»Grenzgänger:innen« / »frontaliers·ières«: Der aus einer Ringvorlesung im Wintersemester 2018/2019 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hervorgegangene Sammelband, herausgegeben von Winfried Eckel und Gregor Wedekind, ist selbst Frucht vielfältiger Grenzgänge: zwischen Jahrhunderten und Räumen, zwischen Disziplinen, zwischen Wissenschaftler:innen aus Deutschland und Frankreich und den beiden Sprachen, die der Band – das gilt es zu würdigen – selbstbewusst nebeneinander stehen lässt.
In zehn Aufsätzen nimmt er eine Annäherung an jene Personen vor, die im Zentrum dessen stehen, was die Herausgeber nach Michel Espagne und Matthias Middel unter »Kulturtransfer« beziehungsweise in Anlehnung an die kulturwissenschaftliche Forschung unter »interkultureller Verständigung« verstehen: an die Akteur:innen dieser Prozesse. Grenzgänger:innen ließen sich nach ihrer »kulturellen Funktion« in zwei Arten unterscheiden: den »Transfertyp und de[n] Verständigungstyp«. Je nachdem, ob es dabei um einen »Abbau kultureller Differenzen« und um die »Herausbildung von Ähnlichkeiten durch Mischungen« etwa zur Behebung »eigene[r] Desiderate« und damit die Durchlässigmachung von Grenzen ginge oder ob der/die Betreffende als »Brückenbauer[:in]« fungiere, »ohne doch diesen Abstand zu tilgen«, dabei aber helfe, »einen interkulturellen Dialog in Gang zu bringen«, ließe sich zumindest »idealtypisch« zwischen einer »kulturpoietische[n]« und einer »theoretische[n] und ethische[n]« Funktion unterscheiden (VIII).
Über das biografische Interesse an den Figuren hinaus soll nach den »Leistungen« gefragt werden, »die in einem konkreten Fall die Person dessen, der eine Kulturraumgrenze physisch oder mental regelmäßig überquert, für die involvierten Kulturen« erbringe. Dafür rückt der Band das deutsch-französische Moment von Kunstschaffenden und -kritikern, Schriftsteller:innen, Philosophen, Soziologen und Romanisten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis in die 1950er-Jahre in den Fokus – darunter dem Feld bereits gut bekannte Figuren.
Diese theoretische Einführung wirft zwar Fragen auf, etwa: Wie verhält sich der gewählte Begriff »Grenzgänger« zu dem in der Kulturtransfer-Forschung sonst üblichen Begriff des »Mittlers«, auch im Hinblick auf die durch Nicole Colin und Joachim Umlauf entwickelten Erweiterungen? Inwiefern wäre jenseits von Verständigungsinitiativen die Subsumierung von »Kulturtransfer« und »interkulturelle[r] Verständigung« unter den »Oberbegriff« der »interkulturellen Vermittlung« pertinent? Wie umgehen mit den forschungspraktischen Schwierigkeiten, »Leistung« im Sinne von Rezeption deutsch-französischer Grenzgänger:innen zu messen? Doch ist sie ebenso anregend wie der Band in seiner Gesamtkonzeption.
Der erste Beitrag von Elisabeth Décultot widmet sich den Netzwerken des deutschen Kupferstechers Johann Georg Wille in Paris in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Spannend sind besonders der Vergleich mit den Kommunikationslinien des Schriftstellers, Kunsthistorikers und Gelehrten Johann Joachim Winckelmann sowie die transnationale Verflechtung der Netzwerke bei gleichzeitiger Beleuchtung nationaler Bezugsgrößen der beiden Akteure.
Der Aufsatz von Stéphanie Genand beleuchtet jenseits populärer Vorstellungen von Germaine de Staël als erster deutsch-französischer Mittlerin die Ambivalenzen von De l’Allemagne (1813), in dem das »Primat des Innenlebens« (26) während ihres Exils und nicht kulturelle Vermittlung aus Enthusiasmus zu finden sei. Damit verweist Genand, ohne de Staël pauschal Bedeutung abzusprechen, auf Erfahrungen von Alterität und mögliche Wechselwirkungen zwischen Trägerin und Objekt des Kulturtransfers.
Mit Gregor Wedekind entdecken die Lesenden die ausgedehnten Reisen des französischen Bildhauers Pierre-Jean David d’Angers zu führenden Intellektuellen in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts und auch die Wege, die dabei entstandene oder übermittelte kulturelle Güter und Kunstwerke in Sammlungen beiderseits des Rheins fanden. Damit wirft der Beitrag die Frage von Rezeptions-Konjunkturen auf und liest sich als Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung der longue durée.
Winfried Eckel analysiert den Grenzgang Victor Hugos in dessen romantischem Reisebericht Le Rhin (1842/1845), den er als einen dreifachen versteht: »das [1] horizontale Queren und [2] Entlangfahren einer Grenze im Raum« und »das [3] vertikale Überschreiten des Gegenwärtigen in der Zeit« (68) in Bezug auf Hugos durchaus von »Hegemonie« geprägten Europakonzeptionen (77). Eine besondere Perspektive bekommt Eckels Beitrag in der Kontrastierung mit dem darauffolgenden Text von Véronique Liard, die das Deutschlandbild des französischen Historikers Edgar Quinet beleuchtet, das sich rapide verschlechterte. Der Vergleich offenbart die unterschiedlichen Ableitungen aus Grenzgängen, die in ein und derselben Generation und zu ähnlichen Zeitpunkten erfolgten.
Andreas Gipper untersucht die Vermittlerfunktion des Soziologen Émile Durkheim in der Folge der französischen Niederlage 1870/1871, das heißt in einer innerfranzösischen Standortdebatte und damit gewissermaßen unter der Perspektive des »Vom Gegner lernen«, wie sie Martin Aust und Daniel Schönpflug bereits erschlossen haben. Während den Grenzgänger Durkheim die Frage der Bewahrung der »sozialen Kohäsion« (106) und Entwicklung moderner Wissenschaft als »Produkt einer Kollektivleistung« (109) interessierte, legt der Blick auf seine zeitgenössische Rezeption auch Faktoren offen, die als Schranken der Aufnahme und exkludierend wirkten.
Mittels Textanalysen tauchen Stephanie Marchal und Niklas Bender tief in die Gedankenwelt des Kultur- und Kunstkritikers Julius Meier-Graefe beziehungsweise des Romanisten Ernst Robert Curtius ein und machen so den Aspekt der Orientierungswerte der Handelnden stark. Während Marchal anhand von Meier-Graefes Studie zu den Impressionisten (1907) das seltener untersuchte »wie?« (Rhetorik und Argumentationslinien) eines Kulturtransfers (114) in den Vordergrund stellt, pocht Bender unter Auswertung des bisher unbekannten Essays Elemente der Bildung (1933) von Curtius auf eine »sorgfältige Prüfung« (152) des »was?« (Prämissen und Konzepte) und der Frage: »für wen?«.
Hervé Bismuth liest den Bezug des Schriftstellers Louis Aragon zu Deutschland vor dem Hintergrund seiner Anhängerschaft an die kommunistische Partei. Dabei wird eindrücklich klar, wie sehr die Gewalterfahrung der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg – trotz aller nicht zu leugnenden Kulturtransfers auch zu dieser Zeit – als Bruch wirken konnte.
Der abschließende Beitrag von Martin Schieder zu Wols und Hans Hartung wirkt durch die Fokussierung auf das Exil beider Künstler wie ein Rückverweis auf vorangegangene Beiträge und gleichzeitig wie ein Ausblick. Welche Bedeutung haben freiwillige und erzwungene Migration für Kulturtransfers? Wann wird aus einem:r Grenzgänger:in ein:e Mittler:in?
Obwohl die ohnehin wohl schwer zu beantwortende Frage der »Leistungen« nicht eindeutig im Zentrum zu stehen scheint, sind alle Beiträge lesenswert, denn sie heben unterschiedliche Aspekte des Kulturtransfers hervor und geben damit Denkanstöße für mögliche Fragestellungen. Überzeugend ist die konsequente Akteurszentrierung als Beitrag zur empirischen Unterfütterung des Konzepts. Dass alle untersuchten Figuren aus intellektuellen Kreisen stammen – darunter nur eine Frau –, ist unbestreitbar. Die implizit im Band gestellte Frage nach angemessenen Begriffen bleibt für die Dynamik des Forschungsfeldes aktuell. Ob zur Annäherung an die Kulturtransferforschung, für die weitere Fachdiskussion oder aus Interesse an den verschiedenen Figuren – der Band wird bei Studierenden und Expert:innen Beachtung finden.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Julika Badstieber-Waldt, Rezension von/compte rendu de: Winfried Eckel, Gregor Wedekind (Hg.), Grenzgänger. Figuren des deutsch-französischen Kulturtransfers, Berlin, Boston (De Gruyter) 2024, XVI–192 S., 24 Abb. (Phoenix, 10), ISBN 978-3-11-132119-6, DOI 10.1515/9783111323442, EUR 49,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115140





