Der vorliegende Band beruht auf einer 2021 veranstalteten, gleichnamigen Tagung. Die Veranstalterinnen und Herausgeberinnen des Bandes repräsentieren drei unterschiedliche Forschungsverbände, welche bereits seit 2019 zur Thematik der körperlichen Intimität zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert kooperieren. Während sich die Zusammenarbeit ursprünglich vor allem auf Frankreich und Spanien konzentrierte, soll der vorliegende Band den Fokus erweitern: »[Il] est apparu capital d’ouvrir la réflexion à d’autres espaces européens dans une perspective comparatiste et d’envisager les évolutions de l’intime en prenant en compte la charnière entre les XVIIe et XVIIIe siècles« (11). Zudem liegt besonderes Augenmerk auf »certains lieux que l’on qualifie volontiers ›d’intimes‹, tels que la chambre à coucher, l’oratoire ou la cellule monastique« (ebd.).
Körperliche Intimität ist ein notorisch schwieriger Forschungsgegenstand für die Frühe Neuzeit. Zum einen geht Intimität einher mit einer Verborgenheit oder zumindest Nicht-Öffentlichkeit, welche die historische Greifbarkeit erschwert. Zum anderen wird in der Forschung nach wie vor hinterfragt, inwiefern »Intimität« als Konzept in der Frühen Neuzeit überhaupt denkbar war. Während die intime »Zweisamkeit« mit Gott oft als Idealbild die religiöse Praxis bestimmte, sahen die sozialen und architekturalen Anordnungen dieser Zeit die Intimität im Sinne eines Alleinseins, oder auch einer ungestörten oder sogar heimlichen sexuellen Begegnung, weit weniger vor. Die Herausgeberinnen entwickeln jedoch ein überzeugend historisierendes Konzept des Intimen in ihrer Einleitung, welches die Prämisse des Bandes trägt. Die auf die Einleitung folgenden Beiträge sind in drei thematische Sektionen von jeweils vier Beiträgen gegliedert. Die Beiträge der ersten Sektion, »Les lieux de l’intimité spirituelle et le rapport au corps dans la dévotion«, untersuchen Orte spiritueller Intimität auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Sowohl konkrete Orte – etwa die private Gebetskammer oder Klosterräume – als auch das Selbst werden thematisiert, ebenso der öffentliche Kirchenraum und eher ungewöhnliche und konkret-körperliche Orte wie der Bauchnabel eines Heiligen. Die zweite Sektion, «Les lieux de l’intimité amoureuse et des rapports sexuels«, beschäftigt sich mit Orten der sexuellen Intimität. Hier widmen sich drei von vier Beiträgen dem Schlafzimmer, beziehungsweise dem »eigenen« Zimmer, in der Literatur. Ein weiterer Text bespricht das Schlafzimmer mehr im übertragenden Sinne im Rahmen einer Studie medizinischer Texte zur Regulierung von Sexualität. Die dritte Sektion adressiert »littérature comme lieu priviligié d’expression de l’intimité« und beschäftigt sich sowohl mit konkreten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Thema der Intimität als auch mit Literatur, in der Intimität zum Ausdruck kommt, etwa erotischer Poesie. Der Band schließt mit einem architektur- und religionsgeschichtlichen Epilog-Beitrag, in dem der Übergang vom oratoire zum boudoir als Intimitätsraum besprochen wird.
Diese Einteilung funktioniert gut. Der Band insgesamt ist überzeugend aufgebaut und widmet sich einem in der Körpergeschichte nach wie vor wichtigen Thema, die Relevanz seiner Zielsetzung ist nicht abzustreiten. Allerdings sind die Beiträge von unterschiedlicher Qualität, und die angedachte Erweiterung des Themas und der geografischen Ausrichtung fällt nicht unbedingt aus, wie die Einleitung es erwarten lässt. Zehn von dreizehn Texten widmen sich nach wie vor Frankreich oder Spanien. Ein Beitrag, überraschend kurz und in einem recht wohlerforschten Themenbereich angesiedelt, enthält überhaupt nur zwei Referenzen, die nicht das Quellenkorpus selbst betreffen. Und obwohl die Dominanz des Englischen als Wissenschaftssprache mit Recht kritisiert werden kann und sollte, hätte etwas mehr Einbindung englischsprachiger Körpergeschichte der letzten Jahre sich sicherlich vorteilhaft auf die Deutung der Resultate mancher Beiträge ausgewirkt, gerade im Hinblick auf die angedachte europäische Ausweitung des Fokus.
Nun zu einem Punkt dieser Rezension, der deutlich disziplinär gefärbt ist. Die Herausgeberinnen sind allesamt Spezialistinnen »en langue, littérature et culture espagnoles«, und der Band hat eine sehr deutliche literaturgeschichtliche Ausrichtung, die allerdings in der Einleitung meiner Ansicht nach nicht wirklich explizit gemacht wird. Sieben der dreizehn Beiträge sind literaturgeschichtlich, und nur wenige der geschichtswissenschaftlichen Beiträge befassen sich in irgendeiner Weise kritisch mit dem Verhältnis von Diskurs und Praxis. Generell wird die Brücke, oder auch die Lücke, zwischen gelehrter Schrift und Alltag, zwischen Wort und Tat recht wenig thematisiert. Die meisten der literaturgeschichtlichen Beiträge sind sehr interessant zu lesen – etwa Mawy Bouchards Überlegungen zu Intimität und Zugang zu Skandalen im Heptaméron – und doch wird hier aus meiner Historikerinnensicht für die Bearbeitung der in der Einleitung eröffneten Fragen einiges Potential verschenkt. Die Ansichten und Einsichten der Autorinnen und Autoren weisen ebenso wie die Ansätze Wiederholungen auf: In der zweiten Sektion etwa widmen sich drei von vier Beiträgen der Funktion des Schlafzimmers/eigenen Zimmers im Drama beziehungsweise im Roman. Angesichts der Zielsetzung des Bandes, den bisherigen Fokus zu erweitern, um sich den Orten des Intimen in der Frühen Neuzeit anzunähern, hätte hier etwas mehr Interdisziplinarität etwa in Form eines geschichtswissenschaftlichen Textes zu nicht-fiktiven Schlafkammern als (un)möglichen Intimitätsräumen viel beitragen können. Zudem wird die Intimität der zwischenmenschlichen Beziehungen in dieser Sektion erstaunlich reduziert auf Sexualität – generell suggeriert die Auswahl der Beiträge im Band, dass Intimität zwischen Menschen vor allem körperlich stattfindet, Intimität der Seele aber zwischen Menschen und Gott. Angesichts der emotionalen und körperlichen Intimitätsideale, die etwa frühneuzeitliche Freundschaftsvorstellungen prägten, scheint auch hier etwas zu fehlen.
Trotz dieser Kritikpunkte habe ich den Band gerne gelesen, enthält er doch mehrere sehr interessante Beiträge und zwei deutliche »Highlights«. Die Entscheidung der Herausgeberinnen, Ariane Kozlowskis architektur- und religionsgeschichtlichen Beitrag zum Verhältnis von Oratorium und Boudoir als Epilog zu verwenden, war ganz hervorragend. Der Text hält alles, was die Einleitung verspricht. Mehr als alle anderen Texte verbindet er alltagsweltliche frühneuzeitliche Evidenz (Grundrisse sowie wohlgewählte Quellen zur Anwendung von Räumen) mit überzeugenden Überlegungen zu den physischen Orten körperlicher und spiritueller Intimität. Schon dank dieses Textes hätte ich den Band als eine Bereicherung betrachtet, mein persönlicher Favorit jedoch ist Florence Larchers Artikel »Roch, un saint culotté à la Renaissance?«. Dieser Beitrag widmet sich ganz – wie der Titel verspricht – der Merkwürdigkeit der Unterhose des heiligen Rochus. Während Darstellungen von Nacktheit bei anderen Heiligen im 15. und 16. Jahrhundert als Sakrileg verpönt waren, wurde Sankt Roch als Pestheiliger üblicherweise mit entblößtem Oberschenkel abgebildet, um die dort befindliche Pestbeule sichtbar zu machen. Dies bedeutete, dass stets auch die weiße Unterhose des Heiligen gezeigt wurde, und zwar in mehr oder weniger genitalverhüllender Form. Larchers lebendig geschriebene Untersuchung zeigt, wie der Einblick in die buchstäblichen Intimbereiche eines Heiligenkörpers durchaus kirchliche Interessen befördern konnte, anstatt sie zu verletzen: die Unterhose des Sankt Roch wurde – neben anderen Aspekten – zum Identifikationsort, an dem die Lebenswelten des Heiligen auf die der Normalsterblichen trafen.
Les lieux de l‘intime et le rapport au corps bietet viele interessante und relevante Zugänge zur Thematik der körperlichen Intimität und ihrer Orte in der Frühen Neuzeit. Zwar suchen viele der Beiträge nicht unbedingt im praktischen historischen Alltag nach diesen Orten und Intimitäten, aber selbst so eingefleischte Praxis- und Alltagshistoriker wie ich finden Antworten in Anne d’Autriches Oratorium – und nicht zuletzt in der Unterhose des heiligen Rochus.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Annika Raapke Öberg, Rezension von/compte rendu de: Estelle Garbay-Velazquez, Cécile Iglesias, Florence Madelpuech-Toucheron, Sarah Pech-Pelletier (dir.), Les lieux de l’intime et le rapport au corps. Europe, XVIe–XVIIe siècles, Paris (Presses Sorbonne Nouvelle) 2025, 222 p., ISBN 978-2-37906-118-9, EUR 22,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115220





