Zu welchem Zweck und Ende interviewt man eigentlich einen Diktator? Dies ist natürlich eine ketzerische Frage; erst recht, wenn sie der Journalist und streitbare Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister stellt. Denn er ist einer, der den Großen und Mächtigen in Politik und Showbizz – ebenso wie Berufskollegen und Historikern und Historikerinnen, wenn nötig, gerne mal auf die Füße tritt; eigentlich eine Grundkompetenz guten Journalismus! Seine Antwort hierauf sei gleich verraten: im Grunde hat es keinen Zweck – beziehungsweise so gut wie keinen. Denn fast immer geht es bei solchen Interviews nicht wirklich um Informationsgewinn. Eher möchte der Interviewte, der Diktator, zu seinem Publikum sprechen, um sich damit ins rechte Licht zu rücken. Oder der Interviewer selbst will, koste es, was es wolle, seine Trophäe, seinen journalistischen »Scoop« zur Schau stellen. Also wieder die alte Frage: Wer benutzt hier wen?

Mit seinem neuen Buch hat der mehrfach ausgezeichnete Autor, Filmregisseur und Filmproduzent, bis 2019 Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Berlin‑Charlottenburg, ein lang gehegtes Projekt zu Ende gebracht. Schon als junger Redakteur hatte Hachmeister erste Erfahrungen gesammelt im Hinblick auf die Lebens- und Arbeitssituationen von Auslandskorrespondenten in »unfreundlichen (das heißt autoritären) Umgebungen« (317).1 Hinzu kamen eigene Interview‑Erlebnisse mit hochkarätiger Prominenz aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die den späteren Kommunikationswissenschaftler dazu bewogen, sich mit Interviewstrategien in journalistischen Grenzsituationen näher zu befassen. Leider hat der Autor die Fertigstellung seines Werkes nicht mehr erlebt, denn Lutz Hachmeister verstarb völlig unerwartet im August 2024, kurz vor Vollendung seines 65. Geburtstages. Das Buch erschien posthum.

Als paradigmatisches Objekt der Begierde hat sich Hachmeister ausgerechnet den »am besten erforschten und am umfangreichsten interpretierten Staatslenker der Welt« (26), den selbst ernannten »Führer« der NSDAP, Adolf Hitler (1888–1945), ausgesucht. Das Ergebnis: Bis in die Mitte des Krieges gab Hitler einer Vielzahl von Auslandsjournalisten über hundert Interviews.2

Und diese im Einzelnen aufzufinden, ist gar nicht mal so leicht. Mit Blick auf die meist schwer zugänglichen Fundorte der Original‑Zeitungsartikel ist die Quellenlage nämlich oftmals kompliziert und disparat. Ein solches Buch konnte daher nicht ohne Hilfe von außen entstehen. Hinter dem Autor stand ein Team von Mitarbeitenden, welches die Korrespondenz mit den Archiven führte, die Interview-Quellen sowie Hintergrundinformationen zu den Interviewern recherchierte und aufbereitete, Originaltexte ins Deutsche übersetzte und der Resonanz von Artikeln vor und nach 1945 nachspürte.

Bei den Interviews lassen sich drei Zeitphasen klar voneinander trennen: der »Bavarian Mussolini« von 1920 bis zum Hitler‑Putsch 1923; dann von Herbst 1930 bis zum 30. Januar 1933: der umtriebige völkische Wahlkämpfer und politische Rivale um die Erlangung der Staatsmacht; schließlich ab 1933: Hitlers Zeit als deutscher Diktator und internationaler Staatsmann. Das letzte Interview fand am 23. Mai 1941 auf dem Berghof statt und wurde in der amerikanischen Life vom 9. Juni 1941 abgedruckt.

Im Grunde waren all diese Gespräche, so der Autor, stets mehr oder weniger kalkuliert. Es ging Hitler darum, sie für aktuelle taktisch-strategische Themensetzungen oder gar das Auftischen glatter Lügen, wenn dieses gerade nützlich schien, zu instrumentalisieren. Diesen Befund belegt allein die Tatsache, dass rund 80 % der Interviews mit Gesprächspartnern westlicher oder befreundeter Staaten geführt wurden.3 Ihrer bedurfte Hitler immer dann, wenn er seine Botschaften unter die Leute bringen wollte. Erinnert sei etwa an die vielen »Friedensbeteuerungen« Hitlers nach 1933.

Im Fokus stand also stets der »propagandistische Mehrwert«, der auch vom NS-Führer persönlich erkannt und wertgeschätzt wurde – ungeachtet aller Abneigung Hitlers gegen unabhängige Journalisten, in denen er lediglich »vom Weltjudentum gesteuerte« publizistische »Abgesandte demokratisch-medienkapitalistischer Unternehmen« (8) erblickte. Wie alle Diktatoren achtete auch der »Kontrollfetischist« Hitler bei den Interviews auf gründliche Vorbereitung und vorab einzureichende Fragen, gab die Linie des Interviews vor und bestand auf eine letzte Autorisierung des Textes.

Offene Gespräche mit Auslandskorrespondenten galten ohnehin nicht als zielführend (und waren nach 1933 auch objektiv nicht mehr gegeben). Darin waren sich auch Hitlers Medienberater, denen der Autor ein ganzes Kapitel widmet, von Beginn an einig, so der seit 1922/1923 als erster »Auslandspresse-Beauftragter« der NSDAP fungierende Ernst »Putzi« Hanfstaengl (1887‑1975), Propagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) mit seinem »Abteilungsleiter Auslandspresse« Karl »Charlie« Bömer (1900‑1942) und Otto Dietrich (1897–1952), Hitlers persönlicher Pressereferent und seit 1931 »Reichspressechef«.

Vor allem der großbürgerliche und polyglotte Harvard-Absolvent Hanfstaengl, der Hitler durch seine privaten Verbindungen zum angloamerikanischen Raum zahlreiche Interview-Kontakte vermittelte, spielte in der Anfangszeit der NSDAP eine zentrale Rolle. Er war es auch, der zur Aufbesserung der ewig klammen NSDAP-Parteikasse vor 1933 peinlichst auf die Zahlung von Honoraren pochte, was den »Führer«, so Hachmeister, gelegentlich heftigst erzürnte. Später wurde Hanfstaengl, der sich nach 1945 gerne als »harmloser, eben putziger Zeitgenosse« und »bayerisch‑amerikanischer Gentleman« (65) gebärdete, Hitler lästig und zur Flucht ins Ausland gezwungen.4

Eine zentrale These von Hachmeisters Buch ist, dass, egal mit wem und worüber Hitler sprach, also unabhängig vom jeweiligen »kommunikativen Setting«, seine Art der Gesprächsführung im Grunde immer gleich war. Dies lag einmal daran, dass sich das »demagogische Redetalent« in seinem »Redekatarakt«, so bereits die Charakterisierung bei Hitlers erstem Biografen Rudolf Olden 1935,5 nur ungern unterbrechen ließ. Viel lieber pflegte Hitler den Reportern die ideologischen Kernpunkte des NS‑Parteiprogrammes in immer gleicher Art und Weise staccatoartig ins Notizbuch zu diktieren. Beschämend für uns heute übrigens ist, dass selbst bei den frühen Interviews Hitler niemals ein Blatt vor den Mund nahm, vielmehr freimütig und ausführlich seine Vernichtungsprogrammatik zu erläutern bereit war.

»Mangels jeglicher philosophischer Grundbildung unfähig zu Selbstironie und dialektischem Denken«, hatte der propagandistische Redner-Messias auch gar keinen Sinn für dialogische Formen von Gesprächen mit Reportern (15). Bezeichnend hierfür etwa ist die Reaktion des Hearst‑Journalisten Karl von Wiegand (1874–1961), der Hitler sonst als »magnetisierenden Redner und Organisationsgenie [sic!]« schätzte,6 nach einem seiner späteren Gespräche mit dem NS‑Führer: »Es wird jedes Mal schlimmer, wenn ich ihn sehe. Ich habe nichts aus ihm herausbekommen. Wenn Du ihm eine Frage stellst, hält er eine Rede.«

Hier, so ist zu konstatieren, rechnet der Medienexperte Hachmeister mit der Medienbiografie Hitlers ab. Indem er die »letztlich rein situativen Varianten […] der immer gleichen, sterilen Überredungskommunikation« (15) in den Interviews herausarbeitet, stutzt er dem »Führer« gewaltig die Flügel, entlarvt ihn als populistischen Gelegenheits-Faseler.

Warum war Hitler dennoch so erfolgreich? Hier bringt der Autor einen weiteren zentralen Punkt ins Spiel, der auf die Kommunikationskultur im heraufziehenden Massenzeitalter des beginnenden 20. Jahrhunderts verweist. »Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr; wer sie aufzuklären versucht, stets ihr Opfer.« Diese Sätze, die aus einem aktuellen Lehrbuch für Populisten und Verschwörungstheoretiker stammen könnten, formulierte Gustave Le Bon (1841–1931), der Begründer der Massenpsychologie, schon im Jahre 1895.7 Selbst wenn Hitler dessen Werke vermutlich niemals studiert hat, bewusst oder intuitiv hatte er verstanden, dass modernes Polit-Marketing, »Massenpsychologie« und Propaganda miteinander einhergehen; eine Erkenntnis, die seinen Sprachduktus lebenslang prägte – und einengte.

Im Gegensatz zu Hitler waren seine Interviewer fast immer schlecht vorbereitet und ließen den »sperrigen Gesprächspartner« zwecks schneller Schlagzeilengewinnung einfach reden. Dies mag exemplarisch der Fall des französischen Korrespondenten und späteren Polit-Philosophen Bertrand de Jouvenel (1903‑1987) verdeutlichen, der als Paradebeispiel eines politischen »Grenzgängers« des 20. Jahrhunderts gelten kann. In den 1920er- und dann wieder ab den 1950er-Jahren ein radikaler Sozialist bzw. Liberaler, gehörte er zwischen 1936 und 1939 Jacques Doriots (1898–1945) faschistischem Parti populaire français (PPF) an. Zeitweise fungierte er auch als Chefredakteur von dessen Parteizeitung L’Émancipation nationale. Zudem war er ein persönlicher Freund des frankophilen späteren NS-Botschafters in Paris, Otto Abetz (1903–1958).

In Kooperation mit ihm interviewte de Jouvenel den »Führer« am 21. Februar 1936. In dem Gespräch, das eine Woche später in Paris‑Midi erschien, ging es um das Verhältnis Hitler-Deutschlands zu Frankreich. Kurz vor dem geplanten Einmarsch der Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland Anfang März 1936, von dem de Jouvenel nichts ahnen konnte, war es für Hitler ein zentrales Anliegen, die französische Öffentlichkeit für seine Außenpolitik einzunehmen. Indem der nationalistisch sicher affine, sonst aber arglose de Jouvenel in seinem Interview Hitler eine breite Bühne gab und für dessen »friedliebende Absichten« geradezu warb, trug auch er zur Verharmlosung des NS-Regimes und seiner verbrecherischen Politik bei; eine Haltung, die ihm noch lange nach 1945 heftig angekreidet wurde.

Hachmeisters Studie über Hitlers Interviews, dies bleibt festzuhalten, ist ein ebenso gut recherchiertes wie unterhaltsam geschriebenes, kurzweiliges Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen mag; schon wegen der vielen spannenden Details, die der Autor stets mit Charme und Witz zu präsentieren versteht: etwa bezüglich der internen redaktionellen Entscheidungsabläufe oder der schillernden Lebensschicksale der Interviewer-Persönlichkeiten.

Und es ist darüber hinaus ein wichtiges Buch, dessen Botschaft, gerade angesichts des wachsenden Populismus heute, eindeutig und klar ist: Mit aller Schärfe kritisiert der Autor die Medienhäuser in demokratischen Staaten, wenn sie nach wie vor auf kurzfristige Nachrichtenwerte und »Scoops« setzen. Auf diese Weise werden negative Propagandaeffekte in Kauf genommen, die allein dem Tyrannen zum Vorteil gereichen und den Interviewer letztlich zu dessen »nützlichem Idioten« stempeln; eine Rolle, derer sich Journalisten wahrlich enthalten sollten. Aktuelle Beispiele für dieses schädliche Verhalten liefert der Autor zuhauf in seinem großartigen Schlusskapitel.

Schade, dass Lutz Hachmeisters kritische Stimme so früh für immer verstummt ist und an dieser wichtigen Aufklärungsarbeit nicht weiter teilhaben kann.

1 Dazu jetzt die Habilitationsschrift von Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikanischen Auslandskorrespondenten im »Dritten Reich«, Göttingen 2021.
2 Das chronologische Verzeichnis der bisher nachweisbaren Interviews im Anhang umfasst 107 Titel, jeweils mit Erscheinungsdatum des Interviews beziehungsweise Datum des Gesprächs. Sind die jeweiligen näheren Umstände heute nicht mehr ermittelbar, ist dies entsprechend gekennzeichnet; nicht aufgenommen wurden offenkundige Fake‑Interviews.
3 Darunter allein 60 mit angloamerikanischen, 17 mit italienischen und acht mit französischen Journalisten.
4 Dazu seine bei Piper erschienenen Erinnerungen: Ernst Hanfstaengl, Zwischen Weißem und Braunem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters, München 1970 (amerik.: Philadelphia, New York 1957).
5 Vgl. Rudolf Olden, Hitler, mit einem Vorwort von Werner Berthold, Frankfurt am Main 1984 (zuerst: Amsterdam 1935).
6 Karl von Wiegand, der im November 1922 das erste Interview mit Hitler überhaupt führte, galt vor 1950 als der führende US-Auslandskorrespondent; vgl. Andrew Nagorski, Hitlerland. American Eyewitnesses to the Nazi Rise to Power, New York u. a. 2012, 22.
7 Dazu die deutsche Ausgabe seines Standardwerkes: Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Stuttgart 22017.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Hubert Roser, Rezension von/compte rendu de: Lutz Hachmeister, Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten, Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2024, 384 S., 24 Abb., ISBN 978-3-462-00240-9, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115145