Diplomatie vom type ancien – damit wird in der Forschung die grundlegende Arbeitsteilung zwischen hochadligen Botschaftern und niederrangigeren Botschaftssekretären bezeichnet, wobei letztere über ein höheres Maß an Fachprofessionalität verfügt hätten. Diplomatie in der Frühen Neuzeit war aber keine individuelle Leistung einzelner »großer Männer«, sondern, wie Florian Kühnel in seiner Habilitationsschrift darlegt, eine kollektive Praxis, an der verschiedene männliche wie weibliche Akteure Anteil hatten. Ziel der Monografie ist es folglich, die traditionelle Fokussierung auf die Diplomaten ersten Rangs zu überwinden; Untersuchungsgegenstand ist der diplomatische Alltag im frühneuzeitlichen Istanbul.
Um sein erweitertes Verständnis von Diplomatie zu erproben, nimmt Kühnel die englische bzw. britische Botschaft in den Blick: Vom Fokus auf die englisch-osmanischen Außenbeziehungen erhofft sich Kühnel zum einen, den isolierten Blick von der europäischen Fürstengesellschaft als vermeintlicher Wiege moderner Diplomatie abzuwenden, zumal die Gesandten vor Ort sich nur minimal auf ihre althergebrachten adligen Verhaltensnormen verlassen konnten und in diesem Maße besonders auf ihr Personal angewiesen waren. Zum anderen erweist sich die englische bzw. britische Diplomatie als interessanter Ausnahmefall, da die Botschafter gleichzeitig oberste Handelsvertreter (Konsuln) der Levant Company waren und sich zu einem großen Teil mit Handelsfragen beschäftigten.
Als Ausgangspunkt für sein Vorgehen dienen Kühnel trotz seines über »große Männer« hinausgehenden Ansatzes dennoch die Botschaftssekretäre: Ihnen wird in der zeitgenössischen Traktatliteratur eine Sonderstellung als »Uhrwerk der Diplomatie» zugeschrieben, über ihre Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche ist bislang jedoch nur wenig bekannt. Über die Botschaftssekretäre hinaus berücksichtigt Kühnels Untersuchung allerdings so viele Akteure der zweiten Reihe, wie dies die Quellenlage zulässt. Die Auswertung widmet sich dem Alltag der englischen Botschaft in Istanbul vom Amtsantritt des ersten Botschafters und Konsuls William Harborne im Jahr 1538 bis zur Trennung von konsularischem und politisch-diplomatischem Bereich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Schwerpunkt liegt auf dem späten 17. Jahrhundert, das sich durch eine vergleichsweise dichte Quellenüberlieferung auszeichnet.
Kapitel 1 bietet zunächst eine sehr informative Einführung in das historische Setting: Es wird unter anderem auf den Sultanshof sowie auf die Geschichte der Levant Company eingegangen; Überblicksdarstellungen fehlten bislang in der deutschsprachigen Forschung. In den darauffolgenden Kapiteln geht es Kühnel darum, verschiedene »Aspekte« des diplomatischen Alltags der Botschaftssekretäre zu erschließen: Dabei geht er jeweils chronologisch vor und rekonstruiert die Entwicklung vom 16. bis ins 19. Jahrhundert.
Kapitel 2 beschäftigt sich mit den Ämtern des Botschafters und des Botschaftssekretärs und erörtert, in welchem Verhältnis sie zueinander, zur Krone sowie zur Levant Company standen. Anders als in der Forschung angenommen, unterlag das Amt des Botschaftssekretärs kaum Professionalisierungsprozessen: Die Botschaftssekretäre fanden größtenteils über Patronagebeziehungen in ihr Amt und zeichneten sich außerdem nicht unbedingt durch diejenige Fachprofessionalität aus, die ihnen zugeschrieben wird. In eine ähnliche Richtung geht Kapitel 3, in dem die nichtdienstlichen Beziehungen des Gesandtschaftspersonals untersucht werden und das zu dem Fazit kommt, dass Normenkonkurrenz sich nicht nur für das Handeln der Botschafter, sondern auch ihres Personals als konstitutiv erwies. Kapitel 4 und 5 zeichnen die Funktionen von Botschaftssekretären und anderen Mitgliedern des Botschaftspersonals in der höfisch-zeremoniellen Kommunikation nach – einem Tätigkeitsfeld, das in der Forschung traditionell den Botschaftern im Rahmen der repraesentatio majestatis zugeschrieben wurde. Neben den verschiedenen diplomatischen Interaktionsformen außerhalb der klassischen Audienz treten die vielfältigen Rollen zutage, die das Gesandtschaftspersonal gegenüber der osmanischen Seite einnahm.
Kapitel 6 und 7 sind den Abläufen innerhalb der Botschaft gewidmet. Es wird der administrative Alltag untersucht und welche Akteure auf welche Weise darin involviert waren. Die Erstellung osmanischer Schriftstücke erforderte etwa die Zusammenarbeit mit Individuen unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds. In Kapitel 8 wird abschließend der Bereich der Informationsbeschaffung bzw. Spionage in den Blick genommen, wobei nochmals deutlich wird, inwiefern Diplomatie nicht nur auf dem internen Zusammenwirken des englischen Gesandtschaftspersonals, sondern auch auf sozialen Beziehungen zu Akteuren außerhalb der Botschaft beruhte.
Kühnel legt eine Arbeit vor, die zu einer umfassenden Neuperspektivierung der Diplomatieforschung anregt. Die Untersuchung stellt die Arbeitsteilung zwischen höfisch‑repräsentativen und administrativ-fachlichen Funktionen infrage und räumt mit der expliziten Gegenüberstellung von Botschaftern und Gesandtschaftspersonal auf. Die akteurszentrierte und praxeologische Perspektive ermöglicht einen tiefen Einblick in das alltägliche kollektive Wirken innerhalb der Botschaft. Auch stellt die Studie sehr überzeugend dar, inwiefern es die englische bzw. britische Diplomatie in Istanbul im Sinne einer globalen Mikrogeschichte erlaubt, Besonderheiten herauszuarbeiten, aber gleichzeitig allgemeine Strukturen frühneuzeitlicher Diplomatie vom type ancien infrage zu stellen, da immer wieder Vergleiche zum venezianischen und französischen Gesandtschaftswesen gezogen werden. Sehr lobenswert ist die damit einhergehende Berücksichtigung von Archivbeständen nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Frankreich, Österreich, Italien, den Niederlanden und der Türkei.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Sabrina Rospert, Rezension von/compte rendu de: Florian Kühnel, Diplomatie als kollektive Praxis. Botschaftssekretäre und diplomatischer Alltag im frühneuzeitlichen Istanbul, Göttingen (Wallstein) 2024, 560 S. (Frühneuzeit-Forschungen, 29), ISBN 978-3-8353-5686-3, EUR 45,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115237





