Im Unterschied zu Münzen hat die Beschäftigung mit Briefmarken nicht den Status einer akademischen Disziplin erreicht, so dass diese bisher nur selten Gegenstand von geschichtswissenschaftlichen Arbeiten gewesen sind. Doch in den letzten Jahren ist ein verstärktes Interesse zu erkennen, denn für das jüngst viel bearbeitete Forschungsfeld Erinnerungskultur sind Briefmarken eine höchst aufschlussreiche Quellengruppe. Deshalb ist es unbedingt zu begrüßen, dass nun erstmals eine Monografie vorliegt, die sich aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive den Briefmarken in Europa von 1840 bis 2020 widmet. Angesichts der immer noch wenigen Vorarbeiten in der Forschung kann diese Monografie allerdings keinen Überblick, sondern nur Einblicke in die vielschichtige Thematik geben. Dankenswerterweise versucht der Autor gar nicht erst zu vertuschen, dass er nicht alle europäischen Sprachen spricht, sondern insbesondere bei den slawischen, finno-ugrischen und germanischen Sprachen auf Übersetzungen angewiesen ist. Ferner macht er mit wissenschaftlicher Aufrichtigkeit transparent, dass es ihm nicht möglich war, größere Archivstudien zu betreiben.

Der Band ist dennoch eine beeindruckende Pionierarbeit und eine wahre Fundgrube für eine Vielzahl von bemerkenswerten Beobachtungen, die das Potenzial der Briefmarken für die historische Forschung aufzeigen. So wird beispielsweise die ambivalente Rolle der Französischen Revolution in der staatlichen Erinnerungskultur Frankreichs im 20. Jahrhundert anhand der Briefmarken sehr anschaulich dargestellt. Gerade bei der Konstruktion von nationalen Identitäten sind Briefmarken ein wertvolles und viel genutztes Instrument für die Regierungen und damit eine sehr aussagekräftige Quelle für die Erforschung von Erinnerungskulturen.

Der vorliegende Band widmet sich in diesem Zusammenhang auch den nach 1990 im Osten Europas neu entstandenen Nationalstaaten sowie Grenzstreitigkeiten (unter anderem Gibraltar). Zudem werden Kontexte analysiert wie beispielsweise die Geschichte des Briefmarkensammelns, das von einer eher elitären Beschäftigung zu einem Hobby der Massen im 20. Jahrhundert wurde und seit einigen Jahrzehnten rapide an Bedeutung verliert. Sinnvollerweise richtet sich der Blick des Bandes auch auf die europäischen Kolonialreiche. In den Kolonien wurden zunächst die Marken der Kolonialmacht verwendet, die aber bald von besonderen Ausgaben für die jeweiligen Gebiete abgelöst wurden. Es wird vom Autor gut herausgearbeitet, dass mehrere Faktoren zur Entscheidung für eigene Kolonialausgaben führten. Unter anderem zeigt sich hier schon im späten 19. Jahrhundert die Bedeutung des Geschäfts mit Briefmarken als Sammelobjekt, denn nicht wenige Kolonialmarken haben die Kolonien nie gesehen, sondern wurden in den europäischen Metropolen von den Postverwaltungen direkt als Sammelobjekte verkauft.

In Einleitung und Fazit betont der Autor, dass sein Thema zur historischen Erforschung des Antisemitismus und der Geschlechterverhältnisse wichtige Beiträge leisten könne. Dies kann allerdings nicht überzeugen. Es scheint naheliegend zu sein, dass ein weit verbreitetes Medium wie Briefmarken auch diese dunklen Seiten der europäischen Kultur widerspiegelt. Eine spezifische Eigenschaft der Briefmarken ist aber, dass sie sich vor allem für positive, weniger für negative Botschaften eignen. Denn der Absender möchte mit der Briefmarke in der Regel nicht unnötig eine irgendwie negative Reaktion beim Empfänger provozieren. Zudem verlangt eine negative Botschaft eine zweiteilige Erzählung, da zunächst das Thema darzustellen ist, das dann in einen negativen Kontext gerückt werden muss. Dafür ist auf der kleinen Briefmarke in der Regel zu wenig Platz. So produzierte die nationalsozialistische Propagandamaschinerie in Deutschland 1933–1945 eine Unmenge abscheulicher antisemitischer Hetze in Filmen, Plakaten, Karikaturen und Schriftzeugnissen, aber in den Briefmarkenausgaben finden sich allenfalls Spuren von Antisemitismus. Dargestellt werden die Dichter und Denker der Nation, die Sehenswürdigkeiten des Landes, auf die das Volk stolz sein soll, der »Führer« und seine »rassisch gesunden« Anhänger sowie in den letzten Kriegsjahren die »tapferen« Soldaten. Der Autor verweist für seine Antisemitismusthese auf antisemitische Artikel in philatelistischen Zeitschriften. Damit ist allerdings wenig belegt, denn es wäre schon sehr überraschend gewesen, wenn das Briefmarkensammeln eine Immunität gegen Antisemitismus mit sich bringen würde.

Auch methodisch ist das Vorgehen problematisch, denn der Autor merkt selbst an, dass einzelne Artikel keinen Hinweis darauf geben, ob es sich dabei um einen hegemonialen Diskurs oder eben doch nur Einzelstimmen handelt. Ähnliches gilt für die Geschlechterfrage, bei der der Autor wiederum auf frauenfeindliche Artikel in Zeitschriften verweist. Es ist allerdings zu konstatieren, dass ein derartiges Vorgehen auf schwacher methodischer Grundlage in der Geschichtswissenschaft zurzeit nicht selten ist. Es fehlen der Geschichtswissenschaft möglicherweise hinreichend klare Kriterien, um einen hegemonialen Diskurs von Kontroversen und Einzelstimmen zu unterscheiden. Wie wenig die Geschlechterfrage unter anderem in Frankreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trotz leidenschaftlichen Engagements von Frauenrechtlerinnen im Bewusstsein der Regierung präsent war, hätte der Blick auf die Briefmarken selbst gezeigt. 1876 führte die Postverwaltung der jungen Dritten Republik als hauptsächliches Markenmotiv eine Darstellung mit der Friedensgöttin (weiblich) und Hermes (männlich) als Allegorie für den Handel ein. Aus heutiger Perspektive würde man hier eine paritätische Geschlechterdarstellung vermuten, aber die Marken wurden 1900 abgelöst von einer Darstellung einer weiblichen Allegorie der Freiheit mit phrygischer Mütze und einer Schrifttafel, auf der zu lesen ist: »DROITS DE L’HOMME«. Ein scheinbar sehr unpassendes Motiv, wenn man bedenkt, dass die Regierung das Frauenwahlrecht gerade nicht eingeführt hat. Aber um 1900 hatte die französische Regierung offenbar andere Prioritäten als die Geschlechterfrage.

Der Autor macht zu Recht geltend, dass Diskriminierungen im Briefmarkenprogramm durch Auslassungen sichtbar werden können. So beklagt er, dass der Beitrag der Arbeitskräfte in den Kolonien bei den Kriegsanstrengungen Frankreichs im Ersten Weltkrieg keine postalische Ehrung erfahren hat. Auch dies ist allerdings zu modern gedacht, denn die Arbeitskräfte in Frankreich erscheinen ebenfalls nicht auf den Briefmarken. Nur einmal wird 1917 eine Frau, die einen Pflug hinter einem Rind führt, zum Markenmotiv. Diese Marke ist allerdings eine Zuschlagsmarke, das heißt beim Kauf der Marke wurde automatisch eine festgelegte kleine Spende für die Kriegswaisen fällig. Die Darstellung der Frau bei einer Männerarbeit soll vermutlich Mitleid erregen (auch mit den vernachlässigten Kindern) und dadurch zum Spenden anregen. Allenfalls in zweiter Linie diente sie der Würdigung der Kriegsanstrengungen der Frauen als Arbeitskräfte.

Briefmarken sind kein Panorama der Diskurse. Sie werfen sehr prägnante Schlaglichter auf die Regierungspolitik. Dies mehr im Blick zu haben, wird die Aufgabe von nachfolgenden Studien sein, die von der vorliegenden Monografie in vieler Hinsicht profitieren werden!

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Björn Onken, Rezension von/compte rendu de: Rey Didier, Le timbre-poste, une mémoire de l’histoire européenne. 1840–2020, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 432 p., ISBN 978-2-7535-9625-2, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115138