Guillaume Pikettys Sammelband bringt wichtige Beiträge zur Polemologie, wie Gaston Bothoul die Kriegswissenschaft nannte. Die einzelnen Kapitel sind so verschieden wie die hier untersuchten Kriege und deren historische Kontexte, mit höchst unterschiedlichen Quellenlagen, geografischen Charakteristika, Kriegsgründen, Kriegsparteien, Technologien und quantitativen Folgen sowie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen. Der Herausgeber hat sich dagegen entschieden, für die Analyse aller behandelten Konflikte ein gemeinsames Interpretationsmuster vorzugeben. Das Vorgehen hat durchaus Vorteile, wie das Resultat zeigt, da es den jeweiligen Kriegen in ihrem zeitgenössischen kulturellen Umfeld, der mentalité der Epoche, gerechter wird.

Nicolas Le Roux’ Kapitel über die Konfessionskriege Europas bespricht unter anderem konkrete Friedensverträge. Es hatte zwar in Europa schon zwei oder drei Versuche gegeben, Kriege mehrerer monarchischer Staaten gegeneinander mit multilateralen Friedensverträgen zu beenden – etwa die Friedenskongresse von Arras 1445, Lodi 1454 und Stettin 1570. In fast allen anderen Fällen wurden Verträge dagegen bilateral geschlossen. Der Abschluss der Konfessionskriege war dagegen komplexer, wenn etwa katholische Schweizer Kantone gegen das calvinistische Zürich kämpften und dann Frieden schlossen. Protestantische Fürsten des Heiligen Römischen Reiches bildeten den Schmalkaldischen Bund zusammen mit freien Reichsstädten, um gegen katholische Fürsten, hinter denen der Kaiser stand, zu kämpfen; der Friedensschluss in Nürnberg 1532 wich deshalb ebenso von den zwischenstaatlichen Lösungen von Konflikten ab und wurde daher »Nürnberger Anstand« genannt. Wo sich in Frankreich und im Heiligen Römischen Reich einzelne Fürsten oder Städte gegen die Krone erhoben hatten, nahm das Ende auch sehr persönliche Formen an – mit persönlichem Kniefall vor dem Monarchen, mit der Festnahme und gegebenenfalls Hinrichtung einzelner oder mehrerer Rädelsführer. So wird verständlich, was für ein großes Unterfangen es war, den Dreißigjährigen Krieg, hier von Mary Lindemann behandelt, in einem Zug – obgleich in zwei parallelen Verhandlungsprozessen in Münster und Osnabrück – zu beenden.

Beim Kapitel Benjamin Deruelles und Bernard Gainots zu den Kriegen Frankreichs von Ludwig XIV. bis zu den Revolutionskriegen liegt der Schwerpunkt auf sozialen Dimensionen und Neuerungen in Frankreich. Neben der Rekrutierung und dem Umgang mit Veteranen, von denen noch heute Les Invalides in Paris zeugen, kommt hier auch die überseeische Dimension ins Spiel, die dem Heiligen Römischen Reich völlig fehlte. Der Ausgang der napoleonischen Kriege sowie der Revolutionen von 1848/1849 wird von Walter Broyère-Ostells unter die Lupe genommen, wobei er einen sozialgeschichtlichen Ansatz verfolgt und zugleich einen Blick auf die neuen Entwicklungen des internationalen Systems hin zum Konzert der Großmächte wirft. Dabei berücksichtigt er mit dem Wiener Friedenskongress eine weitere multilaterale Großveranstaltung, die sich entsprechend hinzog.

Benoît Pouget widmet sich den Kriegen zwischen 1850 und 1914 und sein Kapitel erinnert daran, dass das »Konzert« der fünf Großmächte mit seiner höchst prekären Balance durchaus kein erstrebenswertes Muster der Friedenssicherung bot – ein wichtiger Hinweis im Zeitalter Putins, Xi Jinpings und Trumps. Die Fürsten hätten sich vielleicht vertragen, wenn ihr Eroberungsdrang nicht gewesen wäre – und der Nationalismus, denn dynastische Vendetten wurden nun von kollektiven Emotionen, Rache und Hass abgelöst. Umso schwieriger wurde es, einen Schlussstrich unter die Kriege zu ziehen. Auf der positiven Seite der Bilanz stehen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Initiativen zur Einhegung des Krieges. Die ersten internationalen Verträge wurden geschlossen, um Beschränkungen in der Kriegführung zur internationalen Norm zu erheben – etwa die Gründung des Roten Kreuzes durch Henri Dunant 1863 oder die ersten Genfer Konventionen im Folgejahr.

Brian Matthew Jordans Kapitel zu den langen Nachwirkungen des amerikanischen Sezessionskrieges, der in denselben Zeitabschnitt fällt, beleuchtet wie Pougets Beitrag unter anderem die Dimension der kollektiven Erinnerung, in Europa primär ein Faktor der Spaltung entlang nationaler Linien, in Amerika aber auch einer der Integration. Es ist hilfreich, sich klarzumachen, dass sogar in der für Westeuropa so friedlichen Zeit von 1871 bis 1914 auf dem Balkan und am östlichen Rand Europas etliche Kriege erbittert geführt wurden und dass die unzähligen Kriege in Afrika und Asien meist auf europäische Interventionen zurückgingen. Da diese aber auf europäischer Seite von Berufssoldaten ausgefochten wurden, haben sie nicht im gleichen Maße kollektive Mentalitäten geprägt und den folgenden Frieden vergiftet (zumindest nicht bei den kriegführenden Kolonialmächten) wie im Vergleich dazu die Nationalkriege.

Die Kapitel von Clémentine Vidal-Naquet und Julie Le Gac zu den beiden Weltkriegen unterstreichen ein wichtiges Thema, das dem ganzen Sammelband unterliegt: dass ungeachtet des offiziellen Kriegsendes weitergekämpft und getötet wurde. Beide Weltkriege haben insbesondere in den »Bloodlands« (Timothy Snyder) Osteuropas und in Südosteuropa noch lange und verlustreiche Nachwehen gehabt.1 Rechtlich war ein großer konzeptueller Schritt in dieser Zeit, die vorher übliche Generalamnestie durch die Feststellung einer Kriegsschuld und Kriegsverbrecherprozesse zu ersetzen, mit Schritten hin zur Ächtung des Krieges, wie sie im Briand-Kellogg-Pakt von 1928 und in der UN-Charta gemacht wurden.

Sehr spannend ist auch das letzte Kapitel von Elie Tenenbaum und Victor Louzon über die Kriege seit 1945, viele darunter »Forever Wars«, ohne formalen Friedensschluss oder wirkliches Ende. Wie bis ins 16. Jahrhundert hinein führen seit 1945 und insbesondere seit 1991 erneuert neben den Staaten eine Vielzahl verschiedener Akteure Krieg. Entsprechend passen Vorstellungen und Gepflogenheiten formeller zwischenstaatlicher Friedensverhandlungen und -verträge kaum zu vielen der weiterschwelenden Konflikte. Ein Teil der Welt – insbesondere Europa – entwickelte im 20. Jahrhundert eine »moralische Entwertung der Aggression« und griff in außereuropäische Gewaltkonflikte mit dem Ziel ein, diese zu beenden oder zumindest einzuhegen oder zwischen Kriegsparteien einen Ausgleich zu finden. Obwohl alle UN-Mitgliedsstaaten sich mit der Unterzeichnung der UN-Charta theoretisch zur Ächtung des Krieges bekannt haben, wird die europäische Haltung nicht weltweit geteilt.

Etliche Aspekte, die in diesen Kapiteln angerissen werden, zeigen die Vielfältigkeit der Vergangenheit auf, die oft nicht in binäre Kategorien wie Krieg und Frieden, Bürgerkrieg und zwischenstaatlicher Krieg passt. Der Herausgeber unterstreicht in seiner Einleitung die vielen Zeiträume in der Geschichte, die zwischen Krieg und Frieden in »Zuständen der Gewaltanwendung« verharrten. Mehrere Aspekte sind von direkter und andauernder Bedeutung für die Gegenwart, wie etwa die Dimension bis heute wirkender kollektiver Erinnerungen. Alle diese Aspekte sind in Sortir de la guerre kenntnisreich analysiert. Kurzum, Guillaume Piketty und seinen Kollegen ist zu diesem für die Polemologie äußerst wichtigen, äußerst gelungenen Sammelband zu gratulieren.

1 Siehe zu diesem Themenbereich auch die am DHI Paris entstandene Arbeit Jochen Böhlers: Civil War in Central Europe, 1918–1921. The Reconstruction of Poland, Oxford 2018.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Beatrice Heuser, Rezension von/compte rendu de: Guillaume Piketty (dir.), Sortir de la guerre. Des guerres de Religion aux conflits asymétriques, Paris (Passés Composés) 2025, 458 p., ISBN 979-10-404-0057-8, EUR 25,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115157