Wer den Nationalsozialismus verstehen will, muss Hitler lesen. Nur so lässt sich die Verbindung erkennen zwischen dem, was die Nazis vor 1933 ankündigten, und dem, was sie zwischen 1933 und 1945 mit aller Gewalt umzusetzen suchten. Auch hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung von Mein Kampf gilt es, an diese Einsicht zu erinnern. Entsprechend hoch war das internationale Interesse, als am 8. Januar 2016 im Münchner Institut für Zeitgeschichte die kritische Edition von Hitlers Mein Kampf vorgestellt wurde. 70 Jahre nach dem Tod des Autors und damit dem Erlöschen des Urheberrechts sollte die kommentierte Ausgabe ebenso das erwartbar große Interesse am historischen Text bedienen wie der Notwendigkeit forschungsbasierter Aufklärung begegnen. Es galt, den Markt der Neugier selbstbewusst zu besetzen und mit wissenschaftlich fundierten Fakten zu füllen.
Soweit sich diese Absichten in Zahlen messen lassen, ist dies für die deutschsprachige Welt gelungen: Zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen liegt die kritische Ausgabe inzwischen in der fünfzehnten Auflage vor, mehr als 112 000 Exemplare wurden verkauft und die kostenlos weltweit zugängliche digitale Fassung wurde bislang rund 200 000 Mal aufgerufen.1
Wer seinerzeit annahm, dass die internationale Neugier bald in fremdsprachige Ausgaben ähnlicher Provenienz münden würde, muss konstatieren: Auch nach zehn Jahren ist davon nichts zu sehen. Weiterhin werden im englischsprachigen Raum die Übersetzungen aus den 1930er-Jahren ohne das verfügbare Forschungswissen verbreitet. Der Grund ist offensichtlich: Verleger scheuen die finanzielle Vorlage einer komplexen Neuedition, die Kosten der notwendigen Übersetzung sowie den Aufwand der wissenschaftlichen Betreuung. Die angelsächsische Welt kauft Hitlers Buch auch ohne Aufklärung und informierende Kommentare. Die italienische Ausgabe von Alessandra Cambatzu und Vincenzo Pinto aus dem Jahr 2017 verzichtet darauf, den in der kritischen Edition bereitgestellten Wissensfundus angemessen mitzuliefern. Und die polnische Übersetzung von Eugeniusz Cezary Król aus dem Jahr 2021 ist das bemerkenswerte Produkt eines Einzelkämpfers, der den Forschungsstand zumindest halbwegs adaptiert hat.
Es ist einzig die französischsprachige Version, die 2022 unter dem Titel Historiciser le mal. Une édition critique de Mein Kampf erschien, die bislang als ebenbürtiges Referenzwerk gelten kann, das in Umfang und Umsetzung die Möglichkeiten wissenschaftlicher Gründlichkeit, forschungsanalytischer Präzision und sprachlichen Transfers auszuschöpfen vermag.
Das Verdienst für diese Leistung gebührt dem Herausgeber‑Forscherteam unter der wissenschaftlichen Leitung von Florent Brayard und dem Übersetzer Olivier Mannoni. Letzterer hat seine Erfahrungen mit dem Text, verbunden mit dem Schicksalsweg der französischen Ausgabe vor einigen Jahren in seiner Muttersprache publiziert. Nun liegt dieser Reminiszenz- und Reflexionstext in deutscher Übersetzung vor. Die Lektüre des schmalen Bandes lohnt auf mehrfache Weise.
Zum einen beschreibt Mannoni gleichermaßen anschaulich wie dezent die innerfranzösischen Debatten um die Frage, ob Hitlers Text überhaupt eine neue Ausgabe verdiene. Zum anderen präsentiert Mannoni in seinen Beschreibungen des eigenen Ringens mit dem Text die Bürde einer solchen Aufgabe, die selbst einen überaus erfahrenen und zu Recht viel gelobten Übersetzer immer neu herausforderte.
»Mein Kampf muss ein Gegenstand der Klärung und Geschichte werden. Das ist das einzige Mittel, die faszinierende, zerstörerische Ausstrahlung, die noch immer von dem Buch ausgeht, zu entschärfen«, zitiert Mannoni treffend ein Autorenkollektiv, das diese Forderung bereits am 6. Oktober 2011 in Le Monde vorbrachte (52). Im selben Jahr entschied sich der Verlag Fayard zu einer kritischen Ausgabe und beauftrage Mannoni mit der Übersetzung. Ihm war klar, er würde »kein Buch übersetzen, sondern ein Symbol«; »Hitlers Kriegshetze und Expansionismus sprachen aus jeder Zeile« (12–13).
Das Symbolwerk Mein Kampf geriet, als Mannoni seine Übersetzung schon abgeschlossen hatte, in das Räderwerk von Querelen zwischen dem Verlag und verschiedenen Historikern (diese nachzuerzählen ist hier nicht der Ort, Details finden sich im Buch). Im Ergebnis bildete sich im Umfeld der Veröffentlichungsvorbereitungen zur deutschen Ausgabe seit 2015 ein neues Team unter der Leitung von Brayard. Und Mannoni übersetzte mit einem bewusst gewandelten, frischen Blick von neuem. »Der Berg an Schwierigkeiten, den ich ein zweites Mal zu bewältigen haben würde, stand mir sofort vor Augen. […] Waren es die präzisen Vorstellungen von Florent Brayard oder das solide wissenschaftliche und verlegerische Projekt, das mir diesmal konkret vor Augen geführt wurde? Eines ist sicher: Fünfzehn Sekunden später nahm ich zu meiner eigenen Verblüffung die Herausforderung an. Am darauffolgenden Tag griff ich zu meiner Grubenlampe, um in den fauligen Stollen von Mein Kampf hinabzusteigen. Meine Durchquerung der düsteren Gräben sollte weitere vier Jahre dauern« (37–39).
Man spürt durchweg Mannonis literarische Prägung in den bildhaften Schilderungen des Wechselbades, das diese Aufgabe bedeutete. Eine komplexe, anstrengende Auseinandersetzung: mit dem abstoßenden Inhalt, dem irritierenden, redundanten, bisweilen dümmlichen, aber stets missionarisch vorgetragenen ideologischen Stil. Entsprechend betont Mannoni, dass man die besonderen Elemente der NS-Sprache »in seinem Habitus als Übersetzer verinnerlicht haben [muss], um nicht in die Falle der Nazitexte zu tappen. Nein: Hitler, Goebbels, Himmler, Rosenberg et. al. zu übersetzen, bedeutet nicht, aus dem Deutschen zu übersetzen. Es ist vielmehr die Übersetzung aus einer Sprache, die für einen und von einem mörderischen Totalitarismus geprägt wurde« (88).
Die Vielschichtigkeit der Übersetzungsproblematik zu illustrieren ist ein Hauptanliegen Mannonis: Er zeigt, wie die Nazis die Sprache in ihrem Sinne verfälschten, die Begriffe neu belegten, ihren Absichten und Taten eigene, der Irreführung und Täuschung dienende Bedeutungen gaben. Der Nazi-Täuschungs-Schwulst erfordert eine doppelte Übersetzung: Die Wörter müssen aus dem Nazi-Jargon in ihrer eigentlichen Bedeutung sichtbar gemacht und dann in dieser Sichtbarkeit in eine andere Sprache übertragen werden.
Auch die Resonanz und vor allem die Kritik in Teilen der französischen Öffentlichkeit schildert er als fortwährenden Begleitsound. Laute Opponenten, die sich, wie in Deutschland und andernorts, im Kleinreden zentraler Quellen und der Bedeutung historischer Texte mit dem Habitus moralischer Überheblichkeit zu profilieren suchten. Mannoni lässt die Argumente und Kontroversen, aber auch die mitschwingenden Gefühle anschaulich Revue passieren. Sein Band ist mithin zugleich persönliche Erinnerungsreflexion und ein anschaulicher Beitrag zur historiografischen Diskussion, der die Bedeutung des ernsthaften Umgangs mit zentralen Quellen für die Gegenwart erfrischend vor Augen führt.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Magnus Brechtken, Rezension von/compte rendu de: Olivier Mannoni, Hitler übersetzen. Über die Sprache des Faschismus und ihre unheilvolle Wirkmacht. Aus dem Französischen von Nicola Denis, Hamburg (Harper Collins) 2025, gebunden, 144 S., ISBN 978-3-365-00815-7, 22,00 EUR., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115153





