Mit diesem Buch beziehungsweise der ihm zugrunde liegenden Dissertation hat sich der Autor auf ein großes und spannendes, seit den Tagen von Philippe Ariès und Michel Vovelle oft brillant bearbeitetes Feld begeben. Denn unter dem Stichwort »Eschatologie« behandelt Xavier Cochard – ganz im Einklang mit der katholischen Tradition, die er historisch analysiert – keineswegs nur das Warten auf Wiederkunft Christi, Auferstehung der Toten und Jüngstes Gericht. Vielmehr geht es ihm vor allem um die sogenannte individuelle Eschatologie, die den einzelnen Menschen mit den vier »letzten Dingen« konfrontiert: Tod, göttliches Gericht, Himmel und Hölle. Dabei behandelt Cochard das gesamte 18. und 19. Jahrhundert. Die damit angestrebte Relativierung der kanonischen Epochengrenze zwischen Frühneuzeit und Moderne ist interessant, aber anspruchsvoll.

Dazu kommt im vorliegenden Fall die Ambition, die Entwicklung der katholischen Eschatologie in Frankreich (gemeint ist das Hexagon, mit den französischen Kolonien befasst sich das Buch nicht) in ihren Beziehungen zum Prozess der Säkularisierung zu fassen. Ob und in welchem Sinn man von einem solchen makrohistorischen Prozess überhaupt sprechen kann, das ist eine immer wieder heiß und interdisziplinär debattierte Frage. Cochard handelt sie knapp und insofern elegant ab, als er Säkularisierung vor allem als Verselbstständigung des Immanenten begreift – eine Zuspitzung, die nicht nur im Lichte der allgemeinen Theoriediskussion nachvollziehbar, sondern gerade mit Blick auf die Themen Tod und Jenseitsvorstellungen auch griffig erscheint. Freilich ist damit eine klare Front aufgebaut: Wenn es bei Säkularisierung dezidiert um die Emanzipation der Immanenz ging und bei Eschatologie ebenso dezidiert um den Primat der Transzendenz, dann kann man kaum anders, als von einem beinahe essenziellen Antagonismus zwischen beiden Prinzipien auszugehen. In seiner Einleitung macht Cochard diese Prämisse auch explizit. Sie ist nicht unplausibel, allerdings sperrt sie sich gegen den Trend der letzten Jahrzehnte, der gerade die Aufklärungsforschung zu immer schärferen Angriffen auf das Gesamtgebäude der Säkularisierungstheorie geführt hat.

Doch der entscheidende Punkt liegt in der überdimensionierten Problemstellung der Arbeit. Es handelt sich, so Cochard, um »une enquête centrée sur l’évolution et la médiatisation des enseignements eschatologiques à destination des fidèles« (16). Auch die breitere »réception« dieses kirchlichen »discours eschatologique« sei Teil des Untersuchungsgegenstands (18) – und das alles mit Blick auf zwei Jahrhunderte voller kirchen- und kulturgeschichtlicher Zäsuren. So öffnet sich, wie eingangs dieser Rezension schon angedeutet, ein äußerst weites Feld. Um es im Rahmen einer Dissertation zielführend zu bearbeiten, gälte es, sich strategisch zu beschränken, etwa auf einige Fallbeispiele, eine besonders aussagekräftige Quellengattung oder die Beantwortung weniger, präzise gefasster Schlüsselfragen. Das ist in dieser Arbeit nicht geschehen.

Von einem relativ klaren Zuschnitt profitieren aber zumindest die ersten beiden Kapitel, in denen Cochard ausgewählte Traktate und Katechismen analysiert. So bietet er einerseits eine Einführung in die Grundlagen damaliger eschatologischer Lehren und kommt andererseits zu interessanten Teilergebnissen. Er kann wichtige Kontinuitäten zwischen dem 18. und frühen 19. Jahrhundert nachweisen, die sich nicht zuletzt daran ablesen lassen, dass die einflussreiche eschatologische Schrift des abbé Laurent Rouault (Les Quatre fins de l’Homme, erstmals 1734 publiziert) selbst nach 1800 noch viele Neuauflagen erfuhr. Auch in den Katechismen änderten sich nur einige Details an der Präsentation des »Grundwissens« über die letzten Dinge, etwa die im 19. Jahrhundert zunehmende Einbettung dieses Wissens in den Kommentar des Glaubensbekenntnisses.

Gleichsam als Pendant dazu liest man auch Kapitel 4 mit Gewinn. Darin geht es um die Infragestellung und Neujustierung eschatologischer Doktrin, die gleichzeitig eben doch stattfanden – besonders in polemischen und apologetischen Werken sowie Predigten. Freilich werden mit der Materie bereits vertraute Lesende hier kaum neue historiographische Akzente entdecken. Kritik am Spiel mit der Angst der Gläubigen um ihr Seelenheil, Nuancierung der Vorstellungen von harschem Gottesgericht und ewiger Höllenstrafe, dadurch zunehmender »pragmatisme doctrinal« (142) zur Verringerung der Angriffsfläche, die der Katholizismus dem Säkularismus auf diesem Feld bot: Mit diesen Befunden kann Cochard immerhin einige wichtige Einsichten vertiefen, die zuletzt vor allem aus den Arbeiten von Guillaume Cuchet hervorleuchteten.

Grundlegende Bedenken erweckt dagegen die Lektüre der anderen drei Hauptkapitel, denn diese sind über weite Strecken schlicht hors sujet. Selbstverständlich ist die allgemeine Geschichte des Jansenismus und der querelles de la grâce relevant für die vor allem in Kapitel 4 diskutierten Phänomene. Sie ist aber auch dank Monique Cottret, Sylvio de Franceschi und vielen anderen bestens erforscht. Deshalb ist es verwunderlich, dass das gesamte Kapitel 3 diesen Kontext durch Kommentierung vieler, in Überlänge zitierter Passagen aus Predigten und Enzyklopädien des 18. und 19. Jahrhunderts rekapituliert, ohne dabei auf das Thema Eschatologie konkret zu sprechen zu kommen. Auch Kapitel 5, eine Auswertung von sechzig Bibliothekskatalogen, wendet sich erst in seinem letzten Drittel dem Platz eschatologischer Titel in diesen Katalogen zu. Dabei zeigt sich vor allem, dass zumindest im 18. Jahrhundert die artes moriendi das wohl beliebteste eschatologische Genre darstellten. Es stellt sich deshalb die Frage, warum Cochard ausgerechnet diese Textgattung komplett aus seinem Quellenkorpus ausgeschlossen hat. Kapitel 6 schließlich dreht sich um Vorsehungsglaube und Prophezeiungen in dem halben Jahrhundert nach der Veröffentlichung von Joseph de Maistres gegenrevolutionärem Schlüsselwerk Considérations sur la France (1796). Zwischen »providentialisme« und »prophétisme« einerseits und eschatologischem Denken andererseits bestehen in vielen Fällen enge Bezüge. Doch diese müsste man gezielt herausarbeiten, durch analytische Konzentration auf Kerntopoi wie den Antichrist oder das Jüngste Gericht. Gerade das tut Cochard aber nicht, vielmehr präsentiert er – ohne jegliche Erklärung – alle Arten von Äußerungen über Revolutionen und göttliche Vorsehung als inhärent eschatologisch.

So verliert sich diese Monographie teilweise in den Weiten (und an den Rändern) ihrer Thematik. Aus der für die Francia besonders wichtigen transnationalen Perspektive sei außerdem noch angemerkt, dass das von Cochard präsentierte Literaturverzeichnis rigoros einsprachig ist. Der großen und quicklebendigen französischen Tradition der histoire religieuse gebührt tiefer Respekt. Dennoch ist zu bezweifeln, dass man beim Themenkomplex Tod und Jenseits in der französischen Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts die Klassiker von John McManners (Death and the Enlightenment, 1981) und Thomas Kselman (Death and the Afterlife in Modern France, 1993) einfach ignorieren kann – abgesehen von vielen anderen, neueren Beiträgen wie etwa Philip Almonds Synthese Afterlife (2016). Festzuhalten bleibt, dass Xavier Cochard einen ambitionierten, anregenden Beitrag zur Theologie- und Buchgeschichte geleistet hat.

Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:

Kilian Harrer, Rezension von/compte rendu de: Xavier Cochard, Sur la terre comme au ciel? Eschatologie catholique et sécularisation en France (XVIIIe–XIXe siècle), Bordeaux (Presses universitaires de Bordeaux) 2025, 262 p. (Identités religieuses), ISBN 979-10-300-1155-5, EUR 26,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115216