Annekathrin S. Kriegers Globales Wissen im Kaiserreich untersucht die Wissensproduktion über Menschenaffen, insbesondere Gorillas, im Deutschen Kaiserreich um 1900. In einem mikrohistorischen Zugriff auf das Nachleben dieser Tiere als museale Präparate stellt Krieger den lange vertretenen Anspruch naturhistorischer Objektivität grundlegend infrage. Dabei kann sie überzeugend nachzeichnen, dass »die stetige Auseinandersetzung Europas mit den Tieren« in erster Linie eine Auseinandersetzung »mit sich selbst« war, und zwar durch »das Einschreiben menschlicher Beziehungen, Geschichten, kultureller Vorstellungen und europäischer Verhaltenskodexe auf den Tierkörper« (353).

Für die Studie, die auf ihrer 2023 an der Universität Göttingen eingereichten Dissertation basiert, hat Krieger eine außerordentlich umfangreiche und sorgfältige Archivrecherche in Deutschland und Kamerun durchgeführt. Die Breite des herangezogenen Quellenmaterials ist beeindruckend: Ausgehend von den präparierten Tierobjekten selbst wertet sie eine Vielzahl schriftlicher Quellen aus, darunter unveröffentlichte Korrespondenzen und Dokumentationen ebenso wie Zeitungsartikel und zoologische Fachpublikationen. Besonders hervorzuheben ist zudem das reichhaltige visuelle Material, das sie erschließen konnte. Verortet im Kontext des Material, Spatial und Animal Turn und mit einem Fokus auf das Museum als Ort von Interaktion und Aushandlung, zeigt Krieger eine sichere Kenntnis der überwiegend deutsch- und englischsprachigen Forschung zu Museums-, Zoo- und Wissenschaftsgeschichte. Dabei schließt ihre Untersuchung toter Gorillas in deutschen Museen eine Forschungslücke, da sich bisherige Studien vor allem auf lebende Affen in Zoos sowie auf deren Repräsentationen in Literatur, Film und anderen kulturellen Produkten konzentriert haben.

Globales Wissen im Kaiserreich ist chronologisch aufgebaut und verfolgt durchgehend drei zentrale Erkenntnisinteressen: Erstens fragt Krieger nach den historischen Akteurinnen und Akteuren, die an Sammlung, Präparation und Präsentation der Gorillas beteiligt waren, zweitens nach den konkreten Techniken und Praktiken der Präparation sowie deren Darstellungsweisen und drittens nach dem (wissenschaftlichen) Wissen, das durch diese Akteure und Praktiken für und mit der deutschen Öffentlichkeit erzeugt wurde. Diese Dimensionen behandelt sie durchgehend souverän und zeigt, wie Wissen über Gorillas in komplexen Konstellationen entstand: im Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure, Konservierungs-, Präsentations- und Visualisierungstechniken, zwischen wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen und künstlerischen Ambitionen sowie unter Berücksichtigung öffentlicher Erwartungen.

Nach der Einleitung (Kapitel 1) bietet Krieger in Kapitel 2 eine knappe ideengeschichtliche Vorgeschichte europäischer Vorstellungen und Wissensbestände über Menschenaffen. Sie zeigt, wie die Debatten über Menschenaffen durch die Linse der darwinschen Evolutionstheorie gerahmt wurden und wie diese Tiere zu symbolischen »Übergangswesen« (63) avancierten, die Figuren wie Ernst Haeckel dazu nutzten, um visuelle Hierarchien zu entwerfen, in denen europäische Menschen an der Spitze standen, während afrikanische Menschen in einer niedrigeren Kategorie im Tierreich verortet wurden.

Kapitel 3 widmet sich der europäischen Aneignung des Gorillas nach 1850 und dem anfänglichen Mangel an Exemplaren in deutschen Museen. Anhand einer Fallstudie zu den ersten Gorilla‑Präparationen in Lübeck arbeitet Krieger die technischen und darstellerischen Herausforderungen heraus, »das Unbekannte [zu] präparieren« (77). Das Fehlen eigener Erfahrungen mit lebenden Gorillas in ihren natürlichen Lebensräumen führte dazu, dass Wissenschaftler und Präparatoren diese Leerstellen mit Imaginationen und Stereotypen füllten. Diese Bilder speisten sich häufig aus sensationsorientierten Jagdberichten früher »Gorillajäger« wie Paul Belloni Du Chaillu und betonten aggressive Körperhaltungen und gefletschte Zähne. Nicht selten wurden Gorillas in musealen Arrangements als Gruppe aus dominantem Männchen, Weibchen und Jungtier präsentiert, die dem kleinbürgerlichen europäischen Familienideal entsprach. Krieger deutet dies als anthropomorphe Projektion, die das Tier zugleich anschlussfähig und dem »zivilisierten« europäischen Betrachter hierarchisch unterlegen machte.

Die zwei letzten ausführlichen Kapitel bilden das Kernstück der Studie. Kapitel 4 untersucht den Aufstieg zoologischer Gärten seit den 1860er-Jahren als »lebendige Museen« im Kontext deutscher Bestrebungen, wissenschaftliches Wissen zu popularisieren und zu demokratisieren. Thematisiert wird unter anderem das »Gorillafieber« der 1870er-Jahre sowie prominente Einzelfälle wie die Dresdner Schimpansin Mafuka, deren Artzugehörigkeit einen erheblichen wissenschaftlichen Streit auslöste. Zudem analysiert Krieger Fotografien und Skizzen lebender junger Gorillas in Zoos, etwa von M’Pungu im Berliner Aquarium, um zu zeigen, wie Forschende versuchten, das Verhalten der Tiere zu studieren. Zugleich macht sie deutlich, dass selbst diese vermeintlich objektiven Studien häufig von rassistischen Gegenüberstellungen zwischen den Menschenaffen und ihren afrikanischen Tierpflegern geprägt waren.

Mit Kapitel 5 wendet sich das Buch explizit dem kolonialen Kontext der Tierbeschaffung für das Berliner Naturkundemuseum zu. Hier kann Krieger den afrikanischen Akteuren des Sammelns und der lokalen Wissensgeneration erstmals mehr Raum geben. Zugleich zeigt sie, dass wissenschaftliches Wissen über afrikanische Fauna untrennbar mit kolonialen Machtstrukturen verbunden war. Diese bestimmten, welche Tiere nach Europa gelangten und wie sie interpretiert wurden, und blendeten die Biografien und Herkunftskontexte der vor Ort Tätigen sowie der Tiere häufig aus. Krieger analysiert zudem die Rolle kolonialer Fotografie, etwa Aufnahmen erlegter Gorillas in Kamerun, in denen neben den Tieren oft europäische und afrikanische Jäger oder Soldaten zu sehen waren, um Größenverhältnisse und Dominanz zu visualisieren. Diese Fotografien fungierten als visuelle Belege des kolonialen Extraktionsprozesses und dokumentierten den Übergang des Gorillas vom wilden afrikanischen Tier zum wissenschaftlichen Objekt im Berliner Museum. Schließlich zeigt Krieger, dass sich um 1900 die Präparation von einer handwerklichen Praxis des »Ausstopfens« zu einer Kunstform entwickelte. Neue Techniken ermöglichten eine anatomische Modellierung, bei der Muskelspannung und Bewegung dargestellt wurden. Obwohl diese Präparate als »naturgetreu« beworben wurden, handelte es sich um künstlerische Kompositionen, die Vitalität und eine spezifische Naturvorstellung vermitteln sollten und damit die Rolle des Museums als objektive Autorität festigten. Tatsächlich waren diese Praktiken soziale und kulturelle Akte, die biologische Überreste in materielle Wahrheiten verwandelten und den kolonialen wie wissenschaftlichen Interessen des Kaiserreichs dienten.

Globales Wissen im Kaiserreich bietet eine äußerst anregende und gewinnbringende Lektüre. Die ursprüngliche Form als Dissertation macht sich stellenweise in Wiederholungen bemerkbar – ein Manko, das durch eine aufmerksamere redaktionelle Begleitung hätte behoben werden können. Dies schmälert jedoch nicht den hohen historiografischen Wert der Studie. Krieger hat durch ihre akribische historische Nachzeichnung der frühen Primatenforschung, der naturkundlichen Museumskultur und Taxidermiepraxis eine Arbeit geliefert, die Potenzial hat, ein Referenzwerk zu werden.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Marie Muschalek, Rezension von/compte rendu de: Annekathrin S. Krieger, Globales Wissen im Kaiserreich. Wie der Gorilla ins Naturkundemuseum kam, Bielefeld (transcript) 2024, 402 S. (Wissenschafts- und Technikgeschichte, 8), ISBN 978-3-8376-7439-2, EUR 50,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115150