Das Buch ist die Habilitationsschrift des Autors, die gleichzeitig unter dem Titel Die liberale Kraft Europas. Die Soziale Marktwirtschaft in der Europapolitik der Bundesrepublik, 1953–1993 (Bielefeld 2024) in deutscher Sprache publiziert wurde. Im Zentrum der westdeutschen Europapolitik von den Anfängen in den 1950er‑Jahren bis zum Vertrag von Maastricht, und somit der vorliegenden Analyse, stand der Begriff der »Sozialen Marktwirtschaft«, so die These von Dubois. Es sei den verschiedenen Regierungen der Bundesrepublik Deutschland gelungen, wesentliche Elemente des Konzeptes der »Sozialen Marktwirtschaft« in der Wirtschaftsordnung der EG/EU zu verankern.

»Soziale Marktwirtschaft«, so erklärt der Autor, stand zunächst für eine Wirtschaftsordnung, die auf drei Elementen beruhte: der Freiheit des Handels und der Preisbildung auf Märkten, dem Prinzip des Wettbewerbs im Handel nach innen und außen sowie der Preisniveaustabilität. Es war ein Konzept, das von liberalen Ökonomen seit den 1930er-Jahren entwickelt und von Ludwig Erhard und anderen ab 1948 in verschiedenen Stufen popularisiert wurde. »Soziale Marktwirtschaft« wurde ein Leitbegriff für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland, der bis in die Gegenwart relevant ist. Dabei spielte er von Beginn an nicht nur in der Wirtschaftspolitik, sondern auch in der Bonner Europapolitik eine große Rolle. Diese wurde in der Forschung bislang vor allem als ein Element deutscher Außenpolitik gesehen, die insbesondere im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt formuliert worden sei. Die Arbeit von Mathieu Dubois bezieht diese Perspektive ein, stützt sich aber in besonderem Maße auf die Akten des Bundeswirtschaftsministeriums und rückt somit auch die Debatten um die Wirtschaftsordnung stärker in das Blickfeld der Analyse.

Das Buch ist in drei große Kapitel gegliedert, die die Phasen der Debatte behandeln. Im ersten Kapitel steht der Begriff der »Wirtschaftsgemeinschaft« (im Band in deutscher Sprache) im Mittelpunkt. Es untersucht die Gründungsphase der europäischen Wirtschaftsgemeinschaften EGKS und EWG und die Debatten um die Freihandelszone in der Zeit zwischen 1953 und 1965. Der Autor geht hier auf die innerdeutschen Debatten um die Europapolitik ein, den politisch-pragmatischen Ansatz des Bundeskanzlers Adenauer, die föderalistisch geprägten Vorstellungen Walter Hallsteins und das ordoliberal geprägte Konzept Ludwig Erhards und des Bundeswirtschaftsministeriums. Insbesondere der Vertrag über den Gemeinsamen Markt und die dort verankerte liberale Wettbewerbspolitik seien auf das Konzept der »Sozialen Marktwirtschaft« zurückzuführen und von der Bundesrepublik Deutschland geprägt.

Das zweite Kapitel steht unter dem Begriff der »Stabilitätsgemeinschaft«. Durch den Niedergang des Währungssystems von Bretton Woods seit der Mitte der 1960er‑Jahre seien die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Mark schrittweise zum währungspolitischen Anker Westeuropas geworden. Dies habe die Bundesregierung genutzt, um das Primat der Währungsstabilität als wesentliches Element der »Sozialen Marktwirtschaft« in Europa durchzusetzen. Der Werner-Plan und das Europäische Währungssystem seien in starkem Maße von den deutschen Vorstellungen eines Primates der Währungsstabilität vor anderen ökonomischen Zielen geprägt gewesen.

Das dritte Kapitel heißt »Binnenmarkt«. Im Mittelpunkt stehen die »vier Freiheiten«, das heißt der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital auf dem gemeinsamen europäischen Markt, und die Einheitliche Europäische Akte, die die rechtliche Basis für diese Handelsliberalisierung bildete. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Europäische Währungsunion, die im Vertrag von Maastricht vor allem durch das Primat der Preisniveaustabilität und die Unabhängigkeit der Zentralbank realisiert wurde.

Mathieu Dubois hat eine beeindruckende Analyse vorgelegt, die die deutsche Europapolitik anders akzentuiert, als das die bisherige Forschung machte. Die These vom Primat der Wirtschaftsordnung in der deutschen Außenpolitik ist so bislang noch nicht formuliert worden. Zudem basiert die Arbeit auf einer breiten Analyse der Akten des Bundeswirtschaftsministeriums, die ebenfalls unter dieser Frage bislang nicht ausgewertet wurden. Das ist eine beeindruckende Leistung.

Allerdings bleiben auch Fragen, die der Autor nur am Rande thematisiert. Erstens ist der Begriff der »Sozialen Marktwirtschaft« keineswegs so klar, wie Dubois suggeriert. Der Begriff hat verschiedene Ebenen: Er war die Bezeichnung für eine Wirtschaftsordnung, er war ein Propagandabegriff im Wahlkampf der CDU in den frühen 1950er-Jahren und er wurde ab den 1960er-Jahren eng mit der nationalen Identität der Bundesrepublik verknüpft. Alle drei Bedeutungsebenen hatten ihre Dynamik, und das macht die Sache sehr kompliziert. Eine wissenschaftliche Analyse, die diese drei Ebenen des Begriffes »Soziale Marktwirtschaft« (und eventuell weitere) einbezieht, ist ein Forschungsdesiderat.

Zweitens ist die europäische Wirtschaftsordnung nur teilweise von den liberalen Ordnungsprinzipien der »Sozialen Marktwirtschaft« geprägt. Sie war Vorbild für die Wettbewerbspolitik und die Währungspolitik. Anders sieht es für die Gemeinsame Agrarpolitik und die Regionalpolitik aus. Beide sind gerade nicht vom Prinzip des Wettbewerbs und der Preisfreiheit geprägt. Die Gemeinsame Agrarpolitik war nicht nur das erste gemeinsame Politikfeld, sondern spielt bis heute eine wichtige Rolle für die Wirtschaftspolitik der EU. Ähnliches ließe sich für die Verkehrspolitik sagen, die zumindest bis in die 1990er-Jahre ausdrücklich nicht den Prinzipien der »Sozialen Marktwirtschaft« unterworfen wurde.

Drittens könnte man überlegen, ob Dubois den Einfluss des Bundeswirtschaftsministeriums auf die deutsche Europapolitik aufgrund der Auswahl seiner Quellen nicht etwas überschätzt. Das Bundeskanzleramt, das Auswärtige Amt und seit den 1980er-Jahren auch das Bundesfinanzministerium und die Bundesbank spielten ebenfalls wichtige Rollen. Von einem grundsätzlichen Primat des Bundeswirtschaftsministeriums sollte man nicht ausgehen, vielmehr veränderten sich die innenpolitischen Konstellationen in der Bundesrepublik in dieser Hinsicht immer wieder.

Doch sollen diese Anmerkungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mathieu Dubois ein wichtiges und die Diskussion weiterführendes Buch geschrieben hat.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Guido Thiemeyer, Rezension von/compte rendu de: Mathieu Dubois, L’économie sociale de marché à la conquête de l’Europe. La diplomatie allemande et le modèle européen (1953–1993), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2024, 362 p., ISBN 978-2-7535-9576-7, EUR 26,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115139