panorama, der die geopolitische Projekthaftigkeit Nachkriegseuropas weitgehend überblendet.4
In der Gesamtschau regt der Band, zumal in den 2020er-Jahren, dazu an, die Dichotomien von Krieg und Frieden in der Geschichte und Gegenwart von Europaprojekten weiter zu verflüssigen und Semantiken »Europas« stärker mit den verflochtenen Semantiken europäischer Gewalterfahrungen und deren Bewältigungen zusammenzudenken.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Friedemann Pestel, Rezension von/compte rendu de: Matthew D’Auria, Rolf Petri, Jan Vermeiren (eds.), Waging War and Making Peace. European Ways of Inciting and Containing Armed Conflict, 1710–1960, Berlin, Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2025, 418 p., 9 fig. (History and Ideas. New Perspectives in European Studies, 4), ISBN 978-3-11-076391-1, DOI 10.1515/9783110764758, EUR 109,95., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115137





