Jakob (Jacob) Venedey (1805–1871), von seiner Ausbildung her Jurist, war einer der profiliertesten »Achtundvierziger«, das heißt der Politiker und Publizisten des Vormärz, und Mitglied des 1848er-Parlaments in der Frankfurter Paulskirche. 1832 war er aus der Untersuchungshaft wegen der Teilnahme am Hambacher Fest nach Straßburg geflohen und lebte seit Ende 1833 in Paris. Dort gründete er den Deutschen Volksverein und wurde 1834 nach dessen Verbot Leiter des Bundes der Geächteten, einer frühsozialistischen Geheimgesellschaft deutscher Emigranten. Venedeys Beziehungen zu Frankreich sind vielfältig; zeitweise war er einer der Pariser Korrespondenten der Allgemeinen Zeitung in Augsburg, er war ein Bekannter Heines und wurde sehr freundlich porträtiert in Gutzkows Briefen aus Paris (1842). Den Zeitgenossen war er jedoch auch bekannt wegen seiner monumentalen Reisebeschreibungen aus der französischen Peripherie: der Reise- und Rasttage in der Normandie (Leipzig: Fleischer 1838, 2 Bände mit 506 und 675 Druckseiten) und der ebenfalls zweibändigen Darstellung Das südliche Frankreich (Frankfurt: Literarische Anstalt 1846, 2 Bände mit 412 und 490 Seiten).

Aus dem ersten Band der Publikation über Südfrankreich, in dem sich ein wesentlicher Teil um die Geschichte von Toulouse dreht, nimmt das kleine Opus aus der Arbeit der Toulouser Germanistik den deutschen Ursprungstext und präsentiert ihn in einer zweisprachigen Fassung. Ein erster Schwerpunkt der Auswahl liegt auf der Einschätzung der Französischen Revolution (33–43, Übersetzung 43–55), Napoleons und der bourbonischen Restauration, jeweils aus der Sicht der 1840er-Jahre, also fünfzig bis dreißig Jahre nach den Ereignissen. Hier unterstreicht Venedey jedes Mal die eigenständigen Positionen des Südens gegenüber der Politik von Paris. Zeitlich nahe an der Gegenwart der Aufzeichnung ist schließlich die Darstellung der Julirevolution und ihrer Folgen in Toulouse und dem Languedoc (76–92, Übersetzung 93–112). Auch hier zeichnet Venedey detailliert die Positionen der Abgrenzung des Languedoc gegenüber dem Zentrum und der Pariser Politik, die sich in Toulouse nicht zuletzt in den lokalen Aufständen des Juli 1841 manifestieren; »die Aufregung hatte den Geist der ›Capitouls‹ wieder recht ins Leben gerufen« (89). Am flüssigsten liest sich Venedeys eigentliche Beschreibung seines Toulouse-Aufenthalts im Juni 1845 mit der Anreise von Carcassonne und dem Besuch der Académie des Jeux floraux und einer Opernaufführung (113–136, Übersetzung mit zahlreichen Erläuterungen 136–163).

Diese Neuedition und Übersetzung von Venedeys Text ist ein Beispiel für die Praxis einer Kollektivübersetzung, wie sie aus dem entsprechenden Studienprogramm der Toulouser Germanistik hervorgegangen ist; die Übersetzung des Textes stammt von einer Anzahl von Studierenden am Ende ihres Studiums oder kurz danach. Für an Fragen der Translationswissenschaft Interessierte gibt es daher am Ende der Abschnitte auch jeweils eine kurze Selbstreflexion zu den gewählten Lösungen der Übersetzung, zum Beispiel »Le jugement au détour d’une métaphore« (112) oder »La traduction d’un proverbe« (157). Wie nicht anders zu erwarten, ist die Übersetzung vorbildlich; beim Abdruck der Textgrundlage gibt es nur wenige Editionsfehler (natürlich ist die Anzahl der Demokraten »ein kleines Häufchen«, nicht »Häuschen«, 86; »Ohrenlust« statt »Ohrenluft«, 124; einige Fehler in der Silbentrennung). Eine Bibliografie der aktuellen Sekundärliteratur erleichtert den Zugang zum Werk Venedeys.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Thomas Bremer, Rezension von/compte rendu de: Jakob Venedey, Petite histoire de Toulouse et du Languedoc par un voyageur allemand (1846), Toulouse (Presses universitaires du Midi) 2025, 164 p. (Fit, 2), ISBN 978-2-8107-1278-6, EUR 10,00., in: Francia-Recensio 2026/1, 19.–21. Jahrhundert – Histoire contemporaine, DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115163