Mit der Druckfassung seiner Dissertation leistet Nicolas Ribeiro – das sei direkt gesagt – einen ebenso ambitionierten wie überzeugenden Beitrag zur Geschichte der französischen Karibik und zur maritimen Sozial- und Gesellschaftsgeschichte insgesamt.
Er schließt damit eine historiografische Lücke, sind die Kleinen Antillen und die maritime Geschichte der französischen Karibik bisher doch zugunsten größerer Kolonien wie Haiti und von Themen wie Plantagenwirtschaft und kolonialen Gesellschaftsordnungen vernachlässigt worden. Gegen diesen Trend arbeitet Ribeiro schlüssig heraus, dass die koloniale Gesellschaft und historische Entwicklung zumindest auf den Kleinen Antillen ohne Seefahrt und seefahrende Akteurinnen und Akteure gar nicht verstanden werden können. Dies gelingt ihm, indem er Fragen der Wirtschafts-, Sozial-, Wissens-, Umwelt- und Seefahrtsgeschichte kombiniert.
Faszinierenderweise ist ein anfängliches Scheitern in der Recherche der Ausgangspunkt von Ribeiros Erfolg, denn Seeleute und ihre entsprechenden Berufsbezeichnungen finden nur selten explizite Erwähnung in den Quellen. So könnte der Eindruck entstehen, dass es sich um ein weitgehend irrelevantes Thema für die Geschichte der Kolonien handelt, die wirtschaftlich auf die Produktion von Zucker oder Tabak ausgerichtet waren. Doch Ribeiro greift Ansätze von Emmanuelle Charpentier und Alain Cabantous auf und fragt nach maritimen Praktiken, maritim handelnden Akteurinnen und Akteure, maritimem Wissen und nach auf all dem basierenden sozialen, ökonomischen und militärischen Verflechtungen. So kann er zeigen, wie sehr die koloniale Gesellschaft der Kleinen Antillen letztlich auf das Meer ausgerichtet war.
Für seine Untersuchung greift Ribeiro auf eine breite Quellenbasis aus französischen Archiven und der Manuskriptsammlung der Nationalbibliothek zurück. Neben der Überlieferung der kolonialen Obrigkeiten in den Archives nationales d’outre-mer wertet er ministerielle Korrespondenzen und Denkschriften, Reise- und Missionsberichte, hydrografische Beschreibungen, Notariats- und Hafenakten sowie Gemeinderegister aus. Darüber hinaus verfügt er über umfassende Kenntnis der lokalhistorischen Forschung, auf die er in ausführlichen Anmerkungen verweist.
Die Studie besteht, abgesehen von einer für eine Dissertation typisch umfangreichen Einleitung mit Darlegung des Forschungsstands, aus vier großen inhaltlichen Abschnitten. Sie alle sind mit einer Vielzahl von Überschriften und Zwischenüberschriften sehr kleinteilig strukturiert, was einen raschen Zugriff auf bestimmte Informationen ermöglicht und dank guter Übergänge den Lesefluss dennoch wenig stört. Auch wenn jeder Abschnitt einer klaren analytischen Frage folgt, fällt auf, dass gerade die ersten drei zugleich stark chronologisch ausgelegt sind.
Grund ist, dass sich die Umbrüche der Geschichte der Kleinen Antillen hier deutlich auswirken. Ribeiro differenziert in diesem Sinne zwischen einer Entdeckungs- und Besiedlungsphase, die mit dem Aufbau von Grundherrschaften einherging, gefolgt von einer Phase, in der eine Handelskompanie die Geschicke der Inseln lenkte, und zuletzt einer Phase direkter königlicher Kontrolle, die anders als die beiden vorhergehenden von Kolonialkriegen geprägt war. Die Folgen des Friedens von Utrecht 1713, genauer der Verlust von Territorien und die Übernahme der Herrschaft in Spanien durch das Haus Bourbon, bilden den Endpunkt der Untersuchung, wobei Ribeiro mehrfach Ausblicke in die Zukunft eröffnet.
Der erste Abschnitt thematisiert die Aneignung des maritimen Raumes. Hier werden zunächst die Karibik und die einzelnen Inseln mit ihren Umwelteigenschaften sowie deren Siedlungsgeschichte und ‑strukturen dargestellt. Darauf aufbauend beschreibt Ribeiro dann Routen und Häfen als Basis wirtschaftlicher Verflechtung. Dies bereitet den Boden für spätere Ausführungen zu den Beziehungen der Kleinen Antillen zur Metropole, den englischen, niederländischen und dänischen Nachbarn sowie vor allem zueinander und zu ihren Außenposten.
Es folgen Ausführungen zu den männlichen und weiblichen Akteuren der Seefahrt und den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Ribeiro erstellt eine Typologie der Wasserfahrzeuge von der Galeone bis zum Einbaum und geht auf deren Verwendung und Verbreitung ebenso ein wie auf Fragen nach Eigentum, Ausrüstung und Reparaturen. Ganz der Tradition französischer Seefahrtsgeschichte folgend, umfasst dies auch Analysen zu Herkunft, Ausbildung, Karrieren und Vernetzung der Kapitäne und einfachen Seeleute. Weiterhin werden Investoren und Investorinnen berücksichtigt, die mit ihren Kapitalverflechtungen die Inseln miteinander und mit der Metropole verbanden. Auch die Erzeugung und Vermittlung von maritimem Wissen und dessen Grenzen sind hier Thema.
Im dritten Abschnitt stehen Nutzungsformen von Meer und Küsten im Zentrum. Ribeiro differenziert zwischen Handel, Kaperfahrten und Fischerei. Besonders der Fischfang in all seinen Formen erscheint hierbei als alltägliche und die koloniale Gesellschaft teilweise erhaltende Praxis. Doch auch die Kaperfahrten waren nach Ausbruch der Kolonialkriege über Jahrzehnte prägend und boten vielen Akteuren zeitweise Beschäftigung und Investitionsmöglichkeiten. Bezüglich des Handels kann Ribeiro wiederum intensive Verflechtungen innerhalb und außerhalb der Kolonien und die besondere Rolle niederländischer und jüdischer Seefahrer und Händler nachzeichnen und darlegen, wie die Kolonien oft merkantilistische Kontrollversuche der Obrigkeit unterliefen.
Der letzte Abschnitt baut deutlich auf allen vorhergehenden auf und ist der eigentlichen Kernfrage nach der Stellung der Seeleute in der kolonialen Gesellschaft gewidmet. Hier zeigt Ribeiro, dass jene in einer litoralen Gesellschaft eben nicht eindeutig von anderen sozialen Gruppen abgegrenzt werden können, sondern dass Seefahrt in all ihren Formen das Leben der meisten Kolonistinnen und Kolonisten geprägt hat, sowohl bezüglich Ernährung, Wirtschaft wie auch alltäglicher maritimer Mobilität. Nach Einbeziehung geistes- und kulturgeschichtlicher Aspekte spricht er schließlich am Ende von einer Gesellschaft, die zwischen Land und See verortet werden muss.
Insgesamt ist auffällig, dass Ribeiro konsequent bestrebt ist, die Bedeutung des Wissens und der maritimen Tradition indigener Akteur:innen herauszustellen. Dies bezieht sich auch auf deren unmittelbare Präsenz in Handelsbeziehungen und Konflikten, die noch lange nach Etablierung der Kolonien zu beobachten waren. Ähnlichen Aufwand betreibt er, um die Rolle weiblicher Akteurinnen für die Seefahrt im engeren Sinne aber auch für die maritime Kultur der Kleinen Antillen zu berücksichtigen. Doch auch wenn er einige wichtige Funde präsentieren kann, setzt ihm die Überlieferung hier klare Grenzen.
Das Werk verfügt über einen außergewöhnlich umfangreichen Anhang mit Karten, Tabellen, Indizes, einer ausführlichen synoptischen Zeitleiste und zahlreichen Abbildungen von Buchillustrationen, Hafenansichten und sogar Quellen.
Insgesamt leistet Ribeiro mit seiner Studie einen ebenso detailreichen wie konzeptionell überzeugenden Beitrag zur Geschichte der französischen Antillen und zur Geschichte litoraler Gesellschaften insgesamt. Es ist allerdings nicht der im Titel genannte, in den Quellen oft unsichtbare Seemann, sondern es sind vielmehr die Vielfalt maritimen Wissens und Handelns, die Ribeiro zur Basis seiner gelungenen Schlussfolgerungen macht. Seine Studie regt zu Vergleichen an und wird hoffentlich weitere Fallstudien inspirieren, in denen koloniale Gesellschaften zwischen Land und Meer in den Blick genommen werden.
Zitationsempfehlung/Pour citer cet article:
Jan Simon Karstens, Rezension von/compte rendu de: Nicolas Ribeiro, »Varreurs, flibustiers, mariniers …«. Les marins des Petites Antilles françaises dans les premiers temps de la colonisation, 1650–1713, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2025, 416 p., ISBN 978-2-7535-9827-0, EUR 28,00., in: Francia-Recensio 2026/1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815), DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.1.115241





