In dem 1931 erschienenen Artikel »Berlin als Modestadt« konstatiert die Modejournalistin Elsa Herzog, dass Berlin »seit den siebziger Jahren der Sitz der gewaltigen Konfektionsindustrie [ist], deren Ausfuhr schon vor dem Kriege viele Millionen betrug«.1 Der Artikel weist nicht nur auf Berlins führende Rolle als Hauptstadt der Konfektionsmode in Deutschland hin, sondern auch auf die internationale Bedeutung der Berliner Textilindustrie am Export von Damenkonfektion Ende des 19. Jahrhunderts.
Rund 50 Zeitschriften und Fachblätter sorgten bereits um 1900 für die Verbreitung aktueller Modelle. Das Berliner Modegeschehen inspirierte Zeitgenoss:innen wie den Soziologen und Ökonomen Werner Sombart zu Abhandlungen wie Wirtschaft und Mode (1902) oder den Philosophen Georg Simmel zu seiner Philosophie der Mode (1905). Keine Frage: Berlin war Mode. Seit den 1960er-Jahren sind erste historische Studien über Berlin als Modemetropole entstanden, etwa Brunhilde Dähns Berlin Hausvogteiplatz (1968) oder Uwe Westphals Konfektion und Mode (1986). Ab den 1990er-Jahren verantwortete die Modehistorikerin Christine Waidenschlager Ausstellungen zur Berliner Modegeschichte, beispielsweise unter dem Titel Berliner Chic (2001). Einen sozialgeschichtlichen Blick auf Frauenarbeit in der Textilindustrie im 19. Jahrhundert bieten Karin Hausens Zur Sozialgeschichte der Nähmaschine (1978) sowie Rosemarie Beiers Heimarbeiterinnen in der Berliner Bekleidungsindustrie (1983). In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Forschungsfeld ausdifferenziert. Neben Gesa Kessemeiers Studie Modehaus Herrmann Gerson (2013, 2016) sowie ihr jüngst erschienenes Standardwerk Modestadt Berlin: Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836–1936 (2025) oder Gudrun M. Königs Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900 (2009) entstanden wichtige wirtschaftshistorische Arbeiten zur deutschen Bekleidungsindustrie, etwa Mark Spoerers Studie zum Familienunternehmen C&A (2016) sowie Julia Schnaus Dissertation Kleidung zieht jeden an (2017).
Während die Geschichte der Berliner Konfektion in der deutschsprachigen Forschung einen festen Platz hat, gibt es im internationalen Bereich wenige Studien, die sich mit Berlin als Hauptstadt der Konfektionsmode im 19. und frühen 20. Jahrhundert beschäftigen. Zuletzt konstatierten Maude Bass‑Krueger und Sophie Kurkdjian vom Seminar »Histoire et Mode« 2016 im Rahmen der mit Adelheid Rasche von der Lipperheidischen Kostümbibliothek in Berlin organisierten Studientage »Échanges franco-allemands dans la mode« ein Ungleichgewicht zwischen der intensiven Auseinandersetzung mit französischer Mode in der deutschsprachigen Forschung und der marginalen Auseinandersetzung mit deutscher Mode in der französischen Forschung.
Die skizzierte Ausdifferenzierung bildet den Hintergrund für Philipp Jonkes Monografie La mode en série à Berlin (1880‑1914): Production, distribution, société. Es handelt sich um die Überarbeitung seiner Dissertation, die 2020 an der ENS de Lyon abgeschlossen und 2021 von der AGES (Association des germanistes de l’enseignement supérieur) mit dem Prix Pierre‑Grappin ausgezeichnet wurde. Fachlich betreut hat die Studie die Germanistin Anne Lagny, Expertin für German Studies mit Fokus in der Kultur- und Ideengeschichte. Jonke arbeitet seit 2022 als Maître de conférences an der Université Bourgogne Europe mit Schwerpunkt in der vestimentären und materiellen Kultur in Deutschland im 19. Jahrhundert. Für die 2025 in der Reihe Modes et apparences des Presses universitaires du Septentrion erschienene Publikation hat Jonke die 650-seitige Dissertation umfassend überarbeitet, um – neben dem Fachpublikum – ein breites modehistorisch interessiertes Publikum anzusprechen und die Geschichte der Berliner Konfektion in die französischsprachige Modeforschung einzuführen.
Der Ausgangspunkt von Jonkes Forschung liegt im Aufschwung zweier bedeutender Phänomene: der Konsolidierung der Konfektionsindustrie und der Etablierung von Mode(kauf)häusern. Im Modesystem sind die drei – im Untertitel genannten – inhaltlichen Schwerpunkte production, distribution und société örtlich und zeitlich eng verknüpft. Der Analyse des Dreiklangs nimmt sich Jonke an. Der zeitliche Fokus liegt auf der wilhelminischen Epoche und endet mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Anhand eines umfangreichen Quellenkorpus nähert sich Jonke dem komplexen Beziehungsgefüge von Produktion und Distribution im Berliner Modesystem und entwickelt seine Argumentationswege an historischen Quellen wie den illustrierten Zeitschriften Der Bazar, Die Dame und Die praktische Berlinerin sowie dem Fachblatt Der Konfektionär.
Die Studie umfasst fünf Kapitel. Das Namensregister und das Verzeichnis der Berliner Konfektionäre im Anhang machen die Arbeit zu einem nützlichen Nachschlagewerk. Das erste Kapitel widmet sich den Anfängen der Berliner Konfektionsindustrie, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Mode- und Manufakturwarenhandel entwickelte. Mit Entstehen erster Konfektionshäuser rund um den Werderschen Markt und den Hausvogteiplatz konstituierte sich allmählich ein eigenes Konfektionsviertel. Zu den ersten Berliner Konfektionären gehören Herrmann Gerson, Valentin Manheimer und David Levin. Seit den 1840er-Jahren entwarfen sie nach Pariser Vorbildern tragbare Modelle, die sie in standardisierten Größen fertigen ließen. Die Produktion war über ein Verlagswesen organisiert. Ein Zwischenmeister verteilte die Arbeit auf selbstständige Schneiderinnen, die in Heimarbeit oder in Nähstuben in Berlin und Umgebung die Stücke fertigten; sie gingen anschließend zurück an den Konfektionär, der sie präsentierte und verkaufte.
Im zweiten Kapitel rückt der Fokus auf die Distributionsstrategien der Konfektionäre. Das Wachstum der Bekleidungsindustrie wird auch zunehmend im Stadtbild sichtbar: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Umgebung um den Werderschen Markt und Hausvogteiplatz zum Zentrum des Mode- und Textilgroßhandels, wo Fachpublikum empfangen und Ware geordert wurde. Rund um Werderschen Markt und Leipziger Straße entstanden imposante Warenhäuser wie A. Wertheim und Hermann Tietz, die das kaufende Publikum anzogen. Im dritten Kapitel analysiert Jonke Inszenierungsstrategien exemplarischer Kaufhäuser wie Rudolph Hertzog, A. Wertheim, Kersten & Tuteur und Herrmann Tietz. Zu den verkaufsfördernden Maßnahmen gehörten Reklame in der Modepresse, die Etablierung von Modenschauen sowie der Bau monumentaler Kaufhäuser mit großen Schaufenstern und exklusiver Inneneinrichtung.
Im vierten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Frage nach der gesellschaftlichen Teilhabe am Modegeschehen und der Nichtteilhabe daran. Die Auszeichnung Hoflieferant, die Konfektionäre wie Gerson stolz präsentieren, zeigt, dass Hof und Adel in der Anfangszeit eine Sonderstellung im Berliner Modesystem einnahmen. Wie Shopping zu einer sozialen wie kulturellen Praxis der Mittelschicht wird, thematisiert das fünfte Kapitel. Ob Berichterstattung über gesellschaftliche Anlässe wie zum Beispiel Pferderennen, zu denen Berliner Modelle ausgeführt wurden, oder die von Gerson offerierten Modelle in unterschiedlicher Stoffqualität, waren Maßnahmen, um eine breitere Käuferschaft zu gewinnen.
Die Monografie von Jonke ist für Leser:innen, die sich für Mode- und Konsumgeschichte des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessieren, sehr instruktiv. Das Fachpublikum wird sich vermutlich zu einigen zentralen Aspekten detailliertere Darstellungen wünschen, die Jonke jedoch zugunsten eines einführenden Überblicks nicht in die Publikation aufnehmen konnte. Jonke verweist auf zahlreiche Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungen wie etwa das Geschlechterverhältnis in der Bekleidungsindustrie, das jüdische Leben im Berliner Konfektionsviertel oder Vergleiche mit anderen Modemetropolen. Jonke gelingt es, anhand historischer Quellen Entwicklungen und Charakteristika der Berliner Konfektion darzustellen und einen breiten Überblick über die Geschichte der Berliner Konfektionsindustrie zu geben.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Nathalie Dimic, Rezension von/compte rendu de: Philipp Jonke, La mode en série à Berlin (1880–1914). Production, distribution, société, Villeneuve-d’Ascq (Presses universitaires du Septentrion) 2025, 226 p. (Modes et apparences), ISBN 978-2-7574-4276-0, EUR 20,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115149





