Dieser Sammelband untersucht Vorstellungen von und Strategien des Umgangs mit Leichtgläubigkeit im »Zeitalter der Vernunft«, wobei vereinzelte Aufsätze tatsächliche Leichtgläubigkeit in der Aufklärung identifizieren wollen (so die Studie von Brianna Robertson-Kirkland über den Komponisten Domenico Corri oder die von Noelia López-Souto über Wunderkinder). Die Herausgeberinnen legen dar, dass Leichtgläubigkeit für Aufklärer:innen ein Problem darstellte. Einerseits bestand ihr Hauptanspruch darin, sie zu bekämpfen und somit den Aberglauben zu beseitigen und der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen – ein Anspruch, den sie im Übrigen mit religiösen Reformern teilten. Andererseits sollte der kritische Geist nicht zum Skeptizismus führen und somit die Wahrheiten, die sie verbreiten wollten, infrage stellen. Deshalb verlangten sie bei aller Propagierung kritischen Denkens von ihren Adressaten doch auch immer noch Glauben: »as writers, philosophers, and presenters claimed authority based on their own critical use of reason, they found themselves requiring their audiences to credulously believe that they were dispelling credulity« (23). Ziel der Herausgeberinnen ist es also, die Ambivalenzen des aufklärerischen Projektes herauszuarbeiten. Da sie mit Foucault glauben, dass die Aufklärung die Grundlage für heutige Episteme gelegt habe, hoffen sie, dass ihr Sammelband »allows for a more critical understanding of how twenty-first-century technologies and institutions have developed in response to credulity« (23).
Dennoch nimmt im Endeffekt nur ein einziger Aufsatz (die Studie von Thiago Vargas über die französischen Physiokraten) eine solche kritische Perspektive wirklich ein. In der überwältigenden Mehrheit der hier versammelten Beiträge geht es um die Kritik der Leichtgläubigkeit und die Entwicklung von Methoden zu ihrer Beseitigung. Eine Stärke des Sammelbands ist, dass hierbei weniger bekannte Fälle thematisiert werden, die sich eher am Rande der Aufklärungsforschung bewegen: südeuropäische Almanache oder Beschreibungen von Volksbräuchen, die mit Humor Leichtgläubigkeit und Aberglauben verspotteten (Aufsätze von Claudia Lora Márquez und Ciaran Harty); einen englischen Roman über die Zukunft, der Astrologie und das Prophezeien parodierte (Giulia Iannuzzi); die Strategien einer schwedischen Dichterin im Umgang mit dem Stereotyp des weiblichen Geschlechts als leichtgläubig (Studie von Matilda Amundsen Bergström); einen italienischen Komponisten in Schottland, der neue Methoden zur musikalischen Erziehung entwickeln wollte (Brianna Robertson-Kirkland); spanische Wunderkinder, deren Fähigkeiten als Ergebnis aufklärerischer Erziehungsmethoden interpretiert wurden (Noelia López-Souto); Erziehungsmethoden in der Schweiz und die Art und Weise, wie Kinder dadurch ihren kritischen Geist entwickelten (Sylvie Moret Petrini) oder auch die französischen Revolutionsfeste als Instrumente zur Beseitigung der Leichtgläubigkeit im Volk (Chanelle Reinhardt). Daneben stehen freilich auch Aufsätze, die klassische Themen der Aufklärungsforschung in den Blick nehmen: ein Beitrag zu Diderots Verspottung der Reiseberichte im Supplément au voyage de Bougainville (Mrinmoyee Bhattacharya) und eine Studie über den Kampf gegen Aberglauben in der schweizerischen protestantischen Encyclopédie d’Yverdon und der von d’Alembert und Diderot (Devin Vartija).
Der Sammelband bietet somit ein vielfältiges Panorama und Einblicke in neue Fallstudien. Auch in theoretischer Hinsicht regt er durchaus zum Nachdenken an. Die durch die Ausführungen der Herausgeberinnen geweckten Erwartungen werden jedoch nur zum Teil erfüllt. Um das in der Einleitung skizzierte Arbeitsprogramm umzusetzen, hätten die meisten Beiträge eingehender die Postulate analysieren sollen, die Aufklärer und Pädagogen im 18. Jahrhundert aufstellten, ebenso wie die Techniken zu ihrer Durchsetzung bei gleichzeitiger Förderung des kritischen Denkens. So hätte man ein genaueres Bild der Autoritätsgenerierung in der Aufklärung gewinnen können.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Damien Tricoire, Rezension von/compte rendu de: Giulia Iannuzzi, Claudia Lora Márquez, Sylvie Moret-Petrini, Brianna E. Robertson-Kirkland (dir.), Credulity in the Age of Reason / La crédulité à l’Âge de la Raison. Rhetoric, Epistemologies, Education / Rhétorique, épistémologies, éducation, Paris (Honoré Champion) 2024, 402 p., 8 ill. en n/b (Études internationales sur le dix-huitième siècle, 20), ISBN 978-2-7453-6173-8, EUR 58,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115235





